Plötzlich egoistisch – Veränderung wirft auch Schatten

von Lieblingsmensch_ME am 3. Februar 2017 / Lesezeit: 7 Minuten

In den letzten Jahren habe ich meine Persönlichkeit stark verändert. Ich habe hart an mir gearbeitet um mein wahres Ich zu finden und es zu leben. Ich habe gelernt, Verantwortung zu übernehmen für mich und meine Gefühle – und auch, anderen ihre Verantwortung zu lassen. Und während ich viele Komplimente erhalte über eine neue Klarheit, innere Ruhe und große Stärke, gibt es auch negative Meinungen.

Veränderung ist eine große Umstellung – nicht nur für den sich verändernden Menschen, auch für sein Umfeld. Denn die Beziehung zu mir selbst im Innern zu verändern bedeutet auch, dass sich meine Beziehungen im Außen verändern werden. Ich habe aufgehört, andere Menschen zu brauchen. Ich übernehme die Verantwortung dafür, wie ich mich fühle und ich brauche nicht mehr andere, die meine Probleme für mich lösen oder meine Gefühle ‚wegmachen‘, indem sie für mich da sind.

Ich bin eigenverantwortlich geworden.

Sehr positiv wirkt sich das auf meine Partnerschaft aus. Der Tag, an dem ich feststellte, dass ich meinen Partner nicht mehr brauche, war ein besonderer Tag. Was sich traurig anhört, ist ein großer Schritt in die richtige Richtung. Ich bin nicht (mehr) mit jemandem zusammen, weil ich nicht allein sein kann oder mich geliebt und gebraucht fühlen möchte. Ich arbeite daran, mir all diese positiven Gefühle selbst zu geben bzw. mich dafür zu trösten, wenn ich sie nicht habe.

Das eröffnet mir ganz neue Perspektiven und eine große Freiheit. Ich kann jetzt offen auf meinen Partner blicken und ihn wirklich sehen. Hast du schon mal nach einer Trennung im Selbstmitleid gebadet und gedacht: „Ich will ihn/sie zurück! Er/sie hat mich glücklich gemacht, niemand hat mich je so geliebt, ich fühlte mich so sicher und angenommen.“?

Liebst du schon oder brauchst du noch?

Doch wo bleibt da die andere Person? Wofür liebst du sie? Wie ist sie so und was genau an ihr lässt dich so unbedingt mit ihr zusammen sein wollen? Abgesehen von dem guten Gefühl, das sie dir gibt? Diese Frage wirft schnell mal Knoten in die Synapsen, ich weiß. Doch es ist für mich eine ganz zentrale Frage, wenn es darum geht, eigenverantwortlich zu sein – in Beziehungen und ganz generell.

 

Der einzige Weg, einen Freund zu haben, ist der, selbst einer zu sein.

Ralph Waldo Emerson

 

Heute bin ich dankbar dafür, einen Menschen wie meinen Partner in meinem Leben zu haben. Dankbar für alles was ihn ausmacht und nicht für das, was er mir zu geben hat. Dabei hat er unglaublich viel zu geben. Ich verlange es jetzt jedoch nicht mehr von ihm – und oh‘ Wunder: dadurch bekomme ich plötzlich mehr als ich mir je erträumt hatte.

„Es geht nur noch um dich.“

Doch auch andere meiner Beziehungen verändern sich. Insbesondere Beziehungen, in denen ich früher sehr für andere da war oder aber sie für mich – weil ich bedürftig war, schwach und das auch gezeigt habe. Ich brauchte diese Menschen tatsächlich. Und sie brauchten mich, um sich gebraucht zu fühlen. Das ist ein wichtiger Punkt, denn zwischenmenschliche Beziehungen sind nie nur einseitig. Beide haben einen Anteil daran, wie das Konstrukt funktioniert und oft bedingen sich die Beziehungspartner dabei gegenseitig. Wie in meinem Fall, in dem ich brauchte und der andere brauchte gebraucht zu werden.

In letzter Zeit höre ich öfter, es ginge nur noch um mich, ich wäre egoistisch geworden und sogar, ich würde andere ausgenutzt haben. Es tut weh, so etwas zu hören. Und ich kümmere mich darum – und zwar indem ich für mich da bin und unter Umständen den roten Wolf, meinen selbstkritischen Anteil, in seine Schranken weise.

Meine Gefühle, meine Verantwortung.

Später kann ich dann entscheiden, ob ich demjenigen sagen möchte, dass mich das verletzt hat. Oder aber, ob sich bei mir ein Gefühl einstellt, das sagt: Moment mal, das ist jetzt aber dein Gefühl, nicht meines.

Es ist möglich, dass es Menschen, die früher viel für dich da waren, plötzlich „negativ“ auffällt, dass du jetzt stärker bist, klarer, eigenverantwortlicher – und sie nicht mehr so sehr brauchst. Denn sie mochten vielleicht das Gefühl, dass sie gebraucht wurden. Oder dass du früher einfach immer „JA“ zu allem gesagt hast, weil du gar keine eigene Identität oder Meinung hattest. Oder dass du früher immer für alle anderen da warst. Du warst verlässlich, hilfsbereit, zugewandt und interessiert. Und das bist du immer noch! Nur jetzt bist du es Allen voran für dich selbst.

Ja, es tut mir weh zu hören ich wäre egoistisch geworden. Doch eine leise Stimme, die immer lauter wird, sagt mir: Ich habe mich verändert. Ich habe angefangen, mich ernst zu nehmen, für mich da zu sein, mich um meine Gefühle zu kümmern. Und es tut mir leid, dass ich dadurch jetzt nicht länger zur Verfügung stehen kann für diejenigen, die mich brauchten um sich ihrerseits gebraucht (d.h. z.B. weniger allein und hilflos) zu fühlen.

Ich möchte eine neue Qualität in meinen Beziehungen.

Der für mich hilfreichste Aspekt an achtsamem, selbstmitfühlendem Verhalten ist die Fähigkeit, beiseite zu treten – von meinen eigenen Gefühlen, denen der anderen und was sie bei mir auslösen – und dann die Wahl zu haben, wie ich reagieren möchte. Du-Botschaften stellen oft Angriffe auf das Ego dar und das Ego hat gelernt zurück zu schießen, sich zu verteidigen, anstatt bei sich zu bleiben und die Wunden zu versorgen bevor ich auf das Verhalten des anderen eingehe.

Es ist wie mit der Sauerstoffmaske im Flugzeug. Wer sollte sie zuerst bekommen? Die Mutter oder das Kind? Es ist die Mutter – denn ohne eigene Maske wird sie vielleicht bald nicht mehr fähig sein, sich um ihr Kind zu kümmern. Ich meine damit:

Eine Distanz zu finden und mitfühlendes Verhalten mit sich selbst sind der Sauerstoff für unsere Beziehungen.

Und wenn ich gut bei mir selbst bin und mir meiner Gefühle in einer Situation gewahr bin – und das Fundament dazu bildet die Übung in innerer Achtsamkeit -, dann ‚fühle’* ich mich nicht hinterher ausgenutzt, ignoriert oder alleingelassen (* alles Ausdrücke für Pseudogefühle). Niemand anderes ‚macht‘ mir Gefühle. Sie sind allein in mir, und nicht zwischen uns.

Natürlich bin ich selbst noch weit davon entfernt, das jederzeit und immer so beispielhaft umzusetzen und auch mein Ego schießt immer noch gerne quer. Ich bin auch nur ein Mensch. Doch ich bin auf dem Weg, Veränderung findet statt. Es führt kein Weg daran vorbei.

Wie ist es dir ergangen auf deinem Weg durch die Veränderung? Hast du ähnliche Erfahrungen gemacht? Wer könnte in deinem Umfeld so reagieren, wenn du dich veränderst und wie wirst du damit umgehen?

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