Alte Bekannte – Mit Scham und Schuld umgehen

Zwei Gesellen, die mir seit meinen Kindertagen sehr gut bekannt sind, sind Scham und Schuld. Mein ganzes (altes) Leben habe ich mich (unbewusst) dafür geschämt so zu sein, wie ich bin – und schuldig dafür, wenn ich nicht den Bedürfnissen Anderer nachkommen konnte oder wollte oder dass ich überhaupt eigene hatte. Ein kürzlicher Vorfall hat mich wieder daran erinnert.

Schuld wird im rechtlichen Sinn nach dem BHG in Strafsachen als „Vorwerfbarkeit“ definiert. Schuldzuweisungen dienen dazu, Menschen zu reglementieren, d.h. ihr Verhalten durch genaue Vorschriften zu regeln. Erhalten wir Schuldzuweisungen, fühlen wir Scham, ein Gefühl, das bei Menschen „ausgelöst werden [kann], wenn sie wahrnehmen, dass ihnen von anderen Personen Missbilligung entgegengebracht wird.“ [1]

Scham und Schuldgefühle erfüllen also eine gesellschaftliche Funktion.

Schuld bspw. kann auch für Erklärungszusammenhänge sorgen („Ich hätte es anders machen können“, „Hätte ich doch…“) und damit für ein Gefühl der Kontrolle. Und die wiederum hilft uns, mit schwierigen Situationen umzugehen. [2]

Ein Beispiel?
Kürzlich gab es Streit in der Familie. Eine Verwandte warf mir vor, in mehreren Situationen nicht so gehandelt zu haben, wie sie es von mir erwartet hätte. Das ist ja zunächst erstmal ihr Problem und nicht meines. Vor allem, wenn ich davon nichts weiß und zunächst monatelang geschwiegen wird und ich dann stillschweigend eben einfach nicht mehr zur nächsten Familienfeier eingeladen werde.

Auf Nachfrage entlud sich dann ein Berg von Wut, der wohl schon lange in ihr gegärt hatte. Sehr detailreich wurden mir sämtliche vermeintliche Verfehlungen eines halben Jahres geschildert.

Und obwohl ich weiß, es gibt eigentlich keinen Grund, fühle ich mich schuldig – als hätte ich etwas falsch gemacht.

Technisch warf sie mir einfach nur vor, ihren Vorstellungen von mir nicht nachgekommen zu sein. Doch ihre Vorstellungen von mir und wie ich mich zu verhalten habe – was gehen die mich an? Ich bin ich und ich bin nicht dazu da, ihre Bedürfnisse und Erwartungen an mich zu erfüllen. Ich bin nicht verantwortlich für ihre Gefühle. Ich löse sie maximal aus, aber sie sind in ihr.

 

Die Jagd nach dem Sündenbock ist die einfachste.
~ Dwight D. Eisenhower

 

Nunja, wenn es so einfach wäre. Für manche Menschen ist es das. Ich fragte meinen Mann, wie es ihm mit solchen Vorwürfen ginge. Er sagte: „Ich würde denken: Das ist halt XY’s Sicht, das hat mit mir nichts zu tun.“ Damit ist die Sache für ihn erledigt. Er weiß, er hat sich so verhalten, wie es für ihn richtig und gut ist. Und gut ist. Ich hingegen fange an mich zu rechtfertigen.

Für mich ist es nicht gut. Der innere Kritiker legt los und ein Kampf entbrennt.

Und mein selbstkritischer Anteil ist, wie wir wissen, nie besonders zimperlich mit mir umgegangen. Er haut ordentlich drauf:
„Du hättest dich anders verhalten müssen.“ „Das hättest du nicht sagen dürfen.“ „Sie hat Recht.“ „Du bist nicht ok.“

Und ich verfange mich in innerlichen Rechtfertigungen, warum das nicht stimmt und fühle gleichzeitig eine große Scham, dass ich nicht ok bin. Ich bin falsch, wertlos, nicht liebenswert.

Es ist mein inneres Kind, das sich so fühlt.

Ich spüre, dass das alte Gefühle sind, die mir sehr bekannt vorkommen. Als Kind von Eltern, denen ihre Bedürfnisse wichtiger waren als die ihrer Kinder, fand ich mich praktisch ständig in der Position, in der ich nur die Wahl hatte, ihre Bedürfnisse über meine zu stellen – oder wahlweise dafür abgelehnt zu werden, dass ich es nicht tat.

Ich tat es. Als Kind ist die Vorstellung unmöglich, von den eigenen Eltern abgelehnt zu werden. Es kommt einem Todesurteil gleich. Also tat ich alles, um nur ja geliebt zu werden – und damit sicher zu sein. Kontrolle zu haben. Und ich verschloss mein wahres Ich in mir – den Teil der offenbar falsch, wertlos und nicht liebenswert war.

Ich möchte nicht mehr die Bedürfnisse anderer erfüllen (müssen).

Heute reagiere ich im Allgemeinen sehr allergisch darauf, wenn mir ein Mensch seine Bedürfnisse überhelfen möchte. Wenn eine Botschaft mitschwingt, die in etwa lautet. „Wenn ich dir was bedeuten würde, würdest du es für mich tun.“ „Wenn nicht, kann ich dich leider nicht mehr lieb haben/mit dir befreundet sein.“ „Das gehört sich so.“ oder „Das würde jeder andere auch so tun.“

Oder eben: „Ich lade dich nicht mehr ein, weil du dich nicht so verhältst, wie ich es gerne hätte.“
Wohlgemerkt reden wir hier nicht von Verhalten, das andere mit Absicht stört, belästigt, verletzt oder kränkt. Wir sprechen davon, dass ich nur ich bin, so wie ich bin. Ich war lediglich zu der einen oder anderen Familienfeier nicht erschienen oder aber früher gegangen als andere. Dafür hatte ich meine ganz eigenen persönlichen Gründe.

Trotz Bewusstsein sind die alten Muster sehr stark.

Und obwohl ich das alles weiß, „belästigen“ mich seit Tagen diese Gedanken, ob nicht doch ich es war, die etwas falsch gemacht hat. Ob ich mich nicht den Anforderungen der anderen Person beugen sollte, nur um des lieben Friedens willen. Ob ich hätte meine Klappe halten sollen und nichts dazu sagen, wie es mir eigentlich in bestimmten Situationen geht und warum ich mich so und so verhalte. Ich gebe auf mich Acht, das ist eigentlich alles.

Doch genau das gefällt dem inneren Kritiker garnicht. Du und ich, wir wissen schon, warum er das nicht aushalten kann. Er hat so große Angst, dass wir abgelehnt werden. Ausgestoßen, ungeliebt – dem Tode geweiht. Ja, das ist seine Vorstellung von „ich selbst sein“. Ich selbst sein = Ablehnung = sicherer Tod. Klar, dass er mit allen Mitteln verhindern möchte, dass ich mich je von irgendjemandem abgelehnt fühle oder? Ich verstehe das. Ich gehe mitfühlend mit ihm und mir um.

Ist es denn so schlimm, abgelehnt zu werden?

Technisch nicht. Technisch weiß ich, dass kein Mensch von allen gemocht werden kann. Es auch garnicht notwendig ist. Es ist auch garnicht zielführend, sich für irgendjemanden zu verbiegen, nur um gemocht zu werden. Dann mögen die Menschen ja nicht dich, sondern nur deine Theatervorstellung, die du ihnen lieferst. Dein wahres Ich bleibt dann im Dunklen und schämt sich – so wie meines über 30 Jahre lang. Autsch.

Es sind „Unliebsame und schwer identifizierbare Introjekte, die oft tief verwurzelt bis ins Erwachsenenalter in uns arbeiten und nur durch gezielte psychotherapeutische Interventionen wieder aufgehoben werden können, […].“ [2], die es so schwer aushaltbar machen, mir „Schuld“ aufgeladen zu haben, indem ich den Bedürfnissen eines anderen Menschen, die als Anforderung, ja Bedingung!, an mich gestellt wurden, bewusst! nicht nachgekommen bin.

Ich lerne nur langsam, für mich einzustehen. Ganz so zu sein wie ich bin.

Und ich freunde mich mit dem Gedanken an, dass das nicht immer allen gefallen wird. Geschmäcker sind eben verschieden, so wie unsere Vorstellungen von Dingen und unsere Werte. Mir gefällt auch nicht alles, was die besagte Verwandte tut. Doch ich habe ja die Wahl, sie trotzdem zu mögen, wenn ich genug finde, was mir gefällt, oder sie zu meiden und den Kontakt zu beenden, wenn nicht*.

Ich kann darüber sprechen, was ihr Verhalten mit mir macht. In keinem Fall aber kann ich ihr doch direkte Vorwürfe darüber machen, nicht so zu sein, wie ich sie gerne hätte und sie mittels (verbaler) Gewalt dazu bringen, anders zu sein – nur damit ich mich besser fühle.

*) Das leidliche Thema „Aber es ist doch die Familie, da darf man doch den Kontakt nicht abbrechen! Da muss man doch…“, welches ganz besonders gerne zu den Feiertagen aufploppt, dazu schreibe ich vielleicht mal etwas im nächsten Jahr. Achtung, Spoiler: „Meine Familie suche ich mir selbst aus.“ Na, wie klingt das für dich?

In diesem Sinne, ein frohes neues, selbstbestimmtes, selbstmitfühlendes Jahr!

 

[1] Egidius, H.: Psykologielexikon, Natur & Kultur (2008). Abrufbar unter http://www.psykologieguiden.se

[2] http://kindergartenpaedagogik.de/fachartikel/bildungsbereiche-erziehungsfelder/soziale-und-emotionale-erziehung-persoenlichkeitsbildung/2293