Rote Erde – Der innere Garten

von Lieblingsmensch_ME am 9. Februar 2017 / Lesezeit: 5 Minuten

Meine innere Welt ist bunt und lebendig, weitläufig und vielfältig. Und dabei begann alles auf einem Stück Land mit staubtrockener, rissiger, roter Erde. Meine erste Erfahrung mit einer Imaginationsübung war eher ernüchternd.

Imaginationsübungen können als das Fenster zu unserer inneren Welt beschrieben werden, als Tor zum Unbewussten. Imaginationen sind innere Bilder, Phantasien und Vorstellungen, die in unserer Seele ablaufen. Mit dem Begriff Imagination wird gleichzeitig auch eine therapeutische Methode bezeichnet.

Es gibt Typen von inneren Bildern, die aus den Tiefen unseres Unbewussten heraus entstehen und die unsere tieferen Emotionen, unbearbeitete Konflikte, Komplexe und Verletzungen der Vergangenheit beinhalten können. Therapeutisch begleitete Imaginationsübungen können dann dabei helfen, diesen Emotionen eine bildhafte Gestalt zu geben und sich so mit ihnen auseinanderzusetzen und sie zu verändern.

So, wie „Der innere Garten“, meine erste Begegnung mit einer Übung dieser Art. In dieser angeleiteten Übung stellst du dir ein Stück unberührter Erde vor, ein Stück Land, auf dem noch nichts wächst. Dann beginnst du, den Garten nach deinen Vorstellungen zu gestalten. Alles was du dir wünschst kann dort entstehen.

Mein Garten blieb ein Stück Land mit trockener, roter Erde.

Es gab nur trockene Steppe in meiner Vorstellung. Und dieses Bild spiegelte für mich wider, wie es in mir aussah: Ich war innen leer. Ich war zu diesem Zeitpunkt in einer psychiatrischen Tagesklinik und an meinem persönlichen emotionalen Nullpunkt angekommen.

Doch es war keineswegs hoffnungslos. Die rote Erde, so trocken und tot sie aussah, sie war ein Hoffnungsschimmer. Ich war vor vielen Jahren eine Zeitlang in Afrika unterwegs und ich werde nie die rote Erde Ostafrikas vergessen, die Sonne, die Menschen, die Gerüche und das Gefühl dazu. Bei aller Traurigkeit darüber, dass ich innerlich leer war…

Ich hatte noch diese eine schöne Erinnerung und sie zeigte sich in meinen inneren Bildern. Ich war nicht tot.

Mein Verständnis dafür, dass das leere Stück Land für meine eigene Identität stand, kam erst später. Ich lernte, dass ich als Kind nie so richtig die Chance bekam, ein eigenes Ich zu entwickeln. Ich hatte mir ein Ich aus einer Fassade zugelegt, die den Erwartungen anderer an mich entsprach. In mir drin blieb eine ostafrikanische Wüste zurück – unwirtlich: mit sengender Sonne und ganz ohne Menschen. Kein Leben. Und ich wendete den Blick schon früh davon ab, denn dort drohte die Gefahr allein nicht zu überleben.

 

Wenn die Achtsamkeit etwas Schönes berührt, offenbart sie dessen Schönheit. Wenn sie etwas Schmerzvolles berührt, wandelt sie es um und heilt es.

Thich Nhat Hanh

 

Noch während der Zeit in der Klinik und dadurch, dass ich wohl gezwungen war, mich dort weiter mit Imaginationen auseinanderzusetzen, fing ich an, meinen „Garten“ innerlich anzulegen. Ich stellte zuerst eine Topfpflanze hinein. Mehr ging nicht. Wenigstens war es kein Kaktus, dachte ich.

Es wirkte jämmerlich, das kleine Pflänzchen in der weiten Wüste.

Und es war doch der erste Schritt auf dem Weg, mich selbst zu entdecken. Mein eigenes Ich, das in der Kindheit aufgehört hatte zu wachsen, es war wie diese kleine, zarte Pflanze. Ich begann, es zu pflegen und es wurde größer. Wir sprechen immer noch nur von Imagination, es ist alles nur in meinem Kopf. Doch die Kraft, die darin steckt, ist erstaunlich.

Heute steht ein großer Baum mit ausladenden Ästen in meiner Welt, die kein einfacher Garten mehr ist, sondern eine ganze, weit angelegte Landschaft. Der Baum spendet Schatten für allerlei hinzu-gedachte innere Helfer (ebenfalls eine Imaginationsübung).

Und der Platz bietet heute auch einen sicheren Ort für mein verletztes inneres Kind. Es kann auch darin wachsen.

Mein Ich hat jetzt einen Platz und er ist in mir. Ich liebe es, mich innerlich auf einen Felsen hoch oben über meiner Welt zu begeben und auf sie herunter zu schauen und dabei einfach nur zu sein, und zu beobachten. Es gibt viel zu sehen. Auch der rote Wolf hat hier seinen Platz gefunden sowie weitere Anteile, die ich in meiner Therapiearbeit entdeckt habe.

Wenn ich wieder spüre, dass mich das Außen (aus alter Gewohnheit) zu sehr zu sich zieht, ich mich unwohl fühle oder Angst habe, dann ziehe ich mich hierher zurück und „wir“ reden erst einmal darüber.

Das alles klingt abgedreht? Es mag sein. Was hilft, ist individuell, für jeden anders. Ich bin ein visueller Typ und mir haben Imaginationen neben der Arbeit an einem tiefen Verständnis für meine Gefühle – ja, ich möchte sagen – mein Leben wiedergegeben.

Hier findest du eine Anleitung zur Imaginationsübung „Der innere Garten(aus dem Buch: Michaela Huber, Der innere Garten. Ein achtsamer Weg zur persönlichen Veränderung.).

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