Die Geister der Vergangenheit – Mit Retraumatisierung umgehen

von Lieblingsmensch_ME am 14. Dezember 2018 / Lesezeit: 5 Minuten

Ende November hat mich nicht der Geist der vergangenen Weihnacht eingeholt, sondern der Geist einer lange zurückliegenden Situation in meiner Kindheit, die ich bisher noch nie richtig bearbeitet und angeschaut habe. Wie es aber so ist mit unseren Geistern und Dämonen: Sie melden sich dann zurück, wenn deine Seele bereit dazu ist.

Um ehrlich zu sein, ich fühlte mich nicht bereit.

Es hat mich ziemlich kalt erwischt. Durch eine erlebte Situation im Heute wurden bei mir (auch noch im Urlaub weit weg von zuhause) alte Gefühle angestoßen. Die Situation war offenbar der in meiner Kindheit sehr, sehr ähnlich. Und dann waren sie wieder da, die Gefühle dazu: Angst, Hilflosigkeit und Verzweiflung.

Doch was bedeutet Retraumatisierung überhaupt? Maercker und Rosner schreiben dazu:

 

„Als Retraumatisierung werden Vorgehensweisen bezeichnet, die die Patienten nur emotional belasten und keine nachhaltige Erleichterung verschaffen. In ihrer schlimmsten Form können sie, bedingt durch die mangelnden emotionalen Stabilisierungsmöglichkeiten des Traumatisierten, zu einer lang anhaltenden Verschlechterung führen. In den weniger schwer wiegenden Fällen kommt es zu einer Reaktualisierung des Traumas, die der Betroffene zwar selbst zu bewältigen imstande ist, die aber kurzfristig zu einer Verschlechterung führen kann.“ [1]

 

Ich weiß nicht, ob ich eine Retraumatisierung erlebe, doch es fühlt sich sehr danach an. Zum Glück habe ich in all den Jahren Therapie gelernt, Metaebenen zu bilden und mich von meinen Gefühlen zu distanzieren.

Ich kann mich innerlich neben das Gefühl stellen und es betrachten.

Ich habe gelernt, dass ich ein Gefühl habe – und nicht mein Gefühl bin. Das ist Kopfsache. Wenn mich dann allerdings sehr starke Gefühle von Angst und Hilflosigkeit geradezu überfluten, ist mir das auch nicht immer möglich und ich stecke mittendrin, bin mit dem Gefühl identifiziert.

Ich werde dann wieder zu dem Kind, das die Gefühle damals schon spürte und erstarre wieder wie zu Eis. Doch mit viel Geduld gelingt es mir, mich zu trennen und zu erkennen: „Ich (das 7-jährige Mädchen in mir) habe gerade große Angst. Diese Angst spüre ich im Körper – mir ist schlecht, mein Darm spielt Achterbahn und mir wird schwindelig. Aha, mein Körper schaltet auf Alarm-System.“ Das hilft mir, nicht zu sehr im Gefühl unterzugehen – und mich zu fragen:

Was brauche ich jetzt? Was hätte ich damals in der Situation gebraucht?

Ich höre dem inneren Kind zu und erfahre: Sie fühlt sich unglaublich alleine und hilflos und hat schreckliche Angst. Was sie braucht, ist eine starke zuverlässige Erwachsene, die diese Angst ernst nimmt und das Mädchen jetzt ganz festhält.

Wir lernen in unserer eigenen Sozialisierung auch oft ein „Trösten“. Ist ja nicht so schlimm, hab doch keine Angst, das wird schon wieder. Doch das ist Invalidierung der Gefühle! Doch, es gibt (es gab damals) Grund Angst zu haben, es ist völlig ok! Hier kommt jetzt wieder das Selbstmitgefühl ins Spiel: Was ich jetzt brauche ist vor allem Mitgefühl. Und ich mag es, wenn ich mir dann eine Mitgefühls-Übung anhöre und zu meinem inneren Kind sage:

Es tut mir so leid, dass es gerade so schwer für dich ist. Du hast dir nicht ausgesucht, dich so zu fühlen. Es ist deine natürliche Reaktion.

Das ist Selbstannahme und Mitgefühl! Es ist validierend und annehmend. Es ist Liebe.
Dabei halte ich mich selbst (auch wenn es komisch klingt und vielleicht aussieht) und damit mein inneres verängstigtes Mädchen ganz fest und gebe Halt und Sicherheit.

Und allein das Annehmen des Gefühls wie es jetzt da ist – anstatt sich weiter mit aller Kraft dagegen zu wehren, weil es so unangenehm ist – bewirkt in den allermeisten Fällen, dass sich das Gefühl beruhigen kann. Die Angst wird kleiner und kleiner und geht vorbei. Auch das ist eine ganz wichtige Erfahrung für mich:

Du kannst die Gefühle wie eine Welle reiten. Sie werden schwächer und laufen irgendwann aus.

Das ist auch bekannt als eine Fertigkeit zur Emotionsregulation: Emotionssurfing. Grundlage ist die radikale Akzeptanz, die wir durch Selbstmitgefühl erreichen können:

 

Ich akzeptiere das Gefühl, es darf da sein.

Das bedeutet auch: Ich frage nicht nach dem Warum oder dem Wieso?

Ich nehme eine annehmende Haltung ein. Ich beschreibe die Emotion und ich nehme die Intensität der Emotion wahr. [2]

 

Und ich füge noch hinzu:

Ich bin für mich selbst in diesem schweren Moment da und gebe mir dafür Mitgefühl.

Nach insgesamt 3 Wochen merke ich eine Verbesserung meiner Situation. Die alte Angst löst sich Stück für Stück aus meinem Körper und wird schwächer. Immerhin hatte sie ja über 30 Jahre dort festgesteckt – es braucht alles seine Zeit. Ich habe mir Hilfe gesucht und war beim Arzt und bei meinem Therapeuten. Sehr schwere Traumata sind unter Umständen nicht alleine zuhause zu bewältigen und benötigen vielleicht nochmal eine stationäre Phase.

Ich denke, ich habe hier sehr von meinen vielen Jahren Therapieerfahrung profitiert. Ich fühle mich erschöpft, und auch dankbar, dass wieder ein Ziegelstein meiner Vergangenheit losgetreten werden konnte, die festgesteckten Gefühle den Weg nach draußen gefunden haben und ich die Beziehung zu meinem inneren Mädchen stärken konnte.

 

[1] Andreas Maercker (Hrsg.): Posttraumatische Belastungsstörungen. 3., vollständig neubearbeitete und erweiterte Auflage. Springer, Berlin 2009

[2] https://meinwegmitborderline.wordpress.com/dbt/modul-umgang-mit-gefuhlen/emotionssurfing/

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