Denn sie wissen nicht (mehr) wer sie sind – Narzisstische Bedürfnisse verstehen II

Können sich Menschen ändern? Ich bin der Meinung, ja! Die wichtigste Voraussetzung dafür ist, es auch zu wollen. Und sich bewusst darüber zu sein, dass es überhaupt möglich ist – und manchmal vielleicht auch ratsam wäre.

Vor einigen Jahren schrieb mir mal jemand:

 

man kann sich nicht an einem punkt in seinem leben entscheiden was für ein mensch man sein will – man kann sich nur entscheiden, zu akzeptieren was für ein mensch man ist und immer bleiben wird! und seinen frieden damit machen.

 

Und auf mich wirkte diese Aussage damals schon nicht unbedingt überzeugt, sondern eher resigniert. Da hatte sich aus meiner Perspektive jemand selbst aufgegeben.

Narzisstische Persönlichkeiten leben hinter einem Schleier aus Verleugnung der eigenen Gefühle.

Es ist ein Schutzpanzer aus Bewältigung, der sich ganz unterschiedlich äußern kann. Ich schreibe deswegen ungern von „dem Narzissten“ an sich. Was aber viele Typen vereint ist eine gewaltige Angst vor den eigenen Gefühlen, meist auch Nähe und echter Liebe, die als sehr bedrohlich empfunden wird, weil narzisstische Persönlichkeiten in ihrem Inneren glauben, nicht liebenswert zu sein.

Und das ist noch milde ausgedrückt. Aus eigener Erfahrung weiß ich, wie schwer es war, mich den eigenen Gefühlen zu stellen, die ich jahrelang nicht hatte fühlen wollen. Es ist harte Arbeit und manchmal wusste ich nicht, ob ich das schaffe – ja, schaffen will. Auch ich war an Punkten, an denen ich aufgeben wollte.
Wenn ich mir dann vorstelle, dass sich jemand noch wertloser fühlt, als ich es tat. Noch mehr Angst vor Nähe hat, weil er/sie als Kind verlassen, emotional missbraucht oder misshandelt wurde, dann habe ich Mitgefühl.

Sich den inneren Dämonen zu stellen, erfordert vor allem eine große Portion Mut.

Und als mutig habe ich die narzisstischen Personen in meinem Umfeld eher nicht erlebt. Es ist leicht, sich hinter Floskeln und Verallgemeinerungen wie „man kann nicht“ und „man muss“ zu verstecken. Damit gebe ich die Verantwortung ab und brauche mich nicht mehr zu kümmern.

Für narzisstische Persönlichkeiten ist dies aber keine bewusste Taktik mehr. Sie leben die Verantwortungslosigkeit. An einem Punkt in ihrem Leben waren die Gefühle so schwer auszuhalten, dass sie angefangen haben, sich einzureden (oder es ihnen sogar gesagt wurde), dass sie nicht liebenswert sind, dass es an ihnen läge, dass Personen sie verlassen. Dass sie NIE jemandem zeigen dürften wer sie wirklich sind, denn sonst wären sie verloren (würden sterben).

Die Glaubenssätze, die uns retten sollen, verinnerlichen wir bis zur Selbstaufgabe.

Es ist paradox. Wir fangen an, bestimmte Dinge über uns zu glauben, um uns selbst zu retten. Doch der Preis dafür: Wir verleugnen uns selbst. Und im Falle narzisstischer Persönlichkeiten unter Umständen ein Leben lang und irgendwann garnicht mehr bewusst, denn die innere Einstellung wird zu einem äußeren, dicken Panzer, der irgendwann nichts mehr nach innen oder außen lässt. Sie sind nur noch Hüllen ihrer Selbst, eine Fassade, an der unter Umständen ein ganzes Leben lang gearbeitet wird.

Dann glauben sie sich selbst, was sie sich jahrelang erzählt haben und verinnerlichen den Gedanken, sie wären wirklich so. Es wird zum Lebensmuster, diese neue Wahrheit unbedingt aufrecht zu erhalten. Niemand darf je erfahren, wie es wirklich in ihnen aussieht. Denn wenn jemand herausfinden würde, wie sie wirklich sind, würden sie wieder verlassen werden. Die Angst davor, das das doch einmal passieren könnte, ist unvorstellbar groß. Der scheinbar einfachere Weg ist es, sich komplett innerlich abzuschotten und eine Schein-Identität aufzubauen. Ist das noch eine Rettung?

Der Preis ist ein Leben ohne Lebensfreude. Es besteht nur noch aus Schutzmechanismen.

 

[…] es verhindert die Befreiung von schädlichen Prägungen und dem authentischen Lebensausdruck.[1]

Sowohl natürliche Freude, als auch Sanftmut, Empathie und echte menschliche Nähe sind in diesem Modus nicht mehr zugänglich. Die eigene Kälte und Härte merkt man aber selbst nicht mehr und versteckt sie auch nach außen meist recht gut hinter einer hübschen […] Fassade.[2]

 

Die Schwierigkeit für Begleitende, Partner_innen, Freund_innen dabei ist: Selbst (oder gerade) wenn du das Muster durchschaust, wird es eher noch schwieriger. Die Hilflosigkeit, dabei zuzusehen, wie sich ein im Grunde wundervoller Mensch (wie wir alle) so sehr selbst verleugnet, tut im Herzen weh und ist schwer zu ertragen. Dann springen unsere „sie/er müsste doch nur“ oder „sie/er kann doch nicht“-Sätze an und es fällt uns schwer zu akzeptieren, dass sich das vielleicht nie ändern wird. Obwohl es möglich wäre.

 

Heilung passiert in meiner Erfahrung dann, wenn ich eine Spannung absolut intim fühlen und gleichzeitig die Frequenz meiner Seele halten kann – wenn ich also wach bleibe und mich selbst in, durch und jenseits dieser Spannung wiederfinden kann. Wenn ich mich an mich selbst erinnere.[2]

 

Ein Gespräch darüber zu beginnen ist oft genug zum Scheitern verurteilt, weil die narzisstische Person unter Umständen aus diesen Mustern nicht mehr ausbrechen kann. Ich sage nicht mal will, weil ich den Eindruck habe, dass sie oft selbst nicht glücklich mit ihrem Versteckspiel sind, sich verirrt haben aber den Weg nicht mehr herausfinden. Ich sehe es in ihren Augen, in den Abwehrreaktionen, in der Haltung. Es zeigt sich ganz vielfältig. Sie haben sich selbst darin vergessen.

Das Versteckspiel ist Normalität geworden und wird um jeden Preis verteidigt.

Doch sie sind damit auch Gefangene in ihren eigenen Mustern und das tut mir leid für sie. Sie glauben vielleicht so sehr, nicht gut genug zu sein, dass sie sogar glauben, es auch nicht ändern zu können. Nach außen zeigt sich leider oft ein völlig anderes Bild. Da werden Grandiosität und Selbstgerechtigkeit gelebt, die Fassade renoviert, die Mauer wird immer dicker.

Es zeigt sich im teilweise schlechten Umgang mit ihren Mitmenschen, eigenen Familien, Partner_innen, Kindern. Die Crux ist dabei die Subtilität, denn sie gelten im Bekanntenkreis oft als Entertainer, perfekte Eltern, Chefs, nette Bekannte. Oberflächlich betrachtet.

Auch der „irre schlaue und schöne und begabte“[3] Schwan hat eine dunkle Seite, die er niemandem zeigen möchte.

Und bei allem Mitgefühl für die Ursachen und Verständnis für die Betroffenen: In mir entsteht dann viel Wut und Verzweiflung, wenn ich daran denke, dass Kinder (wie ich) mit diesen Menschen aufwachsen, die den Kontakt zu sich selbst abgebrochen haben. Diese Kinder erfahren unter Umständen selbst keine echte Nähe, Liebe und Zuneigung und das Drama setzt sich fort. Solange bis eine besonders mutige Person sich traut, in ihr Innerstes zu blicken, und diesen Kreislauf durchbricht. Eine Person, die aufhört, den oft schon über Generationen bestehenden Glaubenssätzen zu folgen und sich dagegen zur Wehr setzt.

 

Es ist wahrscheinlich in letzter Konsequenz eine Frage des Bewusstseins, welchen Weg man wählt. Und warum manche sich der Bewusstheit zuwenden und manche nicht, kann ich auch nicht sagen. Das ist ein Rätsel, das ich bisher nicht lösen konnte.[1]

 

Letztendlich kann ich dabei bleiben, dass ich daran glaube, dass jeder Mensch sich verändern kann, auch u.U, schwer narzisstische Persönlichkeiten. Es braucht dafür viel Mut, Kraft und einen starken Willen zum (Über)Leben.

Ob ich aber akzeptieren kann, dass Einzelne es nicht wollen oder können im Sinne von fehlendem Mut und Einsicht, erlernter Hilflosigkeit oder nackter Angst, und stattdessen resignieren  – das ist eine Sache, die nur ich für mich allein beantworten kann. Ich kann definitiv nicht die Anderen verändern, nur mich selbst. Ob und wie ich damit umgehen kann, steht auf einem ganz anderen Blatt.

 

[1] https://emj57.wordpress.com/2015/08/26/warum-narzissten-nicht-wissen-dass-sie-narzissten-sind
[2] https://www.sein.de/warum-akzeptieren-nicht-funktioniert
[3] Facebook-Profil S.K.