Die kleine Geburt – Ein viel zu früher Abschied

Selten war ich dem buddhistisch geprägten Motto meines Blogs „Leid gehört zum Leben dazu“ näher als in den letzen Wochen. Heute möchte ich über eine besonders schwere Zeit berichten, die emotional von himmelhochjauchzend bis hin zu zu Tode betrübt reichte.

Vor einigen Tagen hatte ich eine Ausschabung (medizinisch: Kürettage oder Abrasio) nach einer Fehlgeburt. Ich möchte darüber schreiben, weil Schreiben seit vielen Jahren mein Medium zum Verarbeiten vom emotional schwerem „Stoff“ ist – und um es nicht zu verschweigen.

Eine Fehlgeburt (medizinisch: Abort) wird manchmal auch als „kleine Geburt“ bezeichnet, was ich schöner und passender finde als „Fehl“geburt. Auch das „Verlieren“ eines Kindes empfinde ich sprachlich als schwierig. Aber wie du es auch nennen möchtest – es ist ein viel zu früher Abschied.

—- Achtung Trigger: Ich schreibe über Anzeichen und Auswirkungen einer Fehlgeburt, Ausschabung etc. inkl. Blutungen etc. —–

Jede zehnte bis fünfzehnte Schwangerschaft endet in einer Fehlgeburt. Untersuchungen der Charité in Berlin (Dr. A Bergner et al., 2009) haben gezeigt, dass viele Frauen sich nach einem Abort schuldig fühlen und depressive Krankheitssymptome entwickeln. Eine von 5 Frauen leidet sogar noch 1 Jahr später an einer Depression. Wie gut eine Fehlgeburt verarbeitet wird hängt u.a. von einem wichtigen Faktor ab: Der Qualität der Paarbeziehung.
Ich denke auch, dass der Umgang in der Familie, der Beziehung und mit Freunden eine wichtige Rolle spielt. Ich bin erschrocken, von wem ich im Zuge einer geglückten Schwangerschaft überhaupt erst erfahren habe, dass sie vorher – teilweise auch mehrmals – betroffen waren. Warum machen so viele Familien das unter sich aus? Sind es die Schuldgefühle, das Gefühl, gescheitert zu sein? Schämen sich Frauen für ihre Fehlgeburt?

Auch ich hatte solche Gefühle, ja. Doch von vorn:

Mi, 18.09.19
Schon seit einer Woche liegt ein Schwangerschaftstest in dem Regal gegenüber der Toilette. Es ist ca. 6:00 Uhr morgens und ich überlege noch, ob ich ihn heute einfach mal mache. Seit etwas mehr als einer Woche habe ich das Gefühl, das etwas anders ist als sonst. Ich habe noch nie einen regelmäßigen Zyklus gehabt, deshalb kann ich mich nicht auf den sog. NMT (nächster M.-Tag) verlassen. Aber etwas ist anders diesmal. Meine Brüste werden größer und schmerzen. Deutlich größer und mehr als sonst in den Tagen vor den Tagen.

Jetzt sitze ich hier und denke: Ich mache es einfach, ist sowieso negativ. Dann weiß ich es wenigstens. Ich habe in den letzten Jahren schon hier und da immer wieder mal einen Test gemacht – nie war einer positiv. Ich war dabei, mich damit anzufreunden, dass für uns das Thema eigene Kinder abgeschlossen werden kann (ich habe mich schon vor längerer Zeit klar gegen eine medizinische Kinderwunschbehandlung entschieden und mein Mann ist damit einverstanden).

Als ich nach 3 Minuten den Test umdrehe bin ich nicht vorbereitet. Da ist eine zweite Linie. Ich fange an zu zittern – vor Freude und auch vor Angst. Laufe nach oben ins Schlafzimmer und zeige den Test meinem Mann, immernoch zittrig und ungläubig. Er nimmt mich in den Arm. Dann liegen wir noch ca. 10 Minuten im Bett und starren schweigend die Decke an. Schwanger also, Und jetzt?!

Do, 19.09.19
Gleich für den nächsten Tag hatte meine Ärztin einen Termin zur Bestätigung der Schwangerschaft frei. Der Test vor Ort ist ebenfalls positiv und sie gratuliert mir. Mir kommt alles noch fremd und unwirklich vor. Auf dem Ultraschall ist praktisch noch nichts zu sehen, obwohl ich rechnerisch schon in der 6. Woche sein müsste. Doch aufgrund meiner unregelmäßigen Zyklen würde sich wohl alles 1-2 Wochen nach hinten verschoben haben. In 2 Wochen soll ich wiederkommen.

Di, 01.10.19
In den letzten 2 Wochen habe ich eine ordentliche Achterbahnfahrt der Gefühle erlebt. Da ich unter panischer Angst vor Erbrechen leide, war jegliches flaue Gefühl im Bauch mit Angst verknüpft, ich war unruhig und überhaupt nicht entspannt. Später werde ich mich fragen, ob meine Ängste vielleicht dazu beigetragen haben, dass die Schwangerschaft nicht gehalten hat.
Beim Arzt sieht man nun schon deutlich mehr, aber immernoch viel weniger als erhofft. Der Embryo ist bisher nur 1mm groß. Noch immer können kein Schwangerschaftsalter und Geburtstermin berechnet werden. Kein Mutterpass, keine Blutuntersuchung. In 2 Wochen soll ich wiederkommen.

Di, 15.10.19
Zum Glück ist mir bisher nie richtig übel gewesen, ich habe nur einen furchtbaren Hunger die ganze Zeit. Wenn ich nicht regelmäßig esse und der Magen leer wird, wird mir schlecht. Essen hilft dagegen, was für mich eine völlig neue Erfahrung ist und mit viel Überwindung verbunden, da ich stetig Angst habe, ich könnte erbrechen. Auch war ich schon seit ca. 3 Wochen immer unglaublich müde und ich schlief auch tagsüber viel – wohl ein ganz typisches Anzeichen.
Seit dem letzten Termin sollte das Baby nun schön gewachsen sein und wir das Herz schon schlagen sehen. Ich bin alleine beim Arzt und leider bin ich nach dem Termin wieder enttäuscht und besorgt.
Der Embryo misst nur 4mm, dabei war ich selbst mit gutem Willen rechnerisch bereits mindestens in der 8. Woche. Das Ultraschallgerät zeigte nur 6+1, was rechnerisch so nicht mehr möglich war, da dann der Test vor Empfängnis positiv gewesen wäre.
Dennoch war ein winziges Flackern zu sehen, aus dem hoffentlich bald ein Herzschlag werden würde. Mit sehr gemischten Gefühlen ging ich in die eine Woche bis zum nächsten Termin.

Di, 22.10.19
Seit dem Wochenende gingen die typischen Symptome meiner Schwangerschaft zurück. Ich war nicht mehr so müde, die Brüste taten weniger weh, der Hunger ging weg, der Appetit kam wieder. Innerlich beschäftigte ich mich in dieser Woche schon damit, dass die Schwangerschaft eventuell nicht halten würde.
Ich war in dieser Woche extrem antriebslos und fast schon depressiv. Heute würde ich sagen, dass ich da mein Körper und vielleicht auch die Seele schon wussten, dass etwas nicht stimmte.
Das bestätigte sich leider beim Termin. Spätestens jetzt sollte das Baby 1mm am Tag gewachsen sein, also nach letzte Woche ca. 1cm messen und ein Herzschlag deutlich erkennbar sein. Die Ärztin schaute zunächst alleine auf den Bildschirm. Ich starrte an die Decke… 3…4…5….6….7….8…….9…….10 lange Sekunden… bevor sie es sagte.
Rechnerisch sollte ich nun in der 9. Woche sein, doch das Gerät maß weiterhin nur 6+1, 4mm. Kein Herzschlag zu sehen.

Ich zog mich wieder an und was die Ärztin danach noch zu mir sagte, kam nur noch halb bei mir an. Ich solle morgen und 2 Tage später zum Bluttest kommen, Freitag zur Besprechung und in einer Woche nochmal zum Ultraschall. Doch ich wollte erstmal nur noch Weinen und verließ erstmal die Praxis. Danach sagte ich noch Bescheid, dass ich keinen Test möchte, ich wisse es ja sowieso schon. Die Ärztin sagte noch, es täte ihr sehr leid.

Ich habe dann meinen Mann angerufen, der gerade auf Geschäftsreise war.

Ich war an dem Tag am Nachmittag noch arbeiten, habe einen Resilienz-Kurs in einer Gruppe gegeben. Heute weiß ich nicht mehr, wie ich das gemacht habe. Vielleicht habe ich mich noch an ein letztes Fünkchen Hoffnung geklammert und versucht, die Normalität aufrecht zu erhalten.

Am Abend lag ich dann zuhause und starrte wieder die Decke an. Mein Mann würde erst am nächsten Tag kommen können und ich war alleine. Dann kamen sie: die Schuldgefühle und nagenden Zweifel. Hatte ich mein Baby vielleicht selbst umgebracht? Hat meine Brech-Angst zuviel Stress beim Baby ausgelöst? War die eine Kopfschmerztablette zuviel? Hätte ich den einen Käse nicht essen sollen? Nicht mehr mit meinem ungefederten Fahrrad fahren sollen? Nicht mehr Bouldern gehen?
Oder bin ich vielleicht überhaupt unfähig, ein gesundes Kind in die Welt zu setzen? Ist mein Körper dazu nicht in der Lage, stimmt etwas mit mir nicht?
Es war eine schlimme Nacht. Vor lauter Zweifeln hatte ich noch garkeine Gelegenheit, überhaupt traurig zu sein.

Ich hatte mein Baby verloren. Ich mag die Formulierung garnicht, da sie so klingt, als hätte ich nur besser aufpassen sollen, dann hätte ich es nicht „verloren“. Sie suggeriert mir noch mehr Schuldgefühle.

Mi, 23.10.19
Morgens war ich wieder arbeiten. Manchmal tut es mir gut, mich mit anderen zu beschäftigen. Ich lenke mich damit kurz von meinen Problemen ab. Nicht dauerhaft, aber für 2-3 Stunden ist es eine Entlastung und es tut mir auch gut und fällt mir leicht, in der Zeit für andere da zu sein.

An den Nachmittag und Abend kann ich mich nicht recht erinnern. Ich weiß nur dass abends mein Mann nach Hause kam und wir den nächsten Tag gemeinsam verbracht haben. Wir waren spazieren und Kuchen essen, haben geredet und geschwiegen und geweint und gelacht.
Ich glaube auch, dass die Beziehung zwischen den Partnern eine wesentliche Rolle spielt, wie eine Fehlgeburt verarbeitet werden kann. Mein Mann nimmt mich immer ernst in meinen Gefühlen, auch wenn er sie nicht immer nachvollziehen oder mitfühlen kann. Er ist einfach da und fängt mich auf.
So war es auch diesmal. Auch in dieser Situation hat er noch nicht denselben Bezug zum Vatersein wie ich zum Muttersein. Ich war mit dem positiven Testergebnis sofort eine Mutter, hormonell, körperlich, emotional. Er hingegen konnte sich noch garnicht richtig einfühlen, man sah bisher nichts und er war bei keinem Ultraschall dabei. Es ist nicht leicht, ich fühle mich mit meiner Trauer und den ganzen schwierigen Gefühlen zweitweise auch ziemlich allein… weil ich allein bin. Niemand sonst kann das was mir hier passiert hier  zu 100% mitempfinden.

Doch mein Mann gibt sich wirklich allergrößte Mühe für mich da zu sein. Er mag nicht für jede der perfekte Ehemann sein – aber für mich ist er es. Und er ist mit ein Grund warum ich weiß, dass ich das hier gut überstehen werde.

Der andere ist meine gute trainierte Resilienz. Ich spüre deutlich, was ich mir in den letzten 6 Jahren erarbeitet habe und dass ich stärker geworden bin. Das hier ist eine absolute emotionale Ausnahmesituation und dennoch weiß ich, dass es sie bewältigen kann. Ich kann sogar bei allem Negativen das Positive/Realistische an der Situation erkennen: Wir können überhaupt schwanger werden, das ist toll! Frühe Aborte passieren oft und oft sogar sehr früh und unbemerkt von den Frauen, die dann u.U. denken, ihre Menstruation hätte sich verspätet. Vielleicht war ich sogar selbst schon schwanger?!
Und: Es war nicht meine Schuld, dass es nicht geklappt hat. Ich nehme sie deutlich wahr, die kritischen Stimmen, die mir die Schuld geben wollen. Doch ich weiß inzwischen gut, dass dies nur ein Versuch ist, die Kontrolle zurück zu gewinnen. Wenn ich Schuld habe, habe ich einen Fehler gemacht – und dann kann ich beim nächsten Mal dafür sorgen, etwas anders oder besser zu machen.
Unser Geist sehnt sich nach Kontrolle. Vor allem wenn wir uns so wahnsinnig hilflos fühlen wie in dieser Situation. Ich konnte nichts tun, es war einfach so. Es war nicht meine Schuld. Und wie sehr wünschte ich es wäre meine Schuld, dann würde ich mich nicht so irre hilflos fühlen!

Mo, 28.10.19
Ich will meine Hilflosigkeit bekämpfen (ja, ist mir bewusst) und hole mir eine zweite Meinung bei einer anderen Ärztin. Diese kommt leider zu keinem anderen Ergebnis. Auch 7 Tage nach dem letzten Termin gibt es kein Lebenszeichen von meinem winzigen kleinen Würmchen. Es war nicht weiter gewachsen. Ich bin recht gefasst, trotz des Fünkchens Hoffnung, das zuletzt stirbt.
Wir besprechen die Optionen. Am Wochenende hatte ich schon mit einer Freundin gesprochen, die ebenfalls eine Fehlgeburt hatte und natürlich abgehen lassen wollte, dann aber doch währenddessen ins Krankenhaus musste. Außerdem mit einer angehenden Hebamme im Freundeskreis, die ebenfalls die natürliche „kleine Geburt“, also zu warten bis der Körper es selbst abstieß, befürwortete.

Die andere Option ist eine Ausschabung (medizinisch: Kürettage oder Abrasio). Dabei wird der Gebärmutterinhalt zunächst abgesaugt und dann ggf. noch Reste des Schwangerschaftsmaterials ausgeschabt. Das Ganze findet unter einer kurzzeitigen Vollnarkose (ca. 15 min) statt. Der Vorteil gegenüber der natürlichen Variante ist die schnelle „Klärung“, da hier weniger Gefahr besteht, dass Material  zurückbleibt und sich ggf. entzünden könnte. Manche Frauen möchten vielleicht auch einfach nicht so lange warten, bis der Körper es von allein regelt. Möglich ist es aber, sonst wären wir als Menschheit heute nicht hier.
Die Ärztin überlässt es auch mir. Sie hat bereits eine beginnende Blutung in der Untersuchung festgestellt, es könnte also nun von alleine losgehen. Dennoch gibt sie mir eine Überweisung ins Krankenhaus mit, falls ich mich anders entscheiden sollte.

Ich bin unsicher. Mir macht beides Angst. Es alleine zuhause durchzustehen genauso wie eine OP. Ich kann garnicht sagen, was mir mehr Angst macht.
In jedem Fall aber bin ich froh, dass ich noch diese eine Woche Zeit hatte, Abschied zu nehmen. Ich habe in den letzten Wochen oft gelesen, dass Frauen direkt einen Tag nach der Nachricht zur Ausschabung gehen. Ich glaube, das hätte ich nicht gekonnt, es wäre für mich viel zu früh gewesen.

Am Wochenende haben mein Mann und ich in unserer Werkstatt einen Stern und ein Herz aus Holz gebastelt, die wir an den Pflaumenbaum vor dem Küchenfenster hängen wollen. Außerdem habe ich den Test, die Ultraschallbilder, getrocknete Rosen aus dem Garten und eine kleine Karte in eine Kiste gepackt. Mein Mann schlug vor, dass wir sie verbrennen und die Asche unter dem Pflaumenbaum vergraben und ich finde das eine schöne Idee. Ich möchte das machen, sobald unser Baby „gegangen“ ist – auf welchem Weg auch immer. Noch ist es da, in meinem Bauch. Winzig. Unsichtbar. Leblos. Und doch da.

Di, 29.10.19
Ich habe die Vorgespräche im Krankenhaus. Über 3 Stunden warte ich die meiste Zeit und weine viel. Aus Frust über das Warten, die relative Gefühllosigkeit des Personals, meinen Verlust. Ich sitze einfach da und weine und es tut mir gut. Ich bekomme einen Termin für Freitag nachmittags.

Mi, 30.10.19
Ich bin nochmal in der Klinik, um meine Blutgruppe + Rhesus-Faktor zu erfahren (wegen der Anti-D-Prophylaxe: notwendige Impfung für Rhesus-negative Schwangere). Ich bin Rh negativ und darf gleich noch am selben Tag impfen gehen, da inzwischen eine Blutung eingesetzt hat.
Hier bespreche ich auch nochmal mit der Ärztin, ob ich abwarten oder die OP wahrnehmen sollte. Wie gesagt, mir macht beides gleich viel Angst. Eventuelle Schmerzen, Kreislaufprobleme, am Ende doch ins Krankenhaus müssen – gegen Narkose, möglicher Übelkeit danach, Schmerzen danach, emotionaler Verlust….
Wir finden einen Kompromiss mit dem ich gut leben kann: Vor der OP am Freitag soll nochmal ein Ultraschall gemacht werden, wie weit die Blutung fortgeschritten ist, wie es mir geht und ob die OP noch notwendig ist und ich sie möchte. Damit kann ich leben. Es ist ein Mittelweg mit Ausstiegs-Option.

Fr, 01.11.19
Ich habe mich selbst und ohne Ultraschall nach erneuter Beratung mit der Ärztin vor Ort zur OP entschieden. Es hat in den letzten Tagen nicht so viel geblutet, dass alles hätte abgehen können. Und dennoch soviel, dass ich in irgendeiner Weise Anteil an dem Abschied nehmen konnte. Ich kann es nicht besser beschreiben. Es war wichtig für mich, irgendwie dabei zu sein, wenn es sich verabschiedet.
Und gleichzeitig wollte ich dann nicht zu lange warten (solche Blutungen können auch lange dauern, Tage oder Wochen) und auch abschließen können. Es fing nun an, sich komisch anzufühlen, das tote Kind weiter in mir zu tragen. Deshalb empfinde ich die OP jetzt als sicheren Abschluss für mich.
Vor der OP spricht noch eine Schwester mit mir über das Baby, den Verlust und Beratungsmöglichkeiten. Außerdem macht das Krankenhaus regelmäßig Sammelbestattungen für Fehlgeburten, an denen man freiwillig dann teilnehmen und sogar noch eine Grabbeigabe mitgeben kann. Ich finde es tröstlich, dass unser Baby, auch wenn es noch garkeines war, richtig bestattet werden wird.

Nach der OP habe ich nur verhältnismäßig leichte Schmerzen und Blutungen und kann das Krankenhaus gute 2 Stunden später auch schon verlassen.

Zwischendurch erzählt mir mein Mann, dass er, während er in der  Wartezeit (ich wartete von 11-16.30 Uhr in der Klinik auf die OP) zu Hause war, auch plötzlich sehr traurig wurde. Ich fragte nach seinen Gedanken und er konnte keine identifizieren. Nur eine große Traurigkeit. Ich bin froh, dass er mir das sagt und mit mir teilt. Bisher hat er noch wenig eigene Gefühle zu unserer Situation  zeigen können und für mich war das teils schwer.  Jede/r trauert anders und Männer verarbeiten so ein Ereignis vielleicht sowieso nochmal ganz anders. Ich denke es ist wichtig, darüber in Kontakt zu bleiben, was geschieht.

Sa, 02.11.19
Wir sind früh in unseren Garten gefahren. Hier machen wir am Nachmittag ein Feuer und verbrennen die kleine Kiste. Dann nehmen wir ein wenig von der Asche und vergraben sie unter dem Pflaumenbaum vor dem Küchenfenster. Ich hänge den Stern und das Herz aus Holz auf und stelle noch eine kleine Laterne mit einer Kerze drin unter den Baum.

Nun können wir vom Küchenfenster jederzeit die Erinnerung an unser erstes Baby wachrufen. Wir hatten nur wenige Wochen Zeit mit ihm, diese waren aber umso intensiver und lehrreich für mich und uns. Auch, was unsere Beziehung zueinander betrifft und dass wir solche schweren Zeiten gemeinsam durchstehen können. Das haben wir schon oft bewiesen, doch diesmal ist es nochmal ganz besonders herausfordernd.

Mein Körper arbeitet noch, ich habe auch 4 Tage nach der OP noch ein Ziehen und eine leichte Blutung. Die körperlichen Wunden werden bald heilen, die seelischen auch, da bin ich sicher.

Ich bin unglaublich dankbar für den besten Ehemann der Welt, den ich wahnsinnig doll liebe und der einmal ein ganz wunderbarer Vater sein wird. Und ich eine wunderbare Mutter – das sagt er zumindest. Ich bin auch dankbar für die Erfahrung als solche – so schlimm wie sie war, ich werde auch daran wachsen – und dass wir offenbar vielleicht doch eines Tages Eltern werden können.

Und zu guter Letzt bin ich froh, dass wir uns miteinander die Zeit gelassen haben, uns in unserem eigenen Tempo zu verabschieden.
Das alles wünsche ich allen Paaren und Frauen, die gerade Ähnliches erleben – viel Zeit, Geduld, Liebe und Vertrauen. Das Universum hat irgendwas im Sinn bei allem was es tut. Ich glaube fest daran. Auch wenn es sich in manchen Momenten wie ein mieser Verräter verhält.

 

Und ich rate auch dir: Rede darüber, verschweige es nicht. Rede mit deinem/r Partner/in, mit Freund/innen, Eltern, es gibt Beratungsstellen und Krisendienste, auch in deiner Nähe. Niemand sollte mit so einem Verlust alleine bleiben, auch nicht als Paar. Denn wir sprechen hier auch über die Gefahr einer psychischen Störung, wenn eine so enorme seelische Belastung unverarbeitet bleibt. Denn auch wenn ich aktiv daran arbeite, die Akzeptanz gegenüber psychischen Erkrankungen zu erhöhen, so bin ich doch noch mehr daran interessiert, sie, wann immer möglich, von vornherein zu vermeiden.

 

Quelle:
A. Bergner et al.: Trauer, Bewältigung und subjektive Ursachenzuschreibungen nach Frühaborten: Adaptivität von Verarbeitungsmustern untersucht in einer Längsschnittstudie.
PPmP – Psychotherapie Psychosomatik und Medizinische Psychologie 2009; 59 (2):
S. 57-67