Hochsensibel – oder einfach nur ein Mensch?

Schon seit einiger Zeit gibt es immer mehr Angebote speziell für hochsensible Menschen. Gleichzeitig treffe ich immer mehr Menschen, die sich selbst als hochsensibel bezeichnen. Das löst etwas in mir aus. Unter anderem die Frage: Bestimmt hier einfach nur das Angebot die Nachfrage?

Als Hochsensible Personen (HSPs) werden Menschen bezeichnet, die Dinge und Emotionen im Außen und in sich selbst besonders stark wahrnehmen. In der Forschung wird das Konzept allerdings kontrovers diskutiert und u.a. auch in Frage gestellt, inwiefern wir nicht alle einfach nur Menschen sind:

Die einen mehr, die anderen weniger sensibel. Und: War das nicht eigentlich schon immer so?

Ich spüre, dass ich mir diese Frage auch stelle und etwas in mir in Aufruhr gerät, insbesondere dann, wenn Menschen sich selbst (öfter und/oder in der Öffentlichkeit) als hochsensibel bezeichnen.

Länger habe ich mir das angesehen und überlegt, was mich daran stört.
Und ich komme zu dem Schluss, dass es für mich etwas mit Verantwortungsübernahme bzw. Verantwortungslosigkeit zu tun hat.

 

Ein wahrhaft sensibler und vernünftiger Mensch versucht naturgemäß, wenn ihn Übel und Ungerechtigkeit der Welt bekümmern, zunächst dort gegen sie anzugehen, wo sie am deutlichsten zutage treten, nämlich bei sich selbst.
Und damit wird er sein Leben lang beschäftigt sein.
~ Fernando Pessoa

 

Als Kind von Eltern, die sich besonders verantwortungslos verhalten haben, bin ich für dieses spezielle Thema sensibilisiert. Ich fühle mich schnell hilflos und werde dann wütend, wenn Menschen sich ausruhen, indem sie alle Viere von sich strecken und sagen „ich kann/konnte ja nicht anders, ich bin eben so“.

Und so geht es mir auch mit selbsternannt hochsensiblen Persönlichkeiten. Wie oft muss es in einem Gespräch erwähnt werden? Oder auf einem T-Shirt vor sich hergetragen werden? – Ja, du bist hochsensibel. Ich habe es verstanden. Und jetzt? Ruhst du dich darauf aus, oder machst du etwas daraus?! Übernimmst du Verantwortung für deine individuelle Situation?

Ich fühle, also bin ich. ~ Nora Fieling

Auch meine Kollegin und Freundin Nora geht mit ihrer „Kondition“ an die Öffentlichkeit. Sie veröffentlicht u.a. Postkarten und Tragetaschen mit Sprüchen zum Thema Depression. Sie zeigt damit: Ja, ich bin auch betroffen.

Und dennoch kommt bei mir etwas anderes an. Etwas wie ein Wollen, ein Auf-den-Weg-machen, ein Verändern. Eine Verantwortungsübernahme. Gleichzeitig erwähnt sie nämlich nicht in gefühlt jedem Gespräch ihren eigenen „Zustand“, sondern berichtet von ihrem Weg, ihren Anstrengungen, ihrem Vorankommen.

Wenn eine hochsensible Person – und es sind natürlich mit Sicherheit nicht alle – immer und immer wieder erwähnt, dass sie ja hochsensibel sei: Ich werde da ärgerlich.
Denn für mich klingt es wie eine Entschuldigung für alles. Als sollte Rücksicht genommen werden, nicht zu viel erwartet. Ich bin nun mal so, finde dich damit ab. Das ist kein verantwortungsvoller Umgang.

Auch ich erlebe Dinge und Emotionen zuweilen stärker.

Manche Forschungsergebnisse gehen sogar so weit, Hochsensibilität als Teil einer (oder gar ganz als) emotionalen Instabilität zu sehen. Ich schätze, das wäre wohl eher kein Grund mehr für die HSPs, ihre „besondere Kondition“ an die große Glocke zu hängen?

Hey, ich bin emotional instabil! Mit so einer Aussage würde ich in unserer Gesellschaft schnell in die psychisch „kranke“ Schublade gesteckt werden können. Aber Hochsensibilität als solche ist nicht „krank“, nein. Sie scheint eine besondere Auszeichnung zu sein, so wie manche Menschen sie vor sich hertragen.

Verantwortung übernehmen heißt, bei sich zu bleiben.

Ich denke, der Punkt, der mich daran stresst, ist die innere Einstellung. Gehe ich mit etwas an die Öffentlichkeit, weil ich mir meiner Selbst und meines Weges bewusst bin und damit auch anderen etwas weitergeben kann – oder will ich damit Aufmerksamkeit und Anerkennung erreichen, die ich mir selbst nicht geben kann? Und eine Erklärung für alles parat haben?

Das kommt nämlich teils bei mir an, wenn zum 4. Mal in einem Gespräch jemand von sich selbst berichtet, hochsensibel zu sein. Und damit einfach alles erklärt. Warum dies nicht geklappt hat, oder jenes nicht läuft. Dann kocht mein Ärger hoch, denn es wird in meinem Augen dann als eine Rechtfertigung benutzt, nicht in die Eigenverantwortung zu gehen.

Was spricht denn dagegen, einfach nur hochsensibel zu sein und es zu wissen – nur für mich selbst?

Unser Umfeld können wir sowieso nicht ändern und lediglich gut für uns selbst sorgen mit allem was wir sind. Und das geht auch in Stille und für sich, ohne T-Shirts und eine gebetsmühlenartige Wiederholung desselben Faktes nach außen. Und ohne kuschelweiche Hochsensiblen-Treffen, in denen sich HSPs gegenseitig Mut machen, dass sie ok sind, wie sie sind – und die Welt da draußen damit klarkommen soll.

Es erinnert mich an eine Zeit, in der ich selbst auch mit meiner emotionalen Instabilität „hausieren“ gegangen bin und wie ich es auch in einer Borderline-Selbsthilfe-Gruppe erlebt habe. Es ist ein Unterschied eine „Kondition“ vor sich her zu tragen oder damit aktiv umzugehen.

Heute stehe ich offen zu meiner einstigen Borderline-Diagnose – doch in einem anderen Kontext. Ich habe mich aktiv daraus befreit. Und in dem Zusammenhang auch aufgehört, soviel darüber zu reden. Ich rede jetzt über meinen Weg heraus und meinen Umgang damit, nicht mehr über den Zustand selbst.

Früher habe ich meine Störung vor mir hergetragen als Schutz gegen jegliche Verantwortungsübernahme.

Meine Diagnose war meine Erklärung und Rechtfertigung für alles. Für gescheiterte Beziehungen, nicht bekommene Jobs, finanzielle Schwierigkeiten, ja sogar für akut verantwortungsloses Verhalten in verschiedensten Situationen. Ich hatte eben Borderline, ich konnte ja nichts dafür. So einfach war das.
Doch egal was es ist, was du „hast“ – es rechtfertigt nicht, dich öffentlich darauf auszuruhen und es vor dir herzutragen wie eine Trophäe.

Vielmehr ist es die Aufgabe der oder des Einzelnen, bei sich zu bleiben und sich zu fragen: Wie gehe ich damit um, damit ich und mein Umfeld gut damit leben können? Muss ich es wirklich bei jeder Gelegenheit auf den Tisch legen oder reicht es nicht, wenn ich es für mich selbst weiß und im Außen entsprechend handle? Nur für mich selbst? Schließlich bin ich ja die „Betroffene“. Niemand sonst.

 

Ich bin dafür und arbeite darauf hin, den Menschen hinter den Labels und Diagnosen als Ganzes zu sehen. Klar, Kategorien und Schubladen helfen unserem Gehirn, die Dinge zu für uns zu ordnen. Sie können auch hilfreich dabei sein, den richtigen Weg einzuschlagen, bspw. eine passende Therapieform oder Hilfe zu finden. Aber sie verleiten uns auch dazu, einen Tunnelblick aufzusetzen und uns mit unseren Labels und Diagnosen zu sehr zu identifizieren und dann sie zu „sein“, statt aktiv mit ihnen – und immer wieder an uns selbst – zu arbeiten.

5 Kommentare

  1. Ich frage mich, ob hochsensible Menschen anfälliger für Depressionen sind und umgekehrt. Konnte bisher noch keine Antwort darauf finden.

    1. Die Wissenschaft hat darauf auch noch keine Antwort gefunden, da die Hochsensibilität selbst noch zu wenig erforscht ist: „Die Sensibilität gegenüber äußeren Reizen kann in stressigen Lebensphasen oder in Drucksituationen psychosomatische Erkrankungen verstärken. Ähnlicher wie aber etwa bei Einsamkeit stellt sich die Frage, ob hier man es hier mit einem Symptom oder einer Ursache der Depression zu tun hat. Zugleich ist das Phänomen der Hochsensibilität noch nicht ausreichend erforscht, um von einem direkten Zusammenhang ausgehen zu können.“ (Quelle: Clinicum Alpinum AG)

  2. Ich bin richtig begeistert davon, wie gut Sie sich selber kennen und sich selber reflektieren können. Ich denke, dass die Zukunft für Sie einiges bereithält und was braucht man dafür? Emotionen, alle Arten von Gefühlen. Nur so sind wir im Leben mitten drin.

  3. Danke für diesen tollen Beitrag! Kann ich deinen Blog irgendwie abonnieren?

    1. Hallo Annegret 🙂

      Du kannst die Beiträge als RSS Feed abonnieren: http://blog.lieblingsmensch.me/feed/

      Außerdem bin ich im Aufbau von Facebook und Instagram-Seiten.

      Viele Grüße
      Annegret

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