Neues von Alexis

Ein Leben wie in Zeitlupe

von Mila am 4. Februar 2018 / Lesezeit: 6 Minuten

Eine Liebeserklärung. An den Schnee, die Nachweihnachtszeit, die Gilmore Girls, den Soldiner Kiez, das kleine Wesen, das Leben, die Freundschaft, die Sprache, die Stille, die fehlenden Worte, und das Wiederaufstehen.

Sie wartete immer noch auf den Schnee. Auf diesen Morgen, an dem ihr Schlafzimmer in diesem ganz besonderen Licht erscheinen würde, wenn sie die Augen aufschlug. Wenn das Dach auf der Scheune gegenüber weiß glitzern und der Pulverschnee von den Tannen auf dem Friedhof auf das Dach rieseln würde, wenn die Eichhörnchen von Ast zu Ast sprangen. Sie wartete auf den Sonntagmorgen, an dem sie im frischen Schnee morgens um 9 Uhr ganz alleine durch ihre Straße laufen konnte und alles still sein würde.

Das Leben fast wie in Zeitlupe.

Wenn die Stadt, die sonntags morgens sowieso am besten zu ertragen war, dann noch stiller war als sonst sonntags morgens. Sie liebte es, die ersten Spuren in den frischen Schnee zu laufen und sich im Gehen umzudrehen und ihre Fußstapfen anzusehen, so als würde ihr darin jemand folgen, nur mit kleineren Füßen. Und irgendwie war es ja auch so, das wusste nur niemand außer ihr. Alexis war lange nicht gefallen. Das dachte sie an diesem Sonntag ohne Schnee. Dieser war eher dumpf und diesig, neblig mit einem ganz zarten Nieselregen.

Die Straßenlaternen in der Grünberger warfen ihr kaltes weißes Licht in den Nebel.

Dort waren sie schon ausgetauscht, die alten Gaslaternen, die ihre eigene Straße nachts noch immer in White Chapel verwandelten und das ganze Viertel zurück in den Herbst 1888 versetzten. Dann waren alle Menschen grau und furchtbar in Eile, niemand wollte sich lange aufhalten und das nicht nur wegen des Wetters. Das nasse Kopfsteinpflaster spiegelte dann das schwache Licht der Laternen und Nebelschwaden trieben sich unter ihnen herum als wollten auch sie besser nicht allein in einer dunklen Ecke stehen. Nicht in diesen Nächten 1888 in London.

Sie nannte sie die Jack-the-Ripper-Nächte.

Und irgendwie war ihr Viertel ja auch eine No-Go-Area wie White Chapel es damals gewesen war. Erst kürzlich hatte DHL die Auslieferung von Paketen im Soldiner Kiez eingestellt: zu unsicher. Das Risiko für die Zusteller sei zu hoch geworden. Es hatte Überfälle gegeben. Bewaffnete, erzählt man sich. Dafür gab es jetzt eine Amazon Logistics Box an der Shell-Tankstelle zwischen Jülicher und Grüntaler. Gut beleuchtet war sie, die Box. Auch um die Tankstelle herum gab es keine Gaslaternen mehr.

Ihre Straße war so etwas wie das letzte Einhorn im Kiez, so viel war sicher.

Apropos sicher. Alexis war lange nicht gefallen. Lange nicht gestolpert, übrigens auch noch nie über ihren Soldiner Kiez mit dem Assi-Penny an der Ecke Prinzenallee. Oder über die Roma und Sinti, die an der Kirche gegenüber rumlungerten. Seit kurzem gab es dort einen neuen Imbisswagen, in dem Johannes donnerstags bis sonntags frisch kochte und das garnicht mal so schlecht. Und garnicht mal so türkisch. Das war recht ungewöhnlich für den Standort. Er verkaufte sein Essen auch nicht in Styropor-Einweg- Verpackungen, sondern in Pfand-Gläsern. Auch das war recht ungewöhnlich für den Standort. Vor seinem Wagen sammelten sich bald alle möglichen Leute, teils aus Neugier, teils aus Langeweile, teils weil sie Hunger hatten. Das war recht gewöhnlich für den Standort.

Ungewöhnlich war auch, dass Alexis lange nicht gefallen war.

Nicht einmal heute morgen bei Peters Umzug als viele früher wohl potenziell gefährliche Fall-en lauerten. Sie war zu spät gekommen und hatte noch 4 Alibi-Regalbretter die 4 Etagen nach oben getragen. Die Seitenwände des Regals waren verschwunden. Doch irgendwie war sie stabiler geworden, insgesamt. Sie kam zu spät, weil sie in der Sonne spazieren ging und es einfach schön fand. Auch ohne Schnee. Auch allein, obwohl sie das ja nie mehr war, das wusste nur niemand außer ihr. Alexis war stabiler geworden. Es war kaum noch nötig zu fallen oder gar den Nahverkehr lahmzulegen. Der sorgte jetzt schon ganz gut selbst für seine Verspätungen. Er brauchte sie dazu nicht mehr. Und sie brauchte ihn nicht mehr.

Sie hatte lange gebraucht, zu verstehen, warum sie fiel, wann und für wen.

Sie hatte deshalb überlegt, wieder nach London zu ziehen, weil dort der Satz „I fell for you“ total Sinn machen würde, und sie hatte überlegt, wie sie ihn ansehen und den Satz sagen würde. Nur würde der Grund ihres Fallens, er, nicht dort, also in London, sein, denn er war ja hier, in dieser Stadt, und somit würde sie nicht mehr fallen und damit würde das ganze Unterfangen, in dem Moment „I fell for you“ zu sagen, in sich überhaupt ganz und gar hinfällig werden. Hinfällig war auch ihre Tasche geworden. Sie hatte sie abgelegt, die rettende Decke auch. Der Herbst war relativ reibungslos verlaufen. Der von 2016, nicht der Herbst von 1888. 5 Todesopfer gab es damals. Heute keine, nur kleinere Opfer.

Opfer, die Alexis selbst brachte. In Form von Zeit, Geduld und Mitgefühl. Zeit, die sie sich nahm um zuzuhören.

Geduld, die sie aufbrachte, wenn sie sich die immer gleichen Geschichten immer wieder anhörte. Und Mitgefühl, wenn der Schmerz in den Geschichten zu unerträglich wurde, um ihn alleine zu halten. Zu unerträglich für das kleine Wesen, das die Geschichten erzählte und das jetzt bei ihr lebte, das wusste nur niemand außer ihr. Sie wartete immernoch auf den Schnee. Auf diesen Morgen, wenn die Stadt, die sonntags morgens sowieso am besten zu ertragen war, dann noch stiller war als sonst sonntags morgens.

Sie liebte es, die ersten Spuren in den frischen Schnee zu laufen und sich im Gehen umzudrehen und ihre Fußstapfen anzusehen, so als würde ihr darin jemand folgen, nur mit kleineren Füßen.

Und irgendwie war es ja jetzt auch so. In großen Fußstapfen zu laufen ist viel leichter als neue Spuren in den Schnee zu machen. Du fällst nicht so oft hin. Und falls doch, dann nur in Zeitlupe und es ist schon jemand da, der dich auffängt. Das ist das Besondere daran, wenn es schneit an einem Sonntagmorgen. Alles ist magisch, wie verzaubert, ein Leben wie in Zeitlupe. Geschenkte Zeit. Oder, um es Alexis’gemäß mit den Gilmore Girls zu sagen:

Zeit für echte Freundschaft.

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