[Resilienz #6] Rollenklarheit – Dein Leben selbst gestalten

von Lieblingsmensch_ME am 18. Oktober 2017 / Lesezeit: 6 Minuten

Dein Leben ist so bunt wie du es dir ausmalst. Glaubst du nicht? Dann befindest du dich vielleicht auch öfter in der Opferrolle, in der du denkst, das Leben wäre eine Aneinanderreihung von Dingen, die dir passieren und auf die du keinen Einfluss hast.

Wichtig: Wenn ich in diesem Artikel von einer Opferrolle spreche, dann meine ich damit ausschließlich die selbst gewählte. Sie ist klar abzugrenzen von dem Opfersein, das mich betrifft, wenn ich zum Beispiel Opfer einer Gewalttat oder Naturereignissen wurde.

Aus diesem Grund bezeichne ich das Thema auch lieber als Rollenklarheit, denn das lässt auch mehr Raum für andere Rollen, die wir einnehmen. Denk mal kurz darüber nach:

In welche Rollen schlüpfst du in deinem Alltag?

Du bist jetzt gerade Leser oder Leserin meines Artikels. Wenn du das zuhause in deiner Wohnung machst, dann bist du vielleicht Mieter. Und wenn dir deine Katze um die Beine streicht, dann bist du Tierhalterin. Du siehst, wir füllen ganz automatisch jeden Tag ganz verschiedene Rollen aus, ohne dass wir das vielleicht bewusst wahrnehmen. Und trotzdem ist jede Rolle u.U. mit ganz eigenen Fähigkeiten und Stärken – den beliebten Ressourcen – verbunden.

Vielleicht bist du als Mutter oder Vater total geduldig mit deinen Kindern und wenn es darum geht, etwas Neues zu lernen, total ungeduldig. Oder du bist die Ruhe selbst mit anderen Menschen und wie ein Fels in der Brandung, nur im Kontakt mit deiner Mutter könntest du jedes Mal die Wände hochgehen.

Wir sind nicht immer die gleiche Person.

Wir verändern uns, je nach Rolle, die wir gerade einnehmen. Und manchmal suchen wir uns auch eine Rolle aus. Zu den beliebten am Verkaufstresen gehört dabei die selbstgewählte Opferrolle. Wir versinken dann in Selbstmitleid.

 

„Ein Mensch ist immer das Opfer seiner Wahrheiten.“
Albert Camus

 

Dabei sind es nach Epiktet ja nicht die Dinge selbst, die uns beunruhigen, sondern unsere Vorstellung (d.h. meistens unsere eigenen Gedanken zu einer Situation) davon. Und unser Selbstmitleid zeigt sich dann mit verschiedenen Gesichtern:

a) Ich gebe Schuld und Verantwortung an andere ab und greife an.
b) Ich bin bequem und suche lieber Gründe und Ausreden statt Lösungen.
c) Ich bin selbstgerecht, indem ich immer wieder feststelle, dass ich alles besser oder anders mache als die Anderen.

Was bringt mir die Opferrolle?

Zuerst mal ist es doch sooooo schön einfach, oder etwa nicht? Würde ich nicht anderen die Schuld geben, müsste ich mich ja mit meinen eigenen Gefühlen auseinandersetzen und die Verantwortung für sie übernehmen. Och nee, da ich ja nun auch noch so bequem bin, ist es mir auch viel zu anstrengend, nach Lösungen zu suchen!

Wenn ich das Opfer der Umstände bin, dann kann ich ja nichts dafür und andere müssen sich um mich kümmern. Ich bekomme dann vielleicht mehr Zuwendung. Und obendrein mache ich das alles vielleicht schon so lange, dass es für mich einfach zur Gewohnheit geworden ist.

„Der Bus kam nicht pünktlich, deshalb bin ich schon wieder zu spät. Ich kann dafür nichts.“

„Meine Kollegin hat mich heute morgen nicht gegrüßt. Es ist ihre Schuld, dass ich jetzt den ganzen Tag üble Laune habe.“

„Mein Freund macht mich so wütend, weil er immer seine Socken auf dem Boden rumliegen lässt.“

Die Opferrolle zu verlassen, verlangt Mut.

Mut, sich mit den eigenen Prozessen auseinanderzusetzen. Oder erstmal überhaupt die Bereitschaft dazu aufzubringen. Ich kann außerdem anfangen, ganz bewusst meine Muster zu hinterfragen und mein Verhalten zu reflektieren: Wann falle ich unbewusst in diese Opferrolle und warum? Bin ich zu bequem? Habe ich Angst mich meiner Verantwortung zu stellen? Was denke ich davon zu haben, wenn ich in dieser Rolle unterwegs bin?

Bei mir persönlich war es ganz viel Angst vor der Verantwortung für mich selbst und meine Gefühle. Ich hatte als Kind keine verantwortungsvollen Eltern.

Mir hat niemand beigebracht, wie ich mit schwierigen Gefühlen oder Situationen umgehen kann.

Ich wusste einfach nicht wie das geht und habe es deshalb auch garnicht probiert. Auf der anderen Seite fehlte in dieser Situation dem Kind in mir eben auch über viele Jahre einfach jemand, der die Verantwortung übernimmt, der mich stützt, mir hilft, mich anleitet darin, wie das so läuft im Leben.

Als Erwachsene habe ich lange Zeit diese Verantwortung für mich und meine Gefühle anderen versucht überzuhelfen. Sie sollten sich um mich kümmern, mich lieb haben, mich glücklich machen. Es war verständlich aus der Sicht eines vernachlässigten Kindes. Es spielten auch eine Menge Trotz und Ärger mit.

Ich gebe die Opferrolle auf und übernehme Verantwortung.

Und ich habe schwere Kämpfe ausgefochten mit diesem Kind, denn es wollte die Verantwortung nicht haben. Es war doch die Aufgabe meiner Eltern. Damals.

Und das ist der Punkt: Es war damals. Heute bin ich erwachsen.
Ich kann nicht (auch wenn meine Eltern es so gemacht haben) die Veranwortung für mein Glück an andere abgeben – damit bin ich weder für mich selbst, noch für andere da. Das habe ich verstanden. Ich schade beiden.

Indem ich die Verantwortung in meine Hände zurücknehme und für mich da bin, brauche ich niemand anderem mehr die Schuld geben dafür, wie es mir geht und wie ich mich fühle. Ich reflektiere die Situationen, in denen es mir nicht gut geht und schaue, ob ich auch bei mir einen Anteil finde, der dazu beigetragen hat, dass ich mich jetzt so fühle. Und in den allermeisten Fällen ist das leider auch so. Wie schon mal im Artikel Verantwortung übernehmen erwähnt: Niemand macht mir Gefühle. Sie waren schon vorher da.

Wenn ich mich in die Opferrolle begebe, übergebe ich die Buntstifte meines Lebens freiwillig den Anderen.

Ich kann mich also eigentlich dann nicht hinterher beschweren, wenn jemand mein Leben blau malt, obwohl ich lieber gelb mag. Ich bin dann hilflos und Opfer der Umstände. Und das möchte ich nicht mehr sein!

Die Farben meiner Welt suche ich nun selbst aus, nehme den Stift in die Hand und male sie bunt. Und wenn es noch nicht bunt genug ist? Dann streu ich noch ein bisschen Glitzer drauf!

 

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1 Kommentar zu “[Resilienz #6] Rollenklarheit – Dein Leben selbst gestalten”

  1. Sonja sagt:

    Sehr guter Artikel.

    Leider bleiben viele in der Opferrolle und haben nicht den Mut, aus ihr auszusteigen und ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen. Gratuliere dir, dass du es geschafft hast.

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