Keine Zeit

von Mila am 12. Juni 2018 / Lesezeit: 4 Minuten

“Denn natürlich haben wir für alles Zeit. Die Frage ist nur, ob wir sie uns nehmen. […] Schließlich zerreißen wir uns schon genug zwischen unseren To-Do’s, zwischen all dem, was Muss und Soll […]. Und genau deshalb machen wir uns gegenseitig zu notorischen Schwindlern. Ob wir das ändern können und wir zarten Seelen die knallharte Wahrheit doch ertragen könnten?” (Silvia Follmann, EF)

Ich hatte 2016 zu meinem Geburtstag eingeladen und eine Freundin hatte sich nicht zurückgemeldet. Als ich nochmal nachgefragt habe, weil ich gerne wollte dass sie kommt, antwortete sie:

Ja, ich habe Zeit, aber ich weiß nicht ob ich komme. – Ok, warum? – Keinen Bock.

Oh ok, das wär ja mal, bei meiner Mentalität, früher richtig nach hinten losgegangen. Kein Bock zu meinem Geburtstag zu kommen? Wie wichtig kann ich dir da sein?!

Doch dann hab ich gemerkt, dass sie einfach nur ehrlich war. Und dass es ihr selber nicht gut ging. SIE war grade mit ihrem Leben unzufrieden, SIE wusste nicht so recht, was sie als Nächstes machen wollte, SIE wollte nicht in einer Gruppe erfolgreicher (ich hielt mich zu dem Zeitpunkts nicht dafür, aber das ist ja subjektiv) Menschen sitzen und Fragen beantworten wie: Und, was machst du so (beruflich)? Was ist dein nächstes Projekt?.

Ich konnte plötzlich hinter der schroffen, aber grundehrlichen Antwort den Menschen erkennen, der mir hinter einer Lüge wie “keine Zeit” verborgen geblieben wäre. Und das wäre doch schade gewesen. Denn mir wäre entgangenen, dass a) ich ihr ganz und garnicht unwichtig bin und b) sie einfach selber echt grade zu kämpfen hatte. Das „Keinen Bock“ – es hatte garnichts mit mir zu tun.

Wir haben drüber gesprochen und sie kam dann doch. Und hat gemerkt, dass alle irgendwie irgendeinen Kampf austragen – sei es ein stressiger Job mit nervigem Chef und überhaupt keine Zeit mehr für sich (meine beste Freundin), sei es die Neuorientierung hin zu “keine Ahnung was als nächstes kommt, aber erstmal geht’s so nicht weiter” (meine Schwester), oder ein “ich fange grade ganz neu an nachdem ich ganz unten war” (ich). Und trotzdem waren alle da.

Wir sind doch irgendwie immer alle gerade in der Mache, denke ich. Ein unfertiges Projekt.

Es ist ok, unkomplett zu sein und sich so zu fühlen, denkst du nicht? Und wenn ich dich was frage, etwas von dir wissen will, dann erwarte ich auch nicht, dass du mir in allen Einzelheiten ein Konzept vorlegst, mit Quellenangaben und Forschungsergebnissen, und mit dem ich dann sofort erfolgreich werde. Oder wenn ich frage wie es dir geht, was du so machst. Ich möchte keine Erfolgsstories. Ich will das unfertige Projekt, eben weil es genau das ist, was du gerade bist.

Ich möchte mich mit dir unterhalten, von deinen Erfahrungen und dir hören, mehr nicht. Es gibt keine Aufgabe zu bestehen, kein Muss und kein Soll. Ich bin gern mit dir zusammen, einfach weil du du bist.

Und wenn du “keine Zeit” dafür hast, wär es mir lieber du sagst mir, du hast “keinen Bock”. Dann würde ich dich besser verstehen.

Denn ja, ich denke, dass wir zarten Seelen die knallharte Wahrheit doch ertragen könnten. Sogar besser als die Lüge, die uns eigentlich schützen soll.

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