Fremde Federn – Wenn das Selbstbild fehlt

von Lieblingsmensch_ME am 7. März 2018 / Lesezeit: 7 Minuten

Kürzlich entdeckte eine Leserin einen meiner Artikel auf einem anderen Blog. Er war fast vollständig (sogar in der Ich-Form) kopiert und wiederverwendet worden. Als ich den Betreiber darauf ansprach, leugnete er den Plagiarismus. Immerhin löschte er meinem Wunsch entsprechend alle meine (ja, es war nicht nur einer) Artikel von seiner Seite.

Doch das brachte mich zu der Frage:

Weshalb schmücken sich einige Menschen gern mit fremden Federn?

Interessant ist, dass ausgerechnet der Artikel über Narzissmus „gestohlen“ wurde. Und hier beißt sich die Katze für mich in den eigenen Schwanz. Ausgerechnet in diesem Artikel zitierte ich: „Es nennt sich Missbrauch und nicht Liebe, wenn man einen Menschen dazu benutzt, die eigene innere Leere zu füllen. Das wird oft verwechselt.“ (Anonym). Kurios, dass es dem Blogger nicht auffiel, wie sehr er selbst gerade Missbrauch beging. An mir und meinem geistigen Eigentum.

Doch was treibt grundsätzlich Menschen an, sich mit anderer Personen Leistungen zu brüsten? Wie ich in dem besagten Artikel Scheue Pferde – Narzisstische Wut verstehen schon beschrieb, haben ganz besonders narzisstisch veranlagte Menschen (über einen gesunden Narzissmus hinaus) ein schwerwiegendes Problem:

Ihnen fehlt ein stabiles Selbstbild.

Beziehungsweise ist es möglich, dass es garnicht existiert oder komplett ausgeblendet wurde, weil sie sich – und ich spreche wieder aus eigener Erfahrung – einmal so sehr wertlos gefühlt haben im Leben, dass sie ihr wahres Ich aktiv verdrängen. Und ein Leben hinter einer Fassade führen.

Eine Fassade, die perfekt gepflegt wird, immer restauriert, an die nie ein Kratzer kommen darf. Denn das würde die Fassade der Gefahr aussetzen zu bröckeln und jeder könnte dann sehen, wie wertlos man in Wirklichkeit ist.

Die Fassade wird zum Ich.

Es kostet Kraft und Mühe, das für sich zu erkennen. Dass man eine Fassade lebt. Und auch die Erkenntnis und die Gefühle dazu zuzulassen, wieviel Kraft man schon darin investiert hat, die Fassade aufrecht zu erhalten. Wieviel Angst (da ist sie wieder: Wie erstarrt – Eingefroren in der Vergangenheit) da im Innern herrscht, nicht angenommen zu sein, für das, was man wirklich ist.

Und dann ziehen wir uns das fremde Federkleid an in der Hoffnung, dass niemand erkennt, was wirklich dahinter steckt. Denn insgeheim glauben wir:

Es steckt nichts dahinter. Nichts von Wert.

Und das, der Glaube daran, ist unglaublich traurig. Und so war ich auch nicht mehr lange wütend auf den Text-Dieb. Wenn ich mir vorstelle, dass er fremde Artikel kopieren muss, um seine Fassade aufrecht zu erhalten – dann ist das nicht fair, keine Frage. Aber es zeigt auch viel über den Menschen.

Ich glaube nicht, dass er ein schlechter Mensch ist. Klar, Diebstahl ist kein Kavaliers-Delikt und ich habe ihn gebeten, meine Artikel umgehend zu löschen. Doch ich glaube er hat Angst, wie wir alle. Nur würde ich mir wünschen, dass wir lernen, mit unserer Angst besser umzugehen.

Erst wenn wir dem eigenen Selbstwert ins Gesicht sehen, sind wir wirklich ehrlich zu uns selbst.

Ich fühle mich wertlos. Es dauerte Jahre, bis ich den Satz in meinem Inneren zulassen konnte. Die Fassade aus schönem Schein Stück für Stück zurückzubauen und dahinter zu schauen, was ich da so lange versteckt hielt.

Es war keineswegs schön, extrem schwer, traurig und es ist immernoch ein Prozess, alte Muster von „ich muss irgendwie sein, damit andere mich mögen, aber eigentlich kann ich ja garnichts“ abzulegen.

Ich bastele mir mein Selbstbild neu – Puzzleteil für Puzzleteil.

Das funktioniert, indem ich mich selbst besser kennenlerne. Mich frage, was mich wirklich (und nur mich) interessiert. Ich prüfe meine Beweggründe auf die „Außenwirkung“, d.h. mache ich das für mich oder weil ich denke, damit Aufmerksamkeit zu bekommen?

 

Man kann sich zwar mit fremden Federn schmücken, aber man kann nicht mit ihnen fliegen.
Gerhard Uhlenbruck

 

Ein Beispiel: Ich fühle mich total angezogen von Hobbies wie Nähen oder Torten backen. Ich kann mir ganz toll vorstellen, wie ich dann in einem selbstgemachten Kleid rumlaufe oder eine tolle dekorative Thementorte präsentiere.

Ich will nicht mehr präsentieren.

Und dann merke ich, warum mich diese Dinge so anziehen: Ich bekäme dafür Anerkennung und das fänd‘ ich toll. Aber selber das Ganze Gefriemel mit den Nadeln und dem Garn (meine Nähmaschine bringt mich regelmäßig an den Rand eines Nervenzusammenbruchs) oder das Formen von Mini-Figürchen aus Marzipan?! Nee, ich bin dafür echt nicht gemacht! Selbst wenn ich denke, dass ich Talent hätte.

Diese Dinge ziehen mich an, aus alter Gewohnheit. Und ich merke wie es mich auch früher sicher angezogen hätte, ein Kleid was ich vielleicht nicht (ganz) selbstgemacht hätte, als meines auszugeben – allein für das Lob.

Ich will tun was mir wirklich Freude macht.

Und nur mir, ganz egal ob das auch jemand anderes toll findet. Und ich bin dabei, das für mich zu entdecken. In den Weihnachtsferien habe ich unheimlich viel gelesen. Das ist mein Ding. Dabei ist es ganz egal, ob Romane oder Fachliteratur oder Magazine. Alles was mich interessiert, lese ich.

Zurzeit sind das Fachbücher in Psychologie (ich studiere wieder), gut recherchierte historische Mittelalterromane (interessiert mich einfach) und Garten-Magazine (ich habe jetzt einen eigenen Garten).

Kein Hahn kräht danach – aber es sind meine eigenen Federn!

Und obwohl kein Mensch mich seit Beginn des Semesters zu meinem Studium befragt hat – ich glaube viele haben es sogar wieder vergessen – gehe ich darin total auf. Ich lerne und lese und lerne und lese und sammle Wissen an, was ich auch noch in meinem Projekt sofort in die Praxis umsetzen kann – und ich liebe es!!!

Auch finden die meisten die ich kenne Mittelalterromane total öde. Und quälen sich durch 700 Seiten Houellebecq-Gedichte obwohl sie vielleicht keinen Deut dabei empfinden – nur um es gelesen zu haben. Und ob es jemanden anderen interessiert, welchen Obstbaum ich vorne in meinem Garten plane? Wohl kaum. Aber es interessiert mich, weil ich mich daran erfreuen werde: an den Blüten im Frühjahr und an den ersten Früchten im Sommer und Herbst. Das reicht.

Nicht mehr leben von der Bewunderung für das was ich für andere darstelle.

Wahre Liebe, ein stabiles Selbstbild, folgt einem ganz anderen Weg. Es kommt von innen. Es strahlt von innen aus uns heraus. Selbstliebe lebt, wie der Name schon sagt, aus sich selbst – und die Bewunderung dafür folgt ganz von allein. Nur bauchen wir sie dann garnicht mehr so sehr.

Das Leben ist und bleibt eben ein riesengroßes Paradoxon.

Also, lieber Blogger T., bitte kopiere diesen Artikel nicht. Mich interessiert viel mehr deine ehrliche, eigene Meinung zu diesem Thema. Vielleicht hast du ja mal Lust, einen Gastbeitrag bei mir zu schreiben. Ich lade dich herzlich dazu ein.

 

Auch interessant:

Erwachsene Kinder –  Narzisstische Bedürfnisse verstehen

Erwachsene Kinder II – Komplementärnarzissmus verstehen

Scheue Pferde – Narzisstische Wut verstehen

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4 Kommentare zu “Fremde Federn – Wenn das Selbstbild fehlt”

  1. Für mich auf den Punkt gebraucht und gut geschrieben.
    Selbstliebe ist wie immer ein aktuelles Thema, das in der heutigen Zeit oft vergessen wird.
    Danke nochmals für den tollen Beitrag.

    Beste Grüße
    Maria

    *http://kopfundherzoeffner.blogspot.co.at/*

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