„Ich bin es nicht wert“ – Wie ein negativer Glaubenssatz mir einst das Leben rettete

von Lieblingsmensch_ME am 16. März 2018 / Lesezeit: 7 Minuten

Sie sind bis heute aktiv, obwohl sie ihre Nützlichkeit längst verloren haben. Ja, sie hindern uns sogar daran, unser Leben so zu leben, wie wir es uns heute vorstellen. Sie blockieren, lähmen, bremsen uns aus: Die negativen Glaubenssätze. Doch wie mit den meisten unschönen Erfahrungen, die wir machen, wollen auch sie uns etwas beibringen – über genau das Leben, das sie uns einst vielleicht sogar gerettet haben.

Zurzeit passieren in meinem Leben einige Veränderungen. Die sind nicht alle ganz offensichtlich, es passieren innere Veränderungen, die zu einer Veränderung meines Verhaltens führen. Ich traue mich, mehr Risiken einzugehen. Damit meine ich nicht tatsächlich riskante Situationen. Es sind vielmehr Situationen, in denen ich mich traue ganz ich selbst zu sein  – und dann durchstehe, es auch zu bleiben.

Was ist daran risikoreich, ich selbst zu sein?

Früher, als ich klein war, war es für mich ein Risiko, ganz ich selbst zu sein. Meine Eltern konnten mich nicht so annehmen, wie ich war. Sie hatten vielleicht eine Vorstellung davon, wie ein Kind zu sein hatte. Dass ich eigene Gefühle, Werte und Vorstellungen entwickeln würde, war nicht gewollt. Ich wurde dafür abgelehnt, ich selbst zu sein.

Wenn Kinder solche Erfahrungen machen, wenn sie z.B. sie schon mit 6 Jahren spüren, dass die eigenen Eltern sie nicht annehmen und lieben können, oder wenn sie mit 13 von einem Elternteil verlassen werden und niemand mit ihnen darüber redet, dann sind die Kinder noch nicht soweit, sich rational zu überlegen: „Hm, das muss wohl an denen liegen.“

Die Kinder geben sich selbst die Schuld daran, dass ihre Eltern sie nicht lieb haben.

Die Kinder werden eher sich selbst die Schuld geben. Sie werden den Gedanken entwickeln, dass mit ihnen etwas nicht stimmen kann, sonst würden ihre Eltern sie ja lieb haben. Denn Eltern müssen ihre Kinder lieben, das ist so vorprogrammiert. Sonst würde ja die ganze Welt irgendwie nicht stimmen. Kindergedanken.

Und das ist der Moment, in dem die Kinder ihre Welt selbst innerlich wieder „gerade rücken“: Wenn eine Welt, in der Eltern ihre Kinder nicht lieben, unmöglich ist, dann muss es an mir liegen, dass sie es bei mir nicht können. Ich scheine nicht in Ordnung zu sein. Ich bin nicht ok. Und aus der Hilflosigkeit über diese schreckliche Erkenntnis folgt:

„Ich bin es nicht wert, geliebt zu werden.“

„Wenn ich mich nur ändere, dann können sie mich lieb haben.“
Und der Glaubenssatz ist eingepflanzt ins Gehirn. Er wächst dort über die Jahre vor sich hin und wird zu einem stattlichen Baum, der alles überschattet, was einmal das wahre Ich des Kindes war. Denn es glaubt, dieses Ich sei unwert. Und dieser Gedanke rettet ein Leben.

Warum? Weil, wenn es an mir liegt, ich etwas ändern kann. „Ich kann mich ändern, kann so werden wie ich denke, dass die anderen mich haben wollen, damit sie mich lieb haben können. Ich werde nicht mehr verstoßen oder verlassen.“ – Eine Sorge, die dem Kind lebensbedrohlich vorkommt und es unglaublich hilflos fühlen lässt. Denn der Gedanke, von den Eltern einfach im Stich gelassen zu werden, bedeutet in der Konsequenz: nicht zu überleben.

Der Glaubenssatz wird zum Lebensretter.

So wird der Glaubenssatz zum Lebensretter. Er hat uns einmal davor bewahrt, uns massiv hilflos zu fühlen und Todesangst zu haben. Die Crux ist: Er wirkt bis heute, und hat heute ganz andere, negative Auswirkungen auf uns.

 

„Wer dient, bis dass er wird unwert, // Dem ist Undank zum Lohn beschert.“
Georg Rollenhagen, aus: Froschmeuseler

 

Ich spüre das in der letzten Zeit sehr deutlich. Immer dann, wenn ich das Risiko eingehe, ich selbst zu sein. Immer dann springt der Satz in meinem Innern an und warnt mich: „Du bist es nicht wert. Wie kannst du dir herausnehmen, du selbst sein zu wollen – und dafür auch noch angenommen werden zu wollen?!“

Ein Beispiel: Ich hab kürzlich jemandem eine wichtige Frage gestellt. Es geht um eine Veränderung in unserer Art der Beziehung. Also etwas in der Art: Wollen wir Freunde sein? Ich bin nicht sicher, ob die Person sich diese Veränderung vorstellen kann – und ich habe trotzdem gefragt. „Mutig!“, dachte ich in den ersten Minuten danach. „Bescheuert!“ folgte wenige Stunden später. Ich spürte, wie sich der Gedanke „Du bist es nicht wert.“ wieder durch mein Gehirn fraß.

Ich bekam die alte Angst vor der totalen Vernichtung.

Ein Teil von mir hat Angst, dass die Antwort lautet: „Bei jedem Anderen würde ich drüber nachdenken – aber bei dir? Nee.“ Autsch. Es wäre die Bestätigung dessen, was ich sowieso schon glaube. Doch würde jemand das wirklich zu mir sagen? Gehe ich da einer selbsterfüllenden Prophezeiung auf den Leim? Ich musste mich jedenfalls mehrmals davon abhalten, die Frage nicht aus Angst zurückzunehmen, abzuschwächen oder sogar noch zu rechtfertigen.

Oder wäre nicht vielmehr auch eine Antwort denkbar, die so lautet: „Ich kann mir das leider mit niemandem vorstellen (und das liegt an mir). Aber wenn ich es könnte, dann nur mit dir.“ Für mich zurzeit noch unvorstellbar – doch der Gedanke ist schon da. Klein und zart kämpfte sich in den vergangenen Jahren eine kleine, neue Pflanze ans Tageslicht und stellte sich neben den großen Wertlosigkeits-Baum.

Ein Gedanke nimmt sich mehr und mehr Raum: Es liegt womöglich nicht an mir.

Und diese neue Pflanze trägt einen neuen Gedanken nach oben in mein Bewusstsein: „Wenn jemand mir eine Absage erteilt, dann liegt es nicht unbedingt an mir.“ Ich merke selbst beim Schreiben, dass das alte „Kann nicht sein, es muss an mir liegen.“ noch immer sehr stark dazwischen geht. Es fühlt sich momentan so an, als wären beide gleich groß und gleich stark.

Das heißt, dass ich mir jetzt vorstellen kann, eine Absage zu bekommen UND zu glauben, dass es dann nichts mit meinem Wert als Person zu tun haben wird. Dafür habe ich genug Vertrauen in mich, meine Wertigkeit und in die andere Person gewonnen. Dafür brauchte es viele Jahre harter Arbeit an mir selbst und einen steinigen Weg, den ich hinter mich gebracht habe.

Der Lebensretter hat ausgedient.

Mein Lebensretter-Gedankenbaum hat langsam ausgedient. Nicht, dass er heute nicht mehr versuchen würde, mein wahres Ich sogar vor mir selbst zu verstecken. Das tut er. Doch der neue Baum daneben ist schon genauso groß – und wird ihn eines Tages einholen und darüber hinauswachsen, da bin ich ganz sicher.

Und wenn ich mich an meinen roten Wolf, den selbstkritischen Anteil in mir, erinnere, dann weiß ich, dass auch der Wertlosigkeits-Baum mit dem Gedanken „Ich bin es nicht wert“ es im Grunde immer nur gut mit mir meinte.

Er möchte nicht, dass ich leide, mich verloren fühle, verlassen werde, sterbe. Und das, möchte ich sagen, ist doch eigentlich eine wirklich ehrenhafte Absicht. Nur an der Methodik mich vor Schmerz zu beschützen, daran arbeiten wir noch.

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