[Resilienz #3] Verantwortung übernehmen – Der Hund hat meine Hausaufgaben gefressen!

von Lieblingsmensch_ME am 27. September 2017 / Lesezeit: 6 Minuten

„Der Hund hat meine Hausaufgaben gefressen!“. Und während ein Röntgenbild diese Aussage einer Schülerin neulich tatsächlich bestätigte (der Hund hatte ein gebasteltes Modell inklusive Stecknadeln gegessen – es war aus Süßigkeiten gemacht, der Hund hat überlebt) suchen wir doch oft genug Ausreden für alles Mögliche, nur um nicht selbst die Verantwortung für unser Handeln oder Nicht-Handeln zu übernehmen.

 

Wir sind nicht nur verantwortlich für das was wir tun, sondern auch für das was wir nicht tun.
Molière

 

Die deutsche Psychologin U. M. Staudinger definiert Verantwortung im Sinne der Resilienz als die Fähigkeit, eigenständig Entscheidungen zu treffen, sein Leben selbst zu gestalten und möglichst unabhängig von äußeren Einflüssen zu sein.

Für mich hat der Faktor Verantwortungsübernahme viel mit dem Aspekt Akzeptanz zu tun. Oft flüchten wir uns vor beidem und geben die Verantwortung an andere, das Leben, das Universum, oder die große Ungerechtigkeit, ab.

Eine Frage:

Wie oft sagst du am Tag „Ich muss…“?

Wieviele „Pflichten“ gibt es in deinem Leben? Und wie wäre es, ein paar dieser „Ich muss… “ einmal gegen ein „Ich entscheide mich…“ zu tauschen? Diese Frage hat in verschiedenen Gruppen, die ich begleitet oder an denen ich teilgenommen habe, schon für viel Gesprächsstoff gesorgt. Denn der eine empfindet es so: Ich muss. Ich muss arbeiten. Ich muss zum Arzt. Ich muss die Kinder von der Kita holen. Ich muss zur Toilette gehen.

Doch „musst“ du all das wirklich?

Über die Kita lässt sich streiten und die Toilette vielleicht auch. Aber wäre es nicht schöner und würde sich besser anfühlen, zu sagen: „Ich gehe arbeiten.“ und „Ich gehe zum Arzt.“? Beim Müssen steckt doch irgendwie ein Zwang dahinter, das ungute Gefühl, mich dem nicht entziehen zu können, dem ausgeliefert zu sein. Dabei entscheide ich in vielen Fällen selbst.

Doch die Verantwortung zu übernehmen, eigenständig zu handeln und sich unabhängig vom Außen zu machen, ist eine große Aufgabe. Und ganz besonders, die Verantwortung nicht nur für das eigene Handeln sondern auch für die eigenen Gefühle zu übernehmen.

Niemand macht uns Gefühle, sie sind schon vorher da.

Was?I denkst du vielleicht? Na klar, der Kollege neulich hat mich total wütend gemacht! Oder: Meine Freundin hat mich total enttäuscht. Oder: Mein Partner macht mich glücklich! Du bist wütend, du bist enttäuscht, du bist glücklich. Es liegt ganz bei dir, du kannst dich selbst entscheiden. Der andere Mensch, oder die Situation zeigen dir nur auf, was sowieso schon in dir liegt.

Ein Beispiel:

Neulich bekam ich eine Nachricht, in der ich kritisiert wurde. Zumindest habe ich das so empfunden – und da liegt schon der erste Hase im Pfeffer: Ohne nachzufragen, ob es auch so gemeint war, nahm ich an, ich würde kritisiert werden. Und sofort ging ich in die Verteidigung, ohne zu merken, was innerlich eigentlich mit mir passiert war.

Die Anderen drücken einfach nur den richtigen Knopf bei uns.

Denn innerlich bin ich – wenn ich ehrlich zu mir selbst bin – mit dem angesprochenen Thema ziemlich auf Kriegsfuß. Ich selber kritisiere mich dafür stärker, als es jemand anderes überhaupt könnte. Die Person hat direkt ins Schwarze getroffen – ohne es zu wissen oder zu wollen. Oder es überhaupt so zu meinen! Es war lediglich eine neutrale Nachfrage, wie sich später herausstellte.

Indem ich also auf Krawall gebürstet in die Abwehr ging, wehrte ich mich eigentlich gegen meine eigene, vernichtende Selbstkritik – ich gab die Verantwortung dafür, dass ich mich nun so mies fühlte der anderen Person.

 

Es sind nicht die Dinge selbst, die uns beunruhigen, sondern die Vorstellungen und Meinungen von den Dingen.
Epiktet

 

Ein schönes Modell dazu, das diese Prozesse gut erklärt, ist das ABC-Modell von Albert Ellis, einem US-amerikanischen Psychologen und Psychotherapeuten. ABC steht für Auslöser (Activating event) – Bewertung (Belief) – Konsequenz (Consequence). Und gemeint ist hier vor allem die emotionale Konsequenz, die unsere Bewertung ein und derselben Situation für uns haben kann.

Die kann nämlich sehr unterschiedlich sein. Im Modell wird angenommen, dass ein Ereignis nicht direkt zu einem Gefühl führt.

Zwischen Ereignis und Gefühl findet eine Beurteilung statt.

Eine bewusste oder unbewusste Umbeurteilung. Wenn wir zurück auf mein Beispiel schauen bedeutet das, dass jemand mit weniger inneren, tief sitzenden Selbstzweifeln diese Nachricht vielleicht als die neutrale Nachfrage verstanden hätte, die sie war. Jemand anderes hätte sie neutral bewertet und die emotionale Konsequenz wäre (statt Wut und Scham): vielleicht Neugier.

Letztendlich ist es meine Aufgabe und meine Verantwortung, mich um meine Gefühle zu kümmern. Um mein eigenes Minderwertigkeitsgefühl und warum ich so angreifbar bin. Mit Hilfe von Selbstmitgefühl gelingt es mir dann, mich um den Teil in mir zu kümmern, der sich so verletzt und klein fühlt. Und später dann vielleicht der anderen Person offen zu sagen, was wirklich passiert ist. Oder dann auch zu entscheiden: Das war jetzt wirklich nicht ok, da hat jemand etwas gemeines gesagt oder getan.

Sich den eigenen Gefühlen (vor allem den realen oder gefühlten Unzulänglichkeiten) zu stellen ist nicht einfach.

Zu sagen: „Ich habe die Hausaufgaben einfach vergessen, und ich habe garkeinen Hund!“ erfordert Mut.

Es ist ok und stark, offen zu sein und sich verletzlich zu zeigen, Hilfe zu suchen, zuzugeben, dass du etwas nicht kannst, willst, schaffst oder dich nicht traust! Du übernimmst damit die Verantwortung für dich und deine Gefühle.

Quellen:
Staudinger, Aspinwall: A Psychology of Human Strengths: Fundamental Questions and Future Directions for a Positive Psychology, American Psychological Association 2002
https://nlp-zentrum-berlin.de/infothek/nlp-psychologie-blog/item/abc-modell-albert-ellis

 

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