Erwachsene Kinder – Narzisstische Bedürfnisse verstehen

von Lieblingsmensch_ME am 17. Mai 2018 / Lesezeit: 7 Minuten

Es scheint nicht zusammen zu passen und sich zu widersprechen: erwachsene Kinder. Was damit gemeint ist, sind Menschen, die zwar äußerlich erwachsen werden konnten, aber nicht innerlich.

Manchmal werden Menschen nicht erwachsen. Sie bleiben in einem kindlichen Ich- Stadium gefangen. Meist ist das ein Stadium, in dem ihnen existenzielle Bedürfnisse nicht zugestanden wurden. Solche Bedürfnisse wie Anerkennung, Nähe, Zuwendung, Geliebtsein, oder auch einfach nur Kind sein zu dürfen.

Wenn die Entwicklung der kindlichen Seele stark gestört wird, dann bleibt u.U. ein Teil in diesem Stadium stecken.

Wie ich schon einmal in meinem Artikel Wie erstarrt – Eingefroren in der Vergangenheit beschrieben habe, kenne ich das auch. Ein Teil von mir blieb irgendwo in der Vergangenheit stecken. An einem Punkt, an dem mir existenzielle Dinge fehlten: Wahrgenommen werden, Anerkennung, Zuwendung, Nähe, Liebe.

Wenn du jetzt mal an eine Persönlichkeit denkst, die narzisstische Züge aufweist, dann gibt es bestimmte Eigenschaften, die immer wieder deutlich werden: Nach Bewunderung suchen, andere klein halten oder klein machen, viel von sich selbst sprechen, sich als der/die Größte/Beste/Tollste fühlen, Versprechungen machen, Kritikunfähigkeit.

Mitunter machen uns die Eigenschaften von narzisstisch geprägten Personen ganz schön zu schaffen.

Ich schreibe mit Absicht nicht „die Narzissten“, weil ich es schwierig finde, jemanden damit zu „stempeln“. Denn wie ich auch schon in Scheue Pferde – Narzisstische Wut verstehen schrieb, sind wir alle Narzissten auf die eine oder andere Weise – mehr oder weniger stark ausgeprägt. Ein gesunder Narzissmus gehört zu uns als die sozialen Wesen die wir sind. Wir alle wollen von der Gemeinschaft akzeptiert und angenommen werden, so wie wir eben sind. Es sichert unser Überleben in der „Herde“.

Doch was, wenn eben dieses Bedürfnis als Kind nicht erfüllt wurde? Wenn ich keine liebenden Eltern hatte, die für mich da waren und mich bestätigt haben, mich gelobt haben, mich unterstützt und mir gesagt haben, dass ich liebenswert bin? Oder mich sogar verlassen haben – im Stich gelassen?

Aus dem Tagebuch eines Betroffenen:

„Ich habe gelernt, dass ich nichts wert bin.“

„Das brauchte mir niemand zu sagen. Ich war ein schlaues Kind, ich habe es mir zusammengereimt. Denn wenn mir niemand sagt, dass ich OK bin, dann bin ich es wohl ganz offensichtlich nicht, sonst würde es mir ja jemand sagen. Und wenn sie mich dann auch noch verlassen, dann muss es wohl ganz besonders schlimm um mich stehen. Oder etwa nicht? Die Logik eines Kindes.

So bin ich erwachsen geworden. Äußerlich, und nicht ohne das Kind und diese Gedanken in mir zu behalten. Und diese Gedanken sind Scheiße (Ich bitte um Entschuldigung). Sie tun weh, und zwar so richtig. Deshalb fange ich als Erwachsener dann an (oder habe damit schon als Jugendlicher begonnen) mir eine Schutzschicht zuzulegen. Nach außen bin ich ok. Sogar richtig, richtig toll. Vielleicht trage ich sogar extra dick auf: Fremde Federn – Wenn das Selbstbild fehlt.

Ich suche mir die Bestätigung der Anderen, die ich früher nicht bekommen habe.

Vielleicht bin ich absolut top in irgendeinem Sport, oder der Überflieger im Studium und Beruf, oder besonders kreativ, musikalisch, schön, intelligenter als der gehobene Durchschnitt und äußerst talentiert – und wahrscheinlich sogar alles zusammen. Vielleicht vollbringe ich unglaubliche Leistungen da draußen und bekomme so die Aufmerksamkeit und Anerkennung nach der ich mich als Kind so sehr sehnte.

Mir ist heute auch ein bisschen egal von wem. Hauptsache, das große, schwarze, schmerzvolle Loch der Wertlosigkeit in mir drin wird gestopft: mit Anerkennung, Zuwendung, Liebe. Ich nehme was kommt und ich bin da auch mit den Jahren nicht mehr besonders wählerisch. Möchte jemand etwas zurück haben: Liebe, Zuwendung, Anerkennung? Nicht von mir! Ich habe nichts zu geben.

Ich bin zu beschäftigt, meine eigenen schwarzen Löcher in Schach zu halten.

Deshalb habe ich auch eigentlich keine echten, nahen Beziehungen. Ich weiß garnicht wie das geht. Ich bin der Charmeur vor dem Herrn, wenn ich denke es gibt für mich etwas zu holen (Stopfmaterial). Dann kann ich dir die Sterne vom Himmel herunterreden und das Himmelreich als solches versprechen.

Halten werde ich meine Versprechen eher nicht.

Wenn ich aber erkenne, da ist nichts mehr zu holen – oder jemand möchte eine Beziehung auf Augenhöhe, echte Nähe – oh nein! Nichts für mich. Ich möchte nur Vampir sein. Nein: Ich KANN nur Vampir sein.

Im Grunde führe ich ein ziemlich trauriges Leben. Keine Nähe zu Menschen, keine Zeit mich auf jemanden einzulassen – und obendrein viel zu viel Angst! Sie könnten ja merken, dass ich in Wirklichkeit garnicht OK bin, garnicht der supertolle Superheld der ich immer vorgebe zu sein. Dass mit mir definitiv nicht etwas stimmt. Sonst hätte man es mir als Kind ja anders vermittelt. Sonst wäre ich ja nicht im Stich gelassen worden.

Mir kommt nicht in den Sinn, dass ich einfach so wie ich bin ok sein könnte.

Obwohl ich ständig so tue, als gäbe es nichts tolleres als mich. Es gibt mir Sicherheit, meiner eigenen Fassade zu glauben. Mir macht es sogar Angst, wenn jemand glaubt, mich wirklich zu erkennen als „normalen“ Menschen mit all meinen Schwächen – und sich anmaßt, mich trotzdem mögen zu wollen. Hat er/sie denn noch alle Pinguine auf der Scholle?! Das kann ja garnicht sein!

Würde mich jemand wirklich sehen wie ich bin – er/sie müsste doch schreiend davonlaufen. Also eliminiere ich diese Person vorsichtshalber aus meinem Umfeld. Wenn es sein muss auch grob und sehr, sehr unschön, um es mal milde auszudrücken. Es ist besser so. Es ist einfacher so. Ich trage einfach noch etwas dicker auf meine Fassade auf – denn offenbar war sie ja durchschaubar – und weiter geht’s.

Ich bin ein Vampir. Ich KANN nur Vampir.

Nur gut im Dunkeln versteckt ist mein defektes Ich sicher. Niemand darf es je zu Gesicht bekommen.“

Ich lese oft, dass Narzissten psychopathische, ja soziopathische Züge zugeschrieben werden. Es wird geraten sich möglichst schnell zu entfernen, das Weite zu suchen, sich bloß nicht da rein ziehen zu lassen.

Ja, das mag alles sein.

Doch hinter dem ganzen wirklich manchmal fiesen Verhalten steckt eine Seele wie du und ich. Eine Seele, die massiv gelitten hat.

Ein Kind, das nicht gelernt hat, was Wertschätzung, Liebe, Miteinander und Zuwendung bedeuten. Leider ist die Einsicht in diese Vergangenheit oft nicht (mehr) da oder recht erfolgreich verdrängt worden – Ich glaube schon, dass sich diese Menschen irgendwo in den Tiefen ihrer Seele dessen bewusst sind, wie sie ticken – und es gut reflektierten Einzelnen gelingt, sich zu verändern und sich zu erklären. Siehe auch unser Gast in diesem Artikel.

 

„Wenn du wissen willst, wer dich beherrscht, finde heraus, wen du nicht kritisieren darfst.“
Voltaire

 

Doch ja, es gibt auch solche, da ist das Bewusstsein dafür in vielen Jahren Fassade verloren gegangen. Dann wird die dicke, immer erneuerte Fassade zum Ich und alle Mühen jemanden zur Einsicht zu bringen oder gar zu verändern (sowieso eher selten eine gute Idee in Beziehungen), werden eher erfolglos sein. Das ist traurig, und der einzige Weg ist dann wahrscheinlich wirklich, selbst zu gehen.

Und wenn du nicht gehen „kannst“? Dann frage dich, warum du so an jemandem hängst, der absolut nichts zu geben hat und dich im Gegenteil emotional leer saugt. Was bringt es dir, nur zu geben statt selbst einen Anspruch zu erheben? Dazu demnächst mehr in meinem nächsten Artikel über den Komplementärnarzissmus

 

Ähnliche Beiträge

Warmes Kakaogefühl oder: Die andere Seite vom Glüc... Eine Geschichte über Freundschaft und warum es manchmal garnicht so einfach ist... "einfach" Freunde zu sein. I. Tom ist ein Arsch. Mein Freund Tom ...
Scheue Pferde – Narzisstische Wut verstehen Fury ist der Name eines Pferdes aus dem Roman Fury von Albert G. Miller, besser bekannt wahrscheinlich aus der gleichnamigen Fernsehserie aus alten Ta...
Künstliche Existenz Sie hat Existenzgründung an einer Elite-Uni studiert. Entrepreneurship, was im Deutschen oft mit Unternehmertum übersetzt wird. Entrepreneurship ist...

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Kein Lotus ohne Schlamm

"Auch die Lotusblume braucht Schlamm, um zu gedeihen. Sie wächst nicht auf Marmor. Wer vor dem Leid wegläuft, kann kein Glück finden." THÍCH NHẤT HẠNH

Hier schreibe ich über meinen Weg aus der psychischen Erkrankung, das Leben und die neue Liebe zu mir selbst.

Über Annegret Corsing -
Erfahrungsexpertin

Kontakt

Folge mir

Der Name ist Programm

Das Lieblingsmensch-Trainingsprogramm ist dein persönliches Coaching-Programm auf dem Weg zu dir selbst und basiert auf (Selbst)Mitgefühl und meinen Erfahrungen auf dem Weg.

www.lieblingsmensch.me

Unter den Top Blogs 2017 von MyTherapy

Zitate

Lass los, dann hast du beide Hände frei.Chinesisches Sprichwort
nächstes Zitat

Neueste Beiträge

Neu in Mila's Welt

Neueste Kommentare

Tags

Kategorien

Archiv

Feed