Ich mag Küchenpartys

von Mila am 15. April 2017 / Lesezeit: 4 Minuten

Ich bin heute zum ersten Mal ohne dich auf einer Party. Ich war seit ich dich verloren hab noch nicht ohne dich weg und ich habe Angst. Ich glaube S. hat genauso viel Angst, weil er dort auch kaum Einen kennt, aber deshalb geh ich mit. Mit S., aber ohne dich und richtig Lust hab ich auch nicht. Mir ist nicht nach feiern.

Wir haben uns vor Wochen getrennt, als sich plötzlich die ganzen Gefühle in Luft auflösten, und nichts mehr blieb und ich nur wusste: wir trennen uns jetzt. Es war keine Frage, mehr eine Feststellung und irgendwie unausweichlich. Ich bin wie in ein tiefes schwarzes Loch gefallen und ich falle immer noch und die Leere um mich ist immer noch fast unaushaltbar, denn du warst alles was ich hatte, schon fast mein ganzes Leben lang, so lange ich denken kann. Auch ich fühle mich wie in Luft aufgelöst. Ich falle, alles um mich herum scheint zu zerfallen und ich habe nicht nur dich verloren, sondern scheinbar alle und alles und sogar mich selbst, denn ich war du geworden über die Zeit.

Du warst ich – für mich, mein ganzes Leben lang.

Ohne dich fühle ich mich unschön, wie das nicht ganz so hübsche Mädchen neben der schönen Beliebten, die du immer für mich warst. Ich bin wie die sprachlos Nickende, freundlich Lächelnde neben der spontanen Rhetorikern, die immer endlos reden konnte. Fühle mich wie das schüchterne Mauerblümchen neben der Rose, die mit ihrem Duft allen immer den Kopf verdreht hat. Die Bühne war deine Welt. Die Bühne ist nichts für mich.

Du mochtest diese Partys nie. Dieses Rumgestehe in der Küche. Keiner tanzt. Und immer die gleichen Leute. Hoffentlich gibt es wenigstens was zu Essen. Diese hier ist eine von einer Freundin einer Ex-Freundin von S. und ich kenne hier keinen und vielleicht liegt es daran, dass sie, also die Freundin von der Ex von S., und auch ihr Freund und die meisten ihrer Freunde Entwicklungshelfer sind, dass hier irgendwas anders ist. Dass hier keiner so ist wie du.

Keine Bühne, keine Rosen.

Und vielleicht ist es gerade weil ich mich unschön, sprachlos und schüchtern fühle, dass ich keine Erwartungen habe und es deshalb gar nicht, wie du, blöd finde in der Küche. Es gibt leckeres Essen und guten Wein. Du warst auch nie gern alleine, Schweigen war wie nicht da sein, aber ich kann hier heute ganz gut auch mal einfach nur mit mir hier sein. Und es gibt auch keine Leute, mit denen man „Oh, hi, lange nicht gesehen, wie geht’s denn so? Ah ja, interessant, mmhh, ja, also ich muss mal kurz T. suchen, bis dann.“- Gespräche führen muss, die du immer so gehasst hast. Ich kenne hier ja niemanden, ich muss überhaupt mit niemandem irgendwelche Gespräche führen wenn ich nicht will. Und S. ist auch bei mir, redet drüben mit jemand anderem, aber unsere Blicke verständigen sich durch den Raum und ich lächle ihn an und finde es schön, dass wir zusammen hier sind.

Ich hab schon ein bisschen zu viel Wein getrunken und dich hat das immer ganz nervös gemacht.

Aber heute bist du nicht dabei und mich stört es heute überhaupt nicht. Ich hab auch gesehen, dass der Typ in der anderen Ecke drüben, U. hieß er glaub ich, mich auch gesehen hat und wärst du da würden wir jetzt zu ihm rüber gehen und Rosenduft versprühen und rhetorisch glänzen und unheimlich gut aussehen. Also du, aber du bist nicht da, also bleib ich einfach hier sitzen. Unschön, sprachlos, schüchtern – aber mit einem guten Rotwein.
U. kommt aus seiner Ecke zu mir rüber, setzt sich hin und fragt „Und, wen kennst du hier?“ und ich sage „Niemanden. Nicht mal mich selbst, ich hab nämlich vor kurzem mein altes Ich verloren.“ U. lacht. Er ist bestimmt auch Entwicklungshelfer.

Und ich denke: sie fühlt sich eigentlich ganz ok an, die erste Küchenparty ohne dich.

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