Alles auf Anfang

von Lieblingsmensch_ME am 1. Januar 2017 / Lesezeit: 7 Minuten

Willkommen im neuen Jahr! Hast du auch einen guten Vorsatz? Viele Menschen haben mindestens einen. Oft lautet er ganz ähnlich wie in dem Jahr davor: Ich höre auf zu Rauchen. Ich mache mehr Sport. Ich nehme bis zum Sommer 7 Kilo ab. Ich reduziere den Stress und verschaffe mir mehr Freiraum – mehr Zeit für mich. Meist sind diese sogenannten guten Vorsätze schon Mitte Januar wieder abgehakt, verloren gegangen im Alltag oder als nicht umsetzbar in einer inneren Schublade verschwunden. Bis zum Jahresende, wenn sie sich dann wieder in unsere Köpfe schleichen und uns daran erinnern, dass sie noch immer da sind, genauso un-umgesetzt wie in den Jahren zuvor.

„Dass etwas schwer ist, muss ein Grund mehr sein, es zu tun.“

Rainer Maria Rilke

Warum ist es so schwer, unliebsames Verhalten abzulegen und sich langfristig zu verändern?

In diesem Jahr habe ich zum Jahresende wieder ein Versprechen abgegeben. Doch anders als zuvor habe ich nicht versprochen, etwas nicht mehr zu tun. Ich habe versprochen, zu versuchen es nicht mehr zu tun. Denn anders als in den Jahren zuvor bin ich inzwischen um eine wichtige Erkenntnis reicher: Unliebsames Verhalten hat einen Grund. Oft sogar einen richtig guten. Es will uns schützen.

Was mir dabei half, das zu verstehen, ist Selbstmitgefühl. Es ist die Fähigkeit, mich mir selbst in schwierigen Erfahrungen (Gedanken, Emotionen und Empfindungen) mit liebevollem Bewusstsein zuwenden. Wie oft reagieren wir mit Verärgerung uns selbst gegenüber, wenn etwas nicht nach Plan läuft? Daraufhin fühlen wir uns meist noch schlechter. Selbstmitgefühl lehrte mich, mich stattdessen zu beruhigen und zu trösten, einfach weil ich mich schlecht fühle. So, wie ich es für einen geliebten Menschen auch tun würde.

Selbstmitgefühl erweitert meine Fähigkeit, mein emotionales Wohlbefinden zu verbessern.

Meist sieht es erst einmal nicht so aus, als wolle unser ungewolltes Verhalten für uns etwas Gutes. Was sollte gut daran sein, weiter zu rauchen? Warum sollte ich nicht zum Sport gehen und mich fit halten? Wie bitte soll es mir helfen, wenn ich im Sommer den Bikini 2 Größen größer kaufen muss? Oder wenn ich mich weiter mit Arbeit zuschütte und meine Gesundheit damit riskiere?

Auf den ersten Blick tragen nicht umgesetzte Vorsätze eher noch mehr dazu bei, dass du dich unwohl fühlst. Du weißt, du setzt deine Gesundheit auf’s Spiel, deine Leistungsfähigkeit bei der Arbeit, vielleicht sogar deine Partnerschaft oder Familie, Freundschaften, dein Selbstbewusstsein, deine Freude am Leben. Und du tust es dennoch. Wenn du dich jetzt zusätzlich noch über dich selbst ärgerst – welche Auswirkungen wird das auf dein emotionales Wohlbefinden haben?

Was, wenn noch viel mehr auf dem Spiel stünde?

Doch was, wenn hinter dem unliebsamen Verhalten für dich mehr steckt, als ein Raucherhusten, ein paar Kilos zu viel oder ein Herzinfarkt mit Anfang 50? Wenn diese Konsequenzen für dich noch das kleinere Übel sind? Was, wenn du dein unliebsames Verhalten brauchst, um noch viel Unangenehmeres von dir fern zu halten?

Motivation entsteht – und fühlt sich wohl – unter der Bedingung, dass Kopf und Bauch (oder Herz) dieselbe Sprache sprechen, sich einig sind. Einen guten Vorsatz durchzuhalten und umzusetzen gelingt nur dann, wenn ich das, was ich denke, auch fühle und umgekehrt: das, was ich fühle, auch denken kann.

Und zu oft widersprechen sich Kopf und Bauch – ganz besonders gern bei den beliebten guten Vorsätzen zum neuen Jahr. Die bestehen zu oft aus reinem Kopfmaterial: Denken, dass weniger Rauchen oder mehr Sport gesünder wäre. Denken, dass ich mit ein paar Kilo weniger in dem neuen Bikini besser aussehen würde. Denken, dass weniger Arbeit und mehr Freizeit mich glücklicher machen werden. Doch eines solltest du dabei nicht vergessen:

Wo du etwas wegnimmst, ersetze es durch etwas anderes – sonst entsteht eine Lücke.

Und diese Lücke entsteht durch die Diskrepanz zwischen Kopf und Bauch, wenn der Kopf sagt, hier geht’s lang und der Bauch meldet: Moment mal, was machen wir mit soviel Freizeit überhaupt? Oder: Was, wenn wir das nicht schaffen mit dem Abnehmen? Oder: Wie soll ich mich anders als mit Zigaretten beruhigen, wenn ich gestresst bin?

Der Bauch könnte Angst haben: Angst vor zu viel Zeit allein mit mir und meinen Gedanken, wenn ich weniger arbeite und plötzlich mehr Freizeit habe. Angst vor dem Scheitern und nicht abzunehmen und davor, im Sommer dann doch den Bikini in L statt S kaufen zu müssen. Oder Angst davor, nicht zu wissen, wie ich meinen Stress anders als mit dem Rauchen regulieren kann.

Das alles sind Gründe, sein Verhalten eben nicht zu verändern. Ziemlich gute Gründe, wie ich finde. Denn wer möchte sich schon freiwillig den Gefühlen stellen, vor denen das ungeliebte Verhalten uns (vielleicht schon seit vielen Jahren) beschützt?

Der gute Vorsatz vor dem guten Vorsatz könnte also in diesem Jahr lauten, zu versuchen, das Problemverhalten zu verstehen und den Bauch zu fragen, was dagegen spricht, es abzulegen oder ein neues Ziel zu verfolgen. Wovor hast du Angst – und was brauchst du, um es trotzdem zu tun und mit der Angst besser umgehen zu können (die Lücke zu füllen)?

Selbstmitgefühl als Mediator zwischen Kopf und Bauch.

Die oft verhärteten Fronten zwischen Kopf und Bauch sind ein wichtiges Einsatzgebiet für das Selbstmitgefühl. Es kann übersetzen, vermitteln und Kompromisse vorschlagen, in denen beide Parteien ihre Bedürfnisse anbringen können und ihre Sorgen berücksichtigt werden. Es kann so dabei unterstützen, eine Diät einzuhalten, mit dem Rauchen aufzuhören oder ein Teil der Verantwortung auf der Arbeit zugunsten von mehr Freizeit abzugeben.

Denn oft ist es nur ein Gesehenwerden, das sich der gefühlvolle Teil in uns wünscht. Manchmal reicht schon die Würdigung, dass er da ist und das Zuhören und Anerkennen seiner Sorgen. Ich kann dann erkennen, dass jedem Teil von mir – auch dem lieben inneren Schweinehund – im Grunde immer meine Interessen am Herzen liegen. Auch, wenn er sie manchmal in scheinbar gegensätzlichem Verhalten äußert.

Wenn ich also an mein eigenes Problemverhalten denke, so habe ich mir vorgenommen, zu versuchen, es nicht mehr zu tun. Und mir gleichzeitig mitfühlend zur Seite zu stehen, wie eine gute Freundin. Einerseits in dem Bewusstsein, dass mein ungeliebtes Verhalten für mich einen Sinn erfüllt, in meinem Interesse handelt. Und auch dann, wenn es mir nicht gelingt, es von heute an ganz zu lassen. Denn ich weiß es hat einen Grund. Sogar einen richtig guten.

Welches unliebsame Verhalten kannst du (noch) nicht ablegen oder was umzusetzen fällt dir gerade schwer? Lade doch deinen deinen Bauch (oder dein Herz) heute auf einen Kakao ein und frag ihn nach seinem guten Grund.

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