Erwachsene Kinder II – Komplementärnarzissmus verstehen

von Lieblingsmensch_ME am 28. Mai 2018 / Lesezeit: 8 Minuten

Narzisstische Persönlichkeiten brauchen ein Pendant. Jemanden, indem sie ihre aufgesetzte Großartigkeit bestätigt sehen können. Dafür finden sie meist eine Person, die sich ebenso wertlos fühlt – die das aber anders kompensiert.

Auch komplementärnarzisstische Persönlichkeiten leben ein Leben in dem schmerzvollen tiefen Glauben an die eigene Wertlosigkeit (mehr dazu in Teil 1). Doch sie kompensieren dieses Gefühl auf eine andere Weise.

Statt sich in Großartigkeit zu sonnen, versuchen die komplementärnarzisstischen Persönlichkeiten ihr Ego durch die Anerkennung einer anderen narzisstisch geprägten Person aufzuwerten.

In der Praxis findet man tatsächlich öfter solche Konstellationen als L(i)ebens-Partner. Da gibt es dann den einen Part, der von einem gedachten Sockel aus dem anderen „erlaubt“ ihm zu huldigen. Einer lebt von der jeweiligen Anerkennung und Bewunderung des Anderen. Eine scheinbar perfekte Symbiose.

Doch in Wahrheit herrscht ein großes Ungleichgewicht, denn ein Partner muss zwangsläufig immer „kleiner“ wirken als der andere, sonst funktioniert das Konstrukt nicht. Niemals darf die narzisstische Persönlichkeit in diesem Gefüge kritisiert werden, an ihrem Sockel gerückt werden – oder der Co (Komplementär) das Gefühl bekommen, er sei vielleicht doch etwas wert oder gar auf Augenhöhe in dieser Partnerschaft.

Die „perfekte Symbiose“ hat ein klar geregeltes Machtgefälle.

Meine Eltern waren bzw. sind solche Persönlichkeiten. Beide vereint – aufgrund ihrer jeweiligen Erlebnisse in ihrer Kindheit – der tiefe innere Glaube an die eigene Wertlosigkeit. Beiden fehlte die Bestätigung und Anerkennung, die bedingungslose Liebe durch ihre Eltern. Auch, weil ihre Eltern es wiederum auch nicht besser erfahren hatten. Es nennt sich transgenerationale Traumaweitergabe (externer Link), wenn die gleichen Verhaltensstrukturen von Generation zu Generation wandern, ohne verändert zu werden.

Doch trotz ähnlicher Erfahrungen in der Kindheit, die von Mangel an Liebe geprägt war, entwickelten sich meine Eltern ganz unterschiedlich. Es mag auch an den klassischen gesellschaftlichen Rollenmodellen liegen, dass Männer eher zur Großartigkeit, und Frauen eher zur Unterwürfigkeit als Kompensationsform neigen.

Der perfekte Entertainer und die treusorgende Ehefrau und Mutter.

Mein Vater war schon immer ein Unterhalter. Er hatte das gewisse „Etwas“, das jeden (insbesondere Frauen) auf ihn aufmerksam werden ließ, sobald er den Raum betrat. Er war charmant, humorvoll, gebildet, sportlich, beruflich erfolgreich – der perfekte Entertainer auf jeder noch so lahmen Party.

Doch wehe jemand würde versuchen, Kritik zu üben, einen Makel festzustellen, etwas nicht gut zu finden, was er tat. Wenn seine Ansicht, seine Denkweise, seine Machart nicht gefragt waren, war das garnicht gut.

Er konnte stets alles so verdrehen, dass man sich am Ende selbst schuldig fühlte.

Und hier kommt meine Mutter ins Spiel. Eine Meisterin darin, sich anderer Leute Schuhe anzuziehen, die Schuld bei sich zu suchen und sich klein zu machen. Sie lernte meinen Vater kennen, als sie 16 war. Sie verliebte sich Hals über Kopf in meinen 10 Jahre älteren, verheirateten Vater.

Als er sich 10 Jahre später scheiden ließ, stand sie noch immer auf seiner Matte. Sie heirateten. Du merkst schon, irgendwas stimmt hier nicht. Klingt das nach großer Liebe?
Für meine Mutter mag es sich zunächst so angefühlt haben: Nach 10 Jahren warten den Traummann zu heiraten – wenn das nicht nach Prinzessinnentraum klingt?

Sie war die Fügige, die sich alle Schuhe anzog.

Ihr geringes Selbstwertgefühl korrespondierte perfekt mit dem übersteigerten Selbstwert meines Vaters. Sie konnte sich darin sonnen, von einem so überaus tollen Mann ausgewählt worden zu sein, fühlte sich geliebt und geborgen. Er dagegen sonnte sich in ihrer Bewunderung und darin, dass eine Frau 10 Jahre lang auf ihn gewartet hatte und ihn vergötterte.

Doch im Innern brodelten die Konflikte. Wenn meine Mutter bei einer Veranstaltung einen Fleck auf dem Hemd meines Vaters anmerkte (und ihm helfen wollte), dann gab es dafür abends richtig großen Ärger, wie sie ihn denn so hatte blamieren können. Wenn er zu spät nach Hause kam und sie frage, warum er denn nicht wenigstens angerufen hätte, sagte er: „Du weißt doch wo ich war, hättest ja anrufen können.“

 

„Wenn der Bauer nicht schwimmen kann, ist grundsätzlich die Badehose schuld.“
Lebensweisheit

 

Wenn wir Kinder nicht so wollten wie er, dann reichte schon ein: „Komm, sei mal lieb.“ um uns gefügig zu machen. Denn es meinte unterschwellig: Wenn du nicht so bist wie ich das gerade möchte, dann kann ich dich leider nicht mehr lieb haben. Meine Mutter hielt sich raus. Sie hatte wohl auch Angst sich zur Wehr zu setzen, weil sie ihn nicht verlieren wollte. Nicht einmal dann als er begann, sie zu betrügen. Im Grunde funktionierte das System aber ganz einfach:

Einer ist nie Schuld, der andere immer.

Mit dieser simplen Regel steht man auch 23 Jahre Ehe und Familie durch. Letztendlich waren wir alle voneinander abhängig. Meine Eltern von sich gegenseitig und von uns als „Bestätiger“. Und wir von unseren Eltern (da war dann leider nichts übrig). Alle sind in diesem System voneinander abhängig, und keiner ist wirklich glücklich – doch die Abhängigkeit von der Selbstwert-Aufwertung der oder des Anderen ist so viel stärker, so dass auch keiner das System verlässt (oder für uns Kinder: verlassen kann).

Nach außen hin waren wir jedoch die perfekte Familie. Eine überaus erfolgreiche, gut aussehende, tolle Familie. Bis heute können Freunde, die uns damals erlebt haben, nicht glauben, dass unsere Familie nach innen absolut lieblos gewesen sein soll.

Wenn Eltern nur mit sich beschäftigt sind, bleiben die Kinder auf der Strecke.

Die Realität ist jedoch, dass diese erwachsenen Kinder, wie ich sie nenne, so sehr mit sich selbst beschäftigt sind und waren – und damit ihren eigenen Selbstwert aufzupolieren und das System aus Bestätigung und Rück-Bestätigung am Laufen zu halten – dass sie für uns Kinder nicht da sein konnten.

Im Gegenteil, wir wurden eher zu Störfaktoren im System. Ich war ein aufgewecktes Kind und habe schon früh verstanden, dass da irgendetwas nicht so lief wie in anderen Familien. Doch meine Weitsicht, meine sensible Wahrnehmung und mein Gespür für Zwischenmenschliches waren leider unangebracht. Meine Mutter hat es nicht sehen wollen und sich in sich zurückgezogen und mein Vater hat es runtergeredet, bis ich selbst daran glaubte, dass mit mir etwas nicht stimmen konnte.

Das System ist bis heute intakt.

Noch heute erlebe ich diese festgefahrenen Verhaltensweisen von Nicht-Zulassen-Können der Wahrheit – alles nur, um sich selbst zu schützen. Denn wenn narzisstische Persönlichkeiten und ihre Komplementäre da hin schauen sollten, warum sie das alles wirklich betreiben – den ganzen Aufwand aus Show und Glanz und Angeberei und Schuldschuhanzieherei – sie müssten sich ja mit sich selbst auseinandersetzen, mit ihren innersten quälendsten Gedanken und Gefühlen, der eigenen inneren Leere.

Und die meisten, die ich kenne, entscheiden sich ganz bewusst dagegen. Meine Mutter fragte mich einmal vor einigen Jahren: „Ich sehe doch, wie schlecht es dir jahrelang ging, weil du dich mit deinen Baustellen aktiv auseinandergesetzt hast.“

„Was hätte ich denn davon, wenn ich dann auch so am Boden wäre?“

In dieser Frage war keine Wertschätzung, kein Mitgefühl. Kein Gedanke daran, dass es unser beider Mutter-Kind-Beziehung verbessern könnte, wenn sie an sich arbeitete. Das ist garkein gewünschtes Ziel in dieser Beziehung. Es drehte sich schonwieder nur um sie und wie schlecht es ihr dann gehen würde. Sie war damit wieder nicht für mich – ihr Kind -, sondern nur für sich selbst da.

Mein trauriges Erbe aus dieser Kindheit ist, dass ich mich noch heute innerlich viel zu oft frage: „Was in aller Welt kann ich tun, um einfach nur von euch wahrgenommen zu werden? Werde ich je gut genug für euch sein?“.

Die Antwort lautet: Nichts, und nein.

Und das Paradoxe dabei ist: Sie meinen es nichtmal böse. Sie lehnen mich nicht ab. Sie interessieren sich einfach nur nicht für mich (und niemand sonst, der nicht aktiv den eigenen Selbstwert aufwerten könnte). Das ist ein Unterschied. Als Erwachsener heute kann ich das begreifen und ich empfinde Schmerz und Traurigkeit. Das ist nicht schön, aber handhabbar. Doch als Kind war es für mich der Untergang.

 

Der Punkt an dem sich die Lebenslinien der narzisstischen (Teil 1 dieses Artikels) und der komplementärnarzisstischen Persönlichkeiten überschneiden: Sie drehen sich im Grunde nur um sich selbst, niemanden sonst. Selbst in Beziehungen sind sie für sich selbst, denn sie nutzen sie nur, um sich selbst damit aufzuwerten – auf die eine oder eben andere Weise. Im schlimmsten Fall sind Kinder im Spiel, die dann als Trophäen und Spielbälle der Eitelkeit dieses Modell zwangsläufig erlernen und weiterführen werden.

 

Auch interessant:

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