Ich und mein Holz II – Alles eine Frage der Perspektive

von Lieblingsmensch_ME am 8. Mai 2018 / Lesezeit: 6 Minuten

In diesem Frühjahr genieße ich das dröge, spießige Landleben, das ich mir früher so überhaupt nicht für mich hätte vorstellen können. Seit wir ein eigenes Grundstück haben, bin ich oft einige Tage in der Woche „draußen“. Und das sogar im wahrsten Sinne des Wortes: an der frischen Luft nämlich. Und auch hin und wieder in der Werkstatt, ohne die wir das ganze „Draußen“ drumherum – jedenfalls wenn es nach dem besten Ehemann der Welt geht – ja ohnehin garnicht erst angeschafft hätten.

Schon früher hatte ich ja in Ich und mein Holz – Therapie in der Werkstatt über mein eher kompliziertes Verhältnis zum Holz geschrieben. Es jagte mich jedes Mal raus aus der Werkstatt und rein in ziemliche emotionale Abgründe, etwas in der Werkstatt zu machen.

Die Arbeit mit Holz holte alte, verschüttete Gefühle aus der Kindheit ans Licht.

Natürlich gibt es auch abseits unserer berlinerischen Garagenwerkstatt auf dem Grundstück so Einiges zu tun. Da wäre der Wanddurchbruch, den wir noch im Winter gemacht haben für mehr Licht und Freiraum im Innern. An anderer Stelle haben wir eine Tür zugemacht, dort habe ich ein Bilderregal gebaut.

Nun, da es warm wird, gibt es draußen jede Menge zu tun. Holz hacken zum Beispiel, damit es im nächsten Winter drinnen schön warm wird. Wir wollen auch eine mobile Draußen-Couch aus Holz bauen und die Terrassen (ja, Plural) neu – Wie sagt man da? – eindecken (Man merkt schon, was für eine Art Profi ich bin!).

Und wieder kriegt es mich, das Holz.

Es gibt also viel zu tun – packen wir es an, oder?! JA, ruft das Kind in mir und zeitgleich meldet der Widerstand eine Konferenz an. Er kriecht ganz langsam meine Beine hoch und drückt auf meinen Bauch, dann meine Brust und am Ende schnürt er mir noch den Hals zu, so dass ich wie angewurzelt genau da sitzen bleibe, wo ich gerade bin. In der Sonne, und auf der Hollywood-Schaukel.

Und wir reden erstmal, der Widerstand und ich. Was ist los?, frage ich? Er sagt: Was soll sein? Ich: Naja, ich würde dann schon gerne mal aufstehen wollen. Er: So so.

 

Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen.
Immanuel Kant

 

Nun kennen wir uns ja schon eine Weile, mein Widerstand und ich. Ich weiß, worum es geht, was gerade passiert. Ich kann abstrahieren, Metaebenen bilden, aus der Problematik imaginativ aussteigen und mich daneben stellen, es bis ins Kleinste analysieren. Aber hin und wieder merke ich nun doch, dass das manchmal auch nicht immer die beste Lösung ist, immer alles auszudiskutieren und in seine Einzelteile zu zerlegen.

Manchmal hilft verstehen alleine nicht. Manchmal hilft nur: Machen! Einfach machen. Irgendwas. Nur um aus der Starre herauszukommen.

Und wenn es mit dem Holz noch nicht geht, dann eben mit Gehölzen. Beinhaltet ja immerhin den Wortstamm, dürfte also gelten. Der Widerstand murrt: Technisch schon, aber… Kein aber, sage ich, jetzt wird gemacht!

Also rein ins Beet und Rosen beschnitten, Beeren gestutzt und … bei den meisten Sachen überhaupt erstmal rauskriegen, womit ich es eigentlich zu tun habe. So ein geerbter Garten verspricht die eine oder andere Überraschung, soviel kann ich sagen.

Und plötzlich macht sich ein Gefühl von Friedlichkeit in mir breit.

Eigentlich bin ich ja kein Freund von solch Fummel- und Friemel-Aufgaben. Ich werde dann ungeduldig und schnell genervt. Komischerweise geht es mir im Beet garnicht so. Da kann ich stundenlang mit voller Hingabe irgendwas machen. Tote Zweige abschneiden, Unkraut zuppeln, alte Blätter raussammeln oder neue Kräuter aussähen.

Ich wusste schon früher, dass ich einen Draht zu Pflanzen habe. Als zwei Drittel meiner Zimmerpflanzen im Winter während einer längeren Reise mangels grünem Daumen des Pflegepersonals unerwartet verstarben, da musste ich weinen. Meine Liebste hatte ich vor Jahren von der Straße geholt, halbtot und verwahrlost. Ich hatte sie aufgepäppelt und sehr lieb gehabt.

Wieder reißt es – wie so oft – der Perspektivwechsel raus.

Und wie so oft, hatte ich garnicht damit gerechnet, dass alles anders würde, wenn ich nur den Fokus um ein kleines Bisschen verschieben würde. Holz und Gehölze – liegt doch nah beieinander – aber das Ergebnis ist ein völlig anderes. Das erinnert mich an ein Bild aus der Coaching-Ausbildung:

 

Gehe 100m in eine Richtung. Markiere den Punkt, an dem du angekommen bist. Nun gehe zurück zum Ausgangspunkt und ändere deine Richtung nur ein klein Wenig, ein paar Grad. Gehe nun 100m in diese Richtung. Du kommst völlig woanders an – und das, obwohl deine Ausgangslage sich nur minimal verändert hatte.

 

 

Abb. 1: Schon eine winzige Veränderung der Richtung kann eine ganz große Veränderung im Ergebnis nach sich ziehen.

 

Zwischen all den Büschen, Sträuchern und Stauden im Garten um die ich mich nun kümmern kann, geht es mir ziemlich gut. Ich komme in Bewegung, statt in der Widerstand-Starre kleben zu bleiben. Ein kleiner, aber großer Unterschied.

Das Holz will trotzdem noch gehackt werden und die mobile Couch und die Terrassen wollen fertig werden. Zum Glück habe ich ja einen begabten Ehemann, dem die Arbeit an Letzteren auch noch große Freude bereitet. Ich werde mich dann wieder anstellen, wenn es etwas zu pinseln gibt – das liegt mir nämlich auch habe ich festgestellt.

Und das Brennholz, dafür haben wir schon eine Idee: Das wird die neue Wut-Ecke zum Energie rauslassen.

Den ersten Teil vom April 2017 findest du hier: Ich und mein Holz – Therapie in der Werkstatt 

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1 Kommentar zu “Ich und mein Holz II – Alles eine Frage der Perspektive”

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