Das Muster deines Lebens – Was ist Schematherapie?

Ein Überblick über die Schematherapie aus eigener Erfahrung

von Lieblingsmensch_ME am 21. Februar 2018 / Lesezeit: 7 Minuten

Die Schematherapie gehört zu den kognitiv-verhaltenstherapeutischen Therapieformen. Jeffrey E. Young (* 9. März 1950), ein US-amerikanischer Psychologe und Psychotherapeut, hat sie aus der Kognitiven Therapie für Persönlichkeitsstörungen nach Aaron T. Beck (* 18. Juli 1921) entwickelt und sie erweitert die kognitiven Ansätze um weitere Konzepte, bspw. aus der psychodynamischen Perspektive, der Hypnotherapie und der Gestalttherapie.

Was ist ein Schema?

Jean Piaget (1896 – 1980) benutzte den Begriff Schema für die geistigen Strukturen, mit deren Hilfe Menschen die Welt interpretieren. Schemata sind nach Piaget die Bausteine der entwicklungsbedingten Veränderung (1).

Biopsychologisch entsteht ein Schema etwa so: „Sinnesreize führen zu Erlebnissen. Dabei ist im Gehirn ein bestimmtes Muster von Nervenzellen gleichzeitig aktiv. Ist das Erlebnis emotional bedeutsam und tritt intensiv, lange anhaltend oder wiederholt auf, werden die aktivierten Neuronen besser miteinander verbunden. Das führt dazu, dass beim späteren Eintreffen eines ähnlichen Reizes dieser Zellverband bereit ist, schneller und leichter aktiviert zu werden. Aus einem vorübergehenden Erlebnis ist eine körperliche Struktur geworden.“ (2)

Das bedeutet, dass sich bestimmte Reaktionsmuster auf bestimmte Sinnesreize, d.h. persönliche Erlebnisse, als Muster von Emotionen, Kognitionen, Erinnerungen und Körperempfindungen in uns speichern.

Ich finde das Bild von der Datenautobahn im Kopf sehr schön: Wenn wir einen Weg lange und oft genug gehen, dann wird ein Trampelpfad mit der Zeit zu einem Weg zu einer Straße und weiter stark genutzt dann zu einer Autobahn. Das Gehirn wird dann immer wieder diesen Weg nehmen, denn er ist schnell, gut gepflegt und es kennt ja auch die Strecke schon auswendig.

 

Wenn wir uns unsere Unzulänglichkeit vergeben können, so verhilft uns dieser gnadenreiche Akt nicht nur zu mehr innerer Harmonie – auch eine bemerkenswerte Wahrheit wird so ersichtlich: Die spirituelle Suche ist keine Suche nach therapeutischer Heilung oder Persönlichkeitsentwicklung.
Harry R. Moody

 

Diese Schemata in uns sind Strukturen ähnlich einer Autobahn, die unser Verhalten mit steuern und in eine bestimmte Richtung lenken. Beispielsweise ist in mir durch das fehlende Gefühl von bedingungsloser Liebe und Wertschätzung als Kind ein Schema „Unzulänglichkeit“ entstanden. Auch wurde ich als Kind oft allein gelassen, emotional und tatsächlich, und entwickelte ein Schema mit dem Thema „Verlassensein“.

Welche Schemata konkret unterschieden werden können, kannst du hier nachlesen: https://www.therapie.de/psyche/info/index/therapie/schematherapie/bewertung-und-quellen/

Bewältigungsstile und Schema-Modi

Young unterscheidet drei Bewältigungsstile (auch Coping-Strategien genannt), die Betroffene entwickeln, um mit den Gefühlen aus den o.g. Schemata umzugehen (3):

 

  • Sich-Fügen / Erdulden
    Ich ertrage das Schema. Ich rufe beispielsweise Situationen hervor, in denen mein Schema „Verlassensein“ aktiviert wird und tue dann nichts, um die Situation zu verändern. Ich ergebe mich meinem Schicksal, dass ich immer wieder verlassen werde.
  • Überkompensation
    Ich verhalte mich dem Schema entgegengesetzt. Ich bin zum Beispiel um die ganze Welt gereist, habe im Ausland gelebt, war fast immer selbstständig und nicht angestellt, strebte nach außen nach totaler Automonie, obwohl mich ich innerlich komplett allein und verlassen fühlte.
  • Vermeidung
    Ich verhalte mich so, dass das Schema nicht aktiviert wird. Ich klammerte beispielsweise in früheren Beziehungen extrem, um ein Verlassenwerden auf jeden Fall zu verhindern (was meist genau das Gegenteil bewirkte).

 

Diese Bewältigungsstile treten nach Young in einer ganz konkreten Situation auf und äußern sich „in Form eines bestimmten Verhaltens, bestimmter Gedanken und / oder bestimmter Gefühle“ (2).

Der Begriff Schema-Modus beschreibt einen Zustand, indem ein bestimmtes Schema aktiv ist.

Ich selbst kenne das von mir und meinem besonderen Menschen. Er triggerte gleich mehrere Schemata in mir: u.a. Unzulänglichkeit und Verlassensein. Es dauerte Jahre bis ich herausfand, dass ich jedesmal in seiner Nähe in einen Schema-Modus verfiel. Ich war sofort wieder das wertlose kleine Kind, was keine Liebe verdient und verlassen wird. Abwechselnd reagierte ich darauf mit Vermeidung (Klammern, Fordern, Klagen) oder Überkompensation (Zeigen, dass ich niemanden brauche, Ignorieren).

Methoden in der Schematherapie

Das Ziel der Schematherapie ist es, die gelernten, sog. maladaptiven (d.h. fehlangepasste.) Verhaltensmuster zu identifizieren und zu verändern. Dazu finden z.B. Methoden aus der kognitiven Verhaltenstherapie Anwendung, wie etwa Rollenspiele (3) und auch die Arbeit mit inneren Anteilen.

Für mich selbst bedeutete das eine intensive Auseinandersetzung mit meinen inneren Anteilen, die an meinen Verhaltensmustern beteiligt sind. Dazu gehören zum Beispiel mein innerer Kritiker und der innere Widerstand, ein starker Beschützer-Modus (der alle Gefühle ausblendet und mich quasi aus der Situation wegbeamt, Dissoziation) und natürlich das innere Kind.

Es wird außerdem ein Fokus auf die Körperempfindungen gelegt und auch Imaginationen spielten für mich ein wichtige Rolle. Es fällt mir leicht, mich visuell in eine innere Welt zu versetzen, meine Anteile zu visualisieren und ich konnte mir so innere Schutzräume und Helfer schaffen. Außerdem kann ich auf diese Weise mit meinen inneren Anteilen kommunizieren.

Durch die Konzentration auf meine Körperempfindungen konnte ich lernen, meine Gefühle besser zu beschreiben und auch zu identifizieren. Ich weiß nun, wann ich Angst, Wut oder Scham fühle und wie sie sich im Körper bemerkbar machen. Das war früher anders, alles war mehr ein diffuses „Irgendwas“ und deshalb auch so überfordernd.

Eine ganz wichtige weitere Rolle spielt in der Schematherapie die therapeutische Beziehung. Diese ist geprägt von einem liebevollen, vertrauensvollen Umfeld – und der Therapeut bzw. die Therapeutin übernehmen bis zu einem gewissen grad die Rolle eines liebevollen und wertschätzenden Elternteils.

Ich selbst habe unbedingte Wertschätzung und volles Vertrauen in meiner Therapie erlebt. Gleichzeitig ist es wichtig, dass Grenzen gesetzt und auch eingehalten werden – im Grunde so wie es auch in der Erziehung in meiner Kindheit hätte sein sollen.

Schematherapie – für wen?

In Studien wurde nachgewiesen, dass eine Schematherapie insbesondere bei Persönlichkeitsstörungen und bei chronischen Depressionen wirksam und dabei genauso hilfreich wie eine kognitive Verhaltenstherapie ist (3).

Mir persönlich hat die Schematherapie enorm geholfen, meine Störung zu bewältigen. Es war enorm wichtig, mich den Gefühlen meiner Kindheit und den damit verbundenen Verhaltensmustern zuzuwenden und sie zu verändern, statt wegzusehen und weiter „blind“ zu bewältigen.

Ich würde jedoch gerade Borderline-Betroffenen empfehlen, sich zuvor mit Emotionsregulation, z.B. in Form eines Skills-Trainings, zu beschäftigen, da es wirklich ans „Eingemachte“ geht und Skills und Fertigkeiten um die Anspannung zu regulieren ganz, ganz hilfreich sind, um nicht in den eigenen Gefühlen unterzugehen.

All denen, die sich auf den Weg begeben wollen oder schon dabei sind wünsche ich viel Kraft und Mut – der steinige Weg lohnt sich!

 

Quellen:

  1. Gerrig, Richard J.; Zimbardo, Philip G.. Psychologie (Pearson Studium – Psychologie) (German Edition) (Page 379). Pearson Deutschland. Kindle Edition.
  2. http://www.schematherapie-roediger.de, Aufruf am 17.02.18
  3. www.therapie.de/psyche/info/index/therapie/schematherapie, Aufruf am 17.02.18

 

 

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1 Kommentar zu “Das Muster deines Lebens – Was ist Schematherapie?”

  1. Claudia sagt:

    Ein sehr interessanter und wertvoller Beitrag. Ich konnte mich in vielen Aussagen wieder finden. Meine Probleme haben ihren Ursprung nicht in der Kindheit, sondern im frühen Erwachsenenalter. Ich war eine junge, selbstbewusste Frau, als plötzlich alles anders war. Erst jetzt, nach 25 Jahren, stell ich fest, wie sich bestimmte Schemata immer wieder wiederholen. Wie ein roter Faden, der sich durch mein Leben zieht. Ich finde auch die Diagnose posttraumatische Belastungsstörung für mich nicht passend, sondern eher posttraumatische Verhaltensstörung. Aus dieser Erkenntnis muss ich jetzt nur noch was machen.
    Vielen Dank für diesen Artikel und liebe Grüße.

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