Krawall und Remmidemmi – Aus narzisstischen Beziehungsmustern herauswachsen

Wie werden wir glücklich mit jemand anderem? Als ich neulich ein Reportage über das am längsten verheiratete Paar Berlins sah, war ich wirklich gerührt. Die beiden sind 73 Jahre verheiratet – und wirkten auf mich wie frisch verliebt. Doch wie schafft man es, eine solche Liebe miteinander zu entwickeln, zu gestalten – und vor allem 73 Jahre lang zu halten. Als Borderlinerin mit narzisstischen Beziehungsmustern war das für mich lange nicht selbstverständlich.

Heute bin ich mit meinem Mann seit fast 3 Jahren glücklich verheiratet und seit über 13 Jahren zusammen. Ich sage dazu immer „brutto“, weil es auch 2 Jahre gab, in denen wir nicht zusammen gelebt haben und auch als Paar getrennt waren. Jedoch hatten wir immer engen Kontakt.

Früher war eine Beziehung für mich immer mit Schmerzen verbunden.

So ganz bewusst war mir das sicherlich nicht. Es war ein unbewusstes Muster, das ich lebte. Ich hatte wahnsinnige Sehnsucht nach einer innigen, liebevollen Beziehung und gleichzeitig wahnsinnig große Angst, (wieder) verlassen und verletzt zu werden. Diese Ambivalenz zwischen dem Wunsch nach und der gleichzeitigen Angst vor Nähe ist eine Ausprägung der Borderline-Symptomatik.

Ganz ähnliche Gefühle plagen auch narzisstisch geprägte Menschen. Auch sie kennen die massive Angst vor Nähe, um nicht wieder verletzt zu werden. Auch sie kennen das Gefühl, dass enge Beziehungen Gefahr bedeuten. Gleichzeitig brauchen sie andere Menschen, um zu überleben. Genauer gesagt, deren Bestätigung und Bewunderung.

Diese gemeinsame Gefühlslage lässt Menschen mit Borderline und narzisstischen Zügen sich gegenseitig anziehen wie Magneten.

Gleichzeitig entsteht in dieser Kombination eine unter Umständen hochexplosive Mischung. Die Beziehungen gehen – werden sie nicht reflektiert – nach einer euphorischen Anfangsphase, in der man glaubt, den oder die Traumpartner/in gefunden zu haben, meist in rasantem Tempo und mit viel Krawall und Remmidemmi unter. Zurück bleiben häufig eine Partei, die sich aus Selbstschutz von allem hart distanziert (narzisstische Variante), und eine Partei, die sich innerlich selbst zerfleischt – oder aber sich im Kampf um die längst verlorene Beziehung aufreibt und zerstört (Borderline-Variante).

Solange ich meine Muster nicht reflektiert und hinterfragt habe, lebte ich genau dieses Modell. Immer und immer wieder. Ich „suchte“ mir (zog magisch an) narzisstisch geprägte Typen, die mir garantiert nicht die wahre Liebe würden geben können, die ein Teil von mir so dringend suchte – und (wir erinnern uns) die ein anderer Teil von mir ja auch so fürchtete.

Eine Kombination, die von Beginn an schon zum Scheitern verurteilt ist.

Denn was Menschen in diesen Beziehungen versuchen, ist unmöglich zu erreichen. Sie versuchen, ihre sehnlichsten Bedürfnisse nach Nähe und Intimität erfüllt zu bekommen, ohne aber sich dafür öffnen und hingeben zu müssen.
Es ist, wie eine Tafel Schokolade essen zu wollen, ohne die Verpackung zu öffnen. Es geht nicht! Es sei denn, du isst die Verpackung mit – und das ist dann wieder eher schmerzhaft und gefährlich und kein Genuss.

Doch was lässt nun eine Beziehung wirklich so lange und glücklich währen, wie die des 73 Jahre verheirateten zauberhaften Pärchens? Ich kenne natürlich viele Paare, die viele Jahre zusammen sind: 5, 10 oder sogar 20 Jahre. Aber sind sie glücklich? Einzeln und miteinander? Bei einigen zweifle ich doch stark. Auch, wenn sie keine explosive Borderline-Narzissmuss-Beziehung führen.

Viele Menschen leben eine stark bedürfnisorientierte Art von Beziehung.

Da geht es weniger um tatsächliche Liebe, als vielmehr um Bedürfniserfüllung. Bedürfnis-erfüll-Geschäftsbeziehungen nannte sie mal eine Therapeutin von mir. Dann richtet man sich ein in einer Situation, die wichtige Bedürfnisse (z.B. nach Sicherheit und nicht allein sein) erfüllt und gewöhnt sich daran. Echte Liebe ist das meiner Ansicht nach nicht immer. Eher eine Zweckgemeinschaft. Dann ist der Partner oder die Partnerin aber u.U. schwer dafür verantwortlich, dass ich mich wohlfühle. Trennt er oder sie sich dann, stehe ich plötzlich vor der Frage, wer denn jetzt meine Bedürfnisse erfüllt.

Ich verurteile das nicht pauschal. Jeder/r kann selbst entscheiden, wir er/sie Beziehungen führen möchte. Schwierig wird es für mich dann, wenn Kinder ins Spiel kommen und diese dann auch noch als Bedürfnis-Erfüller für die Eltern herangezogen werden. Da werde ich wütend, aber das ist eine andere Geschichte.

 

„Es gibt nichts Schöneres als geliebt zu werden, geliebt um seiner selbst willen oder vielmehr trotz seiner selbst.“
~Victor Hugo

 

Ich lernte meinen Mann im Herbst 2006 kennen und ganz passend haben wir uns zum Lied „Krawall und Remmidemmi“ von Deichkind zum ersten Mal auf einer Tanzfläche in unserem Stamm-Club geküsst. Wenn wir gewusst hätten, wieviel Wahrheit damals schon darin lag. Unsere ersten 6 Jahre waren rückblickend oberflächlich betrachtet sehr harmonisch, sahen aber unter der Oberfläche nicht viel besser aus als eben beschrieben. Wir brauchten einander, um uns selbst gut zu fühlen. Ich wahrscheinlich ihn noch mehr als er mich. Nach 6 Jahren gab es dann die erste große Krise.

Das, was er mir geben konnte und wollte, reichte nicht mehr, um meine eigenen Defizite aufzuwiegen.

Es ging mir wieder schlechter, ich fing an, ihn zu kritisieren (und meinte mich selbst) und trennte mich schlussendlich. Es folgten 2 Jahre, in denen ich mich intensiv mit meinen Beziehungsmustern auseinandergesetzt habe. Nicht, ohne mich noch ein letztes Mal in einen ordentlich krawalligen Borderline-Narzissmus-Beziehungskonflikt zu stürzen.

Gleichzeitig waren mein Mann und ich in den 2 Jahren immer in Kontakt. Er war immer an meiner Seite, als Mensch. Und er hatte nie aufgehört mich zu lieben. Und zwar genau so, wie ich war. Ich musste zum ersten Mal im Leben nichts tun und mich nicht verändern, um liebenswert zu sein. Als ich das verstand (und es dauerte noch sehr lange bis ich es wirklich annehmen konnte), fiel eine unglaubliche Last von mir ab. All das stressige, anstrengende Kämpfen um eine Beziehung – ich brauchte es nicht mehr tun.

Und zum ersten Mal konnte ich auch meinen Partner so sehen, wie er wirklich war.

Und heute glaube ich, ist genau das das Geheimnis einer über viele Jahre glücklichen Liebe:

Den anderen so sehen zu können, wir er wirklich ist. Nichts zu erwarten und nichts ändern zu wollen. Jeder Mensch ist in sich einzigartig und liebenswert. Niemand ist dazu da, nur unsere unversorgten Bedürfnisse zu erfüllen.

Das einzige, was wir tun können, ist unseren Umgang damit zu hinterfragen und uns die Frage zu stellen: Möchte ich mit diesem Menschen mein Leben oder zumindest einen Teil davon verbringen? Und zwar, weil ER/SIE ist wie ER/SIE ist und nicht anhand dessen, was er/sie MIR zu geben hat. Und wenn die Antwort ja ist, dann lebe! Und liebe als gäbe es kein Morgen.

2017 habe ich also zu meinem Mann JA gesagt – und das ganz bewusst aus Liebe.
Pünktlich zum Valentinstag in diesem Jahr habe ich eine Cover-Version „unseres“ Deichkind-Liedes gehört. Und ich finde sie zeigt wunderschön, wie aus dem einstigen Krawall und Remmidemmi auch eine erwachsene, liebevolle Version einer Beziehung (resp. eines Songs) werden kann:

Ich wünsche mir von Herzen, dass mein Mann und ich nach vielen Jahrzehnten Ehe noch so liebevoll und verliebt miteinander wirken wie Arthur und Dorothea aus Berlin, die schon unfassbare 73 Jahre miteinander verheiratet sind!  Und dir, dass du deine vielleicht jetzt noch krawalligen Beziehungsmuster hinterfragen und verändern kannst, um wahrhaft zu lieben.