Ich bin ein Berg – Was regelmäßige Meditation für mich tut

von Lieblingsmensch_ME am 5. Oktober 2018 / Lesezeit: 8 Minuten

Es ist inzwischen wissenschaftlich mehrfach erwiesen, dass Meditation im Allgemeinen Menschen dabei helfen kann, u.a. Stress, Angst, Bluthochdruck oder Schmerzen zu lindern: Sie soll sogar die soziale Kompetenz erhöhen. Doch kann sie auch eine zersplitterte Seele heilen?

Seit meiner letzten schweren Krise ab 2013/14 praktiziere ich regelmäßig Meditation. Schon seit ca. 12 Jahren übe ich mich in Achtsamkeit – damals begonnen mit einem DBT Skills-Training, welches Teil des von Marsha Linehan entwickelten Trainingsprogramm für Borderline-Störungen ist.

Seit 2014 habe ich eine kleine Meditations-Reise hinter mir.

Ich bin quasi in meiner Innenwelt herumgereist – immer wieder mit einem anderen Fokus. Ich habe mich über lange Zeit mit liebender Güte beschäftigt (einem liebevollen Umgang mit mir selbst), mit Trauer, Vergebung, Loslassen, Neubeginn, und Weisheit.

Je nachdem was gerade „dran“ war in meinem Leben, hat sich das Thema meiner Innenschau verändert. Dabei hatte ich zu Beginn, denke ich, falsche Vorstellungen davon, was meditieren bedeutet.

Ich dachte, ich müsse über Stunden still sitzen und an nichts denken.

Das Sitzen tat schon nach 15 Minuten wahnsinnig im Rücken weh und das mit dem Denken – naja, probier es mal aus, einfach so in’s Blaue. Das funktioniert nicht recht.

 

Verbringe jeden Tag einige Zeit mit dir selbst.
Dalai Lama

 

Ich kannte es ja auch garnicht: Was es hieß, Zeit mit sich selbst zu verbringen. In der Tagesklinik fing ich dann an, die wirklich lange Mittagspause dazu zu nutzen, mich eine halbe Stunde hinzulegen und mir eine geführte Meditation anzuhören. Ich fand das Sitzen anstrengend und so habe ich eben erstmal gelegen. Dabei bin ich oft auch kurz eingeschlafen. Manchmal waren es auch kurze Märchen für innere Kinder, die ich mir angehört habe.

Geführte Meditationen und Märchen waren ein Anfang von Zeit mit mir und für mich.

Nach der Klinik fing für mich meine ambulante Psychotherapie so richtig an und ich erinnere mich noch gut daran, dass ich im Sommer 2015 meine ersten Liebende-Güte-Meditationen unternommen habe – ebenfalls zunächst angeleitet, weil es mir so leichter fiel, mich darauf zu konzentrieren und nicht abzuschweifen.

Das besondere an Mitgefühls-orientierten Meditationen und Achtsamkeitsübungen ist, dass ich damit beginnen konnte, zunächst jemand anderem im Geiste mein Mitgefühl und liebevolle Worte zu geben. Denn solche Dinge zu mir selbst zu sagen, fiel mir noch sehr schwer.

„Die Patienten nehmen das gut an, haben aber häufig Schwierigkeiten, sich selbst gute Wünsche zukommen zu lassen“, bestätigt auch der Autor und Psychologe Johannes Graser von der Universität Witten/Herdecke. Gerade bei der Borderline-Störung spielen Scham und sich selbst nicht annehmen können, bis zum Selbsthass, oft eine große Rolle. So auch bei mir.

Ich lernte mir selbst die liebevollen Worte zu geben, die ich als Kind so vermisst hatte.

Doch anders als bei Affirmationen, sagte ich mir nicht Dinge, die ich in dem Moment noch nicht als wahr empfand – ich glaubte sie mir ja doch nicht. In der Meditation der liebenden Güte wünschen wir und für den anderen er oder sie möge glücklich sein oder sich geliebt oder sicher fühlen. Und es mir selbst nur zu wünschen, das war mir irgendwann möglich.

Bis zu dem Punkt, an dem die Worte auch direkt ankommen konnten. Es kam der Tag, an dem ich ein inneres „Du bist liebenswert.“ nicht mehr vom inneren Tisch wischen musste. Es durfte stehenbleiben. Das war ein Meilenstein auf meinem Weg.

Inzwischen hatte ich das Motto dieses Blogs „Kein Lotus ohne Schlamm“ zu meinem Mantra gemacht, was mir half, all die schweren Gefühle durchzustehen, die auf mich zukamen, als ich mich meinen verdrängten Anteilen zuwendete. Ich setzte große Hoffnung in die Annahme, dass Glück nicht ohne Leid existieren kann und dass ich mich durch den ganzen Schlamm meiner Vergangenheit würde wühlen müssen, um endlich fei zu sein – und aufzublühen. Bis heute steht das Bild mit der Lotusblüte und dem gleichmütig lächelnden Buddha in meinem Schlafzimmer am Bett und erinnert mich daran, wie ich einst gestartet bin.

Üben, üben, üben.

Manchmal fragen mich z.B. Kursteilnehmer_innen, wann so ein Moment kommt, an dem du merkst, dass sich etwas verändert, es „funktioniert“. Sind es Tage, Monate, Jahre? Das kann ich nicht beantworten. Es ist für jeden individuell. Alles was ich sagen kann ist: Üben, üben, üben. Es ging für mich zu dieser Zeit darum, dass mein (abgespaltenes, vernachlässigtes) Inneres wieder Vertrauen zu mir aufbauen konnte. Das geht nur durch Regelmäßigkeit und Konsequenz. Jemand, der nur sporadisch mal für 5 Minuten vorbeischaut und dann auch nicht recht bei der Sache ist, gewinnt kein Vertrauen.

Zusätzlich hatte ich 2015 auch mit regelmäßigem Yoga begonnen, 1x die Woche in einem Kurs. Anfang 2017 fing ich dann an, auch zuhause regelmäßig zu üben, mehrmals in der Woche morgens. Es fing an, meine Morgens-Alleine-Zeit zu werden, nachdem mein Mann zur Arbeit gegangen war.

Ich fing an, meine Alleine-Zeit als angenehm und wichtig zu empfinden.

Heute ist mein morgendliches Yoga kein Sport-Programm mehr, sondern meine Innenzeit. Ich bin bei meiner Routine ganz bei mir und meinem Körper und danach bleibe ich noch sitzen (ja genau, ich sitze) und schaue in mich hinein. Manchmal mit einem Thema – manchmal einfach so um zu sehen, was so los ist in mir drin.

Ich merke es (oft immernoch etwas spät) sehr deutlich, wenn ich das länger vernachlässigt habe. Wenn ich zu lange nicht „bei mir“ war. Dann werde ich grantig und gereizt, weinerlich oder aggressiv, unkonzentriert und zuweilen schwermütig. Dann zeigt mir mein Inneres deutlich was es davon hält, wieder alleine gelassen zu werden.

Mittlerweile ist die Innenschau Alltag.

Doch mittlerweile ist die Innenschau auch zum Alltag geworden. Ich meditiere in der Bahn auf dem Weg zu einem Termin, kurz im Büro zwischen 2 Fokus-Einheiten oder bin achtsam beim Fahrradfahren oder Essen – ganz da und dabei in dem Moment.

„Durch Übung können Sie Einfluss auf Ihre mentalen Prozesse nehmen – so, als würden Sie ins Fitnesscenter gehen, um sich körperlich in Form zu bringen“, sagt die britische Religionswissenschaftlerin Karen Armstrong zu Meditation. Und ja, das Gefühl habe ich auch. Ich fühle mich mental stärker mit dem guten Verhältnis zu meiner eigenen Seele.

Ich habe meine Seele bereist und tue es noch.

Natürlich hat vor allem die Psychotherapie mir sehr dabei geholfen, all die dunklen Ecken meiner Seele auszuleuchten. Ich denke, Meditation hilft mir heute dabei, sie nicht wieder ins Dunkle verschwinden zu lassen. Der tägliche Weg, den ich mache, um mich selbst wieder ein kleines Stück besser kennenzulernen, hilft mir dabei sehr.

Unterwegs habe ich über viele Themen meditiert, meistens, weil sie mich belastet haben und ich sie loslassen wollte. Und da haben wir es doch wieder: Ich habe mich intensiv darauf konzentriert (also angenommen) was ich loslassen wollte. Und das funktioniert erstaunlich gut.

Jedes Thema braucht seine Zeit.

Trauer, Vergebung, Loslassen, Neubeginn, innere Weisheit. Das sind einige der Stationen, die ich in den letzten Jahren zurückgelegt – und teils damit zurückgelassen habe. Zurzeit meditiere ich darüber, wie es ist, ein Berg zu sein. Darüber, wie ich sein und bleiben kann wer ich wirklich bin (jetzt da ich es doch endlich heraus- und für liebenswert befunden habe), ungeachtet der Geschehnisse um mich herum, die wie das Wetter auf dem Berg ihm doch nicht direkt an seiner Basis etwas anhaben können.

Wann ein Thema beendet ist, kann ich nicht genau sagen. Manchmal pausiert es auch nur und kommt später nochmal wieder, Anderes kann ich als abgeschlossen ansehen und innerlich beiseite legen. Nur eines ist sicher: Jedes Thema braucht seine Zeit. Sie sind ja schließlich auch nicht von einem Tag auf den anderen zu den dunklen Flecken in meiner Seele geworden.

Die tägliche Meditation hat für mich eine große Bedeutung bekommen, was ich selbst vor 4-5 Jahren bestimmt nicht so gedacht hätte. Ich sehe mich noch nicht tage- oder wochenlang am Stück in einem buddhistischen Kloster sein um zu meditieren, aber wer weiß was die Zukunft noch bringt.

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1 Kommentar zu “Ich bin ein Berg – Was regelmäßige Meditation für mich tut”

  1. Vlada sagt:

    Hallo liebe Annegret, ich bin durch Zufall über deinen Blog gestolpert, da ich mehr über das Thema Depression erfahren wollte.
    Dein Artikel über Meditation ist sehr wertvoll. Ich habe vor ca. 1 Jahr mit meditieren angefangen, während eines Klinikaufenthalts und es ist so erstaunlich, was Stille bewirken kann und zu merken, wie laut es in einem selbst manchmal ist.
    Sehr schöner Blog! Schau gern mal auf herzsuchtfluss.de vorbei.
    Lieber Gruß, Vlada

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Kein Lotus ohne Schlamm

"Auch die Lotusblume braucht Schlamm, um zu gedeihen. Sie wächst nicht auf Marmor. Wer vor dem Leid wegläuft, kann kein Glück finden." THÍCH NHẤT HẠNH

Hier schreibe ich über meinen Weg aus der psychischen Erkrankung, das Leben und die neue Liebe zu mir selbst.

Über Annegret Corsing -
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