Innere Einsamkeit fühlen – Freundschaft schließen mit sich selbst

von Lieblingsmensch_ME am 4. September 2018 / Lesezeit: 5 Minuten

In den letzten Wochen war ich ein bisschen wie ein Einsiedler – ich war wenig unterwegs und habe kaum andere Menschen getroffen, und mich auch wenig bei anderen gemeldet. Ich war vertieft in meine Prüfungsvorbereitungen für das Studium.

Seit 2017 studiere ich ja nochmal und es erfüllt mich tatsächlich ganz schön, das kann ich sagen. Es macht mir Freude und gibt mir einen Sinn und ein Ziel und das empfinde ich als wertvoll. Ich habe lange nach so etwas gesucht.

Auch waren die Vorbereitungen für die Prüfungen für mich zum ersten Mal kein Krampf und nicht mit ewiger Aufschieberitis verbunden. Ich glaube, ich war zum ersten Mal richtig gut vorbereitet auf so eine Prüfung – und ich denke das hat damit zu tun, dass ich liebe was ich da tue. Ich lerne gerne (Prüfung – naja, muss nicht sein, ist eben ein Teil des Weges) und ich mag das Thema. Was gibt’s Schöneres? Du brauchst das nicht zu verstehen. Und genau das bringt mich zum Thema dieses Artikels.

Ich verstehe mich. Ich mag was ich tue – und das reicht mir.

Ich merke, dass ich an den Punkt gekommen bin, an dem ich zumindest die Bestätigung dafür, dass ich etwas gut mache (ergo: ok bin), nicht mehr von außen „nötig“ habe. Früher war das ja ganz anders.

Doch was mir in den letzten Wochen, als ich so alleine mit mir (und meinen Büchern) war, auffiel ist eine große Einsamkeit. Und auch das ist für mich ein großer Schritt nach vorne:

Die Kunst, die Einsamkeit spüren zu können – und in ihr sitzen zu bleiben.

Meine Einsamkeit fühlt sich nicht schön an. Während ich nicht wirklich alleine war – ich habe ja meinen Ehemann der um mich rumspringt und meine Kollegen in der Bürogemeinschaft – fühlte ich durch den eingeschränkten Kontakt mit anderen in der Lernphase doch meine innere Einsamkeit sehr stark.

Ich denke früher habe ich dieses Gefühl immer stark kompensiert. Ich war sehr leistungsbezogen und habe es über Anerkennung kleiner gemacht. Soziale Medien können auch helfen, sich nicht einsam zu fühlen – oder genau das Gegenteil bewirken, je nachdem. Ich war ganz lösungsorientiert immer dabei, meine Zeit so zu organisieren, dass ich die Einsamkeit nicht spüren musste. Ich habe sie mit Sport, Freunden oder Fernsehen gefüllt. Ein paar Sommer lang, als es mir besonders schlecht ging, auch mit Partys und Sex. Andere arbeiten (zu)viel, treiben sich zu Höchstleistungen an, nehmen Drogen oder stehlen.

Ich war fast nie alleine. Es war die innere Einsamkeit, die ich nicht fühlen wollte.

Ich schrieb auch sehr, sehr viel um die damit verbundenen Gefühle nicht zulassen zu müssen. Ich schrieb einem Menschen, den es nichts anging, doch er war da und hat es sich durchgelesen. Ich war nicht alleine und das hat mir geholfen, mich nicht so irre einsam zu fühlen.

Beziehungsweise – wobei es eigentlich half: Der Einsamkeit begegnen zu können. Denn genau davor hatte ich allein einfach zu viel Angst, so groß und furchteinflößend war sie. Manchmal, wenn ich sie heute spüre, dann denke ich daran, dass ich mich auch als Kind schon so einsam gefühlt habe – und dann werde ich fruchtbar traurig darüber, dass ein Kind überhaupt in die Situation kommen kann, so einsam und ängstlich zu sein. Das dürfte einfach nicht passieren!

In den letzten Jahren habe ich mich Stück für Stück dieser Einsamkeit angenähert.

Zunächst noch in Begleitung, durch das Schreiben oder mit meinem Therapeuten, manchmal hilft es mir auch noch immer, wenn mein Mann da ist und mich einfach nur festhalten kann. Doch es verändert sich etwas.

Ich schreibe (zumindest zurzeit) nicht mehr soviel und ich werte das als ein gutes Zeichen dafür, dass ich jetzt gut allein mit meinen Themen umgehen kann.

Immer öfter bleibe ich allein – allein mit meiner Einsamkeit. Und es ist ok.

So war ich auch in den letzten Wochen viel allein und wenn auch der Lernstoff zuweilen die meisten Synapsen im Kopf besetzt, bleiben die Gefühle ja doch präsent, und ich finde das inzwischen sogar ganz angenehm – ganz egal ob sie zu den „guten“ oder „schlechten“ gehören.

 

Der einzige Weg, einen Freund zu haben, ist der, selbst einer zu sein.
Ralph Waldo Emerson

 

Die Einsamkeit in mir hat (wie viele andere Teile, z.B. der kritische Anteil) ihren Platz eingenommen und ich laufe nicht mehr vor ihr weg. Die Auseinandersetzung mit dem Kritiker war vor allem mit Gefühlen wie Wut und Scham verbunden. Ich habe mich intensiv mit ihnen auseinander gesetzt.

Die alte Einsamkeit bringt sehr viel Traurigkeit und auch große Angst zu Tage.

Alles was ich tun kann – statt wie früher davor wegzulaufen oder andere offensiv oder manipulativ zu „bitten“, sich zu kümmern – ist nun: Gut für mich und den verletzten Anteil da zu sein. Wie eine gute Freundin oder sogar Mutter. Und andererseits damit zu beginnen, konstruktiv mit dem Gefühl umzugehen und Wege zu finden, wie ich mich im Heute vielleicht weniger einsam fühlen kann, indem ich neue (oder alte vergessene) Aktivitäten angehe, die mir Freude machen.

Und neue Menschen treffe zu denen ich gute, ehrliche und tiefe Beziehungen aufbauen kann, statt das Gefühl der Einsamkeit durch Arbeit/Sport/Leistung/Ablenkung zu kompensieren oder damit, solchen Menschen nachzujagen, die zu echter Nähe nicht garnicht fähig sind (und damit alten Mustern zu folgen).

Offenheit und Ehrlichkeit mit sich selbst ist der erste Schritt.

Natürlich spricht nichts dagegen, auch das eigene Leid mit lieben Menschen zu teilen. Auch dafür sind Freunde da und es ist schön, offen miteinander sein zu können. Freunde sind aber nicht dazu da, uns dabei zu helfen, dass wir bestimmte Gefühle nicht fühlen müssen und wir sollten sie auch nicht dazu benutzen.

 

Wir können nur gute Freunde für andere sein und sie für uns, wenn wir uns selbst zuerst der/die allerbeste Freund/in sind und uns ehrlich für uns selbst freuen können, wenn wir Erfolg haben oder glücklich sind und uns selbst beistehen und trösten können, wenn wir traurig sind oder leiden.

 

 

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"Auch die Lotusblume braucht Schlamm, um zu gedeihen. Sie wächst nicht auf Marmor. Wer vor dem Leid wegläuft, kann kein Glück finden." THÍCH NHẤT HẠNH

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