Mein roter Wolf – Der selbstkritische Anteil

von Lieblingsmensch_ME am 27. Januar 2017 / Lesezeit: 7 Minuten

Schon seit einiger Zeit arbeite ich mit meinen inneren Anteilen. Vielleicht kennst du das: Du hast verschiedene Seiten – manchmal bist du mutig, manchmal eher ängstlich, manchmal unsicher, ratlos oder aber spontan. Bei der Arbeit mit inneren Anteilen geht es darum, diese Persönlichkeitsanteile in sich wahrzunehmen und sich praktisch als ein inneres Bild vorzustellen. Heute: Mein selbstkritischer Anteil.

Es ist immernoch ein kleiner Schock zu erkennen, wie ‚multipel‘ wir sind.

Paul Gilbert

Am letzten Wochenende war ich auf einer Weiterbildung. Für mich steht neben dem Gewinnen von Fachwissen auch immer der Umgang mit vielen neuen Menschen gleichzeitig im Fokus. Denn ich weiß, er kommt immer mit: Mein roter Wolf.

In meinem Herzen lebt ein Wolf.

Seinen Namen bekam er, nachdem ich eine alte Indianerweisheit gehört hatte, in der zwei Wölfe miteinander kämpfen, ein roter und ein blauer Wolf. Der rote Wolf ist voller Angst, Misstrauen, Neid, Wut und Hass, während der blaue sanftmütig ist und Gleichmut, Liebe, Hoffnung und Vertrauen verkörpert. Sofort assoziierte ich meinen kritischen inneren Anteil mit dem roten Wolf und seitdem schleicht er mir um die Beine.

Innere Anteile können (und werden gewöhnlich) nach ihrer „Aufgabe“ betitelt. Es gibt zum Beispiel eine „Freundliche“ in mir, eine „Ordentliche“, eine „Hilfsbereite“. Dahinter stecken Eigenschaften, die ich in mir trage: Ich bin freundlich, ordentlich und hilfsbereit. Und auch ich habe weniger positive Anteile, eine „Misstrauische“, eine „Ängstliche“. Auch das „innere Kind“ gehört zu mir, und ich habe einen ganz … speziellen Teil: meinen „inneren Kritiker“.

Ich bin selbst mein schärfster Kritiker.

Und oh ja, dieser Kritiker in mir ist wirklich nicht zimperlich. Gewaltfreie Kommunikation und konstruktive Kritik liegen ihm nicht. Er ist gerne pauschal, verallgemeinernd und dabei wirklich verletzend. Aus einer Mücke macht er furchtbar gern einen Elefanten. Gerne agierte er früher auch aus dem Hinterhalt, ließ eine spitze Bemerkung fallen und verschwand dann, bevor ich überhaupt realisieren konnte, was er da zu mir gesagt hatte.

Ein Beispiel: Dachte ich darüber nach, ein neues Projekt anzugehen – denn ich habe viele, viele Ideen in meinem Kopf – so kam der rote Wolf vorbei und sagte so etwas wie „Das schaffst du eh nicht. Dazu bist du nicht gut genug.“ Lange Zeit war mir nicht bewusst, warum ich meine Ideen eigentlich nie bis zu Ende verfolgte. Lange dachte ich, die Umsetzung wäre mir zu langweilig. Doch eigentlich hatte es mir der rote Wolf jedes Mal schon madig gemacht, bevor ich überhaupt angefangen hatte.

Oder: Freundschaften und Beziehungen sind schon immer ein sehr spezielles Thema für mich gewesen. Schnell hatte ich bei einer Absage einer Verabredung zum Beispiel etwas wie: „Sie kann dich nicht leiden. Sie will dich nicht sehen.“ im Ohr.

Die meisten Anteile haben gute Absichten.

Wie schon in meinem Neujahrs-Artikel zum Thema „Gute Vorsätze“  beschrieben, meinen es unsere Anteile meistens gut mit uns. Nicht leicht zu akzeptieren, wenn sie sich so unflätig verhalten wie mein roter Wolf, oder?

Auch hier helfen mir wieder Mitgefühl und das Wissen, dass viele Menschen (und Tiere) dann besonders aggressiv re-agieren, wenn sie sich bedroht fühlen, also Angst haben. Das heißt nicht, dass ich die Stimmen in meinem Kopf tolerieren muss. Ich kann den roten Wolf in seine Schranken weisen und ihm mitteilen, dass die Art und Weise nicht geht – und gleichzeitig Verständnis zeigen für sein Anliegen: mich zu beschützen.

Wovor hat der rote Wolf solche Angst?
Er und ich haben uns in den letzten Jahren oft und lange darüber unterhalten. Und falls du jetzt denkst: ‚Die redet mit sich selbst.. ?‘ – das geschieht in einer Form des inneren Dialoges, manchmal auch nach außen getragen zum Beispiel durch Stuhlarbeit in der Therapie. Das bedeutet, ein Stuhl im Raum steht für den Wolf und ich kann wahlweise mit ihm sprechen oder in seine Rolle schlüpfen, indem ich auf dem Stuhl Platz nehme.

Über den inneren Dialog weiß ich heute, dass der rote Wolf große Angst vor Zurückweisung, Scheitern und in der Folge Alleinsein hat bzw. mich davor schützen möchte. Denn daran hängen schwierige Gefühle wie Einsamkeit, Hilflosigkeit, Angst und Verzweiflung. Er möchte verhindern, dass ich mich je (wieder) so fühlen muss.

Der Kritiker kennt nur was er schon jahrelang macht.

Mein selbstkritischer Anteil entstand, als ich noch ein Kind war und solche Gefühle gefühlt habe. Sie waren so überwältigend, dass meine Seele begann mich davor zu schützen – indem sie beschloss, mich zukünftig von Erfahrungen fern zu halten, die als Ergebnis solche Gefühle haben könnten. Das bedeutet: Wenn ich ein Projekt gar nicht erst beginne, kann ich auch nicht scheitern. Wenn ich eine Beziehung von vornherein gar nicht zu eng werden lasse, kann ich auch nicht verlassen werden.

Der rote Wolf ist selbst ziemlich hilflos, wenn ich ihn frage, ob es nicht Alternativen zum Vermeiden gibt. Denn ich werde zwar vielleicht nie die schlimmen Gefühle wieder erleben, ich werde aber auch nie die Freude, das Glück, die Hoffnung und Motivation erfahren, die erfolgreiche Projekte und gute Beziehungen mit sich bringen, wenn ich es überhaupt garnicht erst versuche. Und ich bin nicht länger bereit, auf das Glück, die Freude und die Hoffnung zu verzichten!

Neue Wege gehen.

Also gehen wir neue Wege. Mit dem roten Wolf, denn früher habe ich versucht ihn zu ignorieren, was mäßig bis gar nicht funktioniert hat. Und so gehe ich in diese Weiterbildung und treffe viele neue Menschen. Ich nehme wahr, wie viel Angst der Kritiker hat. „Bloß nicht negativ auffallen.“ „Das war blöd, was du gesagt hast.“ „Du drängst dich zu sehr in den Vordergrund.“

Ja, es strengt mich an, denn ich bin in einer Doppelrolle hier: möchte zuhören und dazulernen und mich aktiv beteiligen – und gleichzeitig bin ich Kümmerer für diesen verängstigten Wolf, der um meine Beine streicht und versucht, mir jegliches Verhalten auszureden, bei dem ich ich selbst sein könnte.

Rom wurde auch nicht an einem Tag erbaut.

Vor uns liegt noch ein langer Weg. Auch am letzten Wochenende in den darauf folgenden Tagen bin ich noch oft in die Falle getappt und konnte nur schwer voran gehen mit meinen Projekten, war teilweise ängstlich und unsicher in zwischenmenschlichen Beziehungen. Doch der Unterschied zu früher ist der: Ich nehme es bewusst wahr. Ich habe Verständnis und Mitgefühl dafür, dass ich (bzw. der rote Wolf) manchmal noch nicht anders handeln kann.

Das Wesen von Mitgefühl ist nicht der Versuch, ein Gefühl zu beseitigen. Es ist der Versuch, es zu Verstehen und Anzunehmen wie es ist und für es da zu sein. Diese schwere Aufgabe (besonders bei schwierigen Gefühlen) lohnt sich! Denn anders als ein Wasserball – den du unter Wasser drückst und der irgendwann, weil es zu kräftezehrend wird, unter deinen Händen einfach hoch ploppt – kann ein wahrgenommenes Gefühl sich beruhigen. Denn alles was es unter Umständen möchte ist Gesehen werden.

Hast du schon ähnliche Erfahrungen gemacht? Kennst du auch eine innere kritische Stimme und wie gehst du damit um?

 

Ähnliche Beiträge

Fremde Federn – Wenn das Selbstbild fehlt Kürzlich entdeckte eine Leserin einen meiner Artikel auf einem anderen Blog. Er war fast vollständig (sogar in der Ich-Form) kopiert und wiederverwend...
Warmes Kakaogefühl oder: Die andere Seite vom Glüc... Eine Geschichte über Freundschaft und warum es manchmal garnicht so einfach ist... "einfach" Freunde zu sein. I. Tom ist ein Arsch. Mein Freund Tom ...
RUF. DOCH. MAL. AN. – Und dann? Am 1. Juni hatte ich mich dazu entschlossen, für einen Monat öfter mal zur Anruffunktions meines Telefons zu greifen, statt nur eine Nachricht zu send...

5 Kommentare zu “Mein roter Wolf – Der selbstkritische Anteil”

  1. Elli sagt:

    Hallo Mila,
    ich bin Dir sehr dankbar dafür, dass Du solch intime und persönliche Dinge teilst. Durch das Lesen Deiner Artikel hilfst Du mir sehr. Mir geht es fast genau wie Dir, vor allem, was den „inneren Kritiker“ betrifft, und dank Dir fühle ich mich nicht mehr so allein und bekomme etwas Hoffnung.
    Herzliche Grüße!
    Elli

    1. Lieblingsmensch_ME sagt:

      Liebe Elli,
      ich danke dir. Ich freue mich, wenn ich mit meinem Erfahrungen anderen Hoffnung geben kann!
      Alles Gute und viel Mut und Kraft für deinen Weg!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Kein Lotus ohne Schlamm

"Auch die Lotusblume braucht Schlamm, um zu gedeihen. Sie wächst nicht auf Marmor. Wer vor dem Leid wegläuft, kann kein Glück finden." THÍCH NHẤT HẠNH

Hier schreibe ich über meinen Weg aus der psychischen Erkrankung, das Leben und die neue Liebe zu mir selbst.

Über Annegret Corsing -
Erfahrungsexpertin

Kontakt

Unter den Top Blogs 2017 von MyTherapy

Zitate

Mehr als die Vergangenheit interessiert mich die Zukunft, denn in ihr gedenke ich zu leben.Albert Einstein
nächstes Zitat

Neueste Beiträge

Neu in Mila's Welt

Neueste Kommentare

Tags

Kategorien

Archiv

Feed