Scherben bringen Glück – Wenn aus Scheitern Wachstum wird

von Lieblingsmensch_ME am 10. Mai 2017 / Lesezeit: 8 Minuten

Kürzlich habe ich mich von meiner Geschäftspartnerin getrennt. Und während es wie bei einer Trennung zwischen Privatleuten dabei auch hier und da nicht ganz wertfrei und erwachsen zuging und Fragen wie: Wer kriegt den Hund (in unserem Fall das gemeinsame Büro)? zu klären waren, beschäftigte ich mich damit, warum ich mich so schwer getan habe, vor mir selbst und anderen zuzugeben, dass es eben nicht funktioniert hat.

In Deutschland leben wir leider immernoch in einer Kultur, in der Scheitern ungefähr so beliebt ist wie ein Hühnerauge, Hämorrhoiden (ja, richtig, neue Schreibweise: Hämorriden) oder eine Geschlechtskrankheit. Irgendwie war jeder vielleicht schonmal von dem einen oder anderen betroffen, aber reden möchte darüber niemand.

Scheitern ist schambesetzt, unangenehm und wird gerne verschwiegen.

Bin ich dann blauäugig und verdränge, wenn ich versuche, das Positive daran zu sehen? Die Punkte zu suchen, die ich daraus lernen kann? Eventuelle Fehler zu identifizieren, die ich so in Zukunft nicht mehr machen werde? Warum ist Scheitern in unserer Gesellschaft so eine schlimme Erfahrung, die wir uns lieber ersparen möchten?

Ich denke, ich habe das schon von klein auf gelernt. Jahrelang habe ich mich viele Dinge nicht getraut, weil ich Angst hatte zu scheitern. Ich habe mehrere Businesspläne geschrieben, die sogar Preise gewonnen haben – und keine Idee tatsächlich umgesetzt. Bis vor einem Jahr und nachdem ich die Ursachen für meine Angst vor dem Scheitern bearbeitet hatte. Bei mir lagen sie tief in der Kindheit vergraben, doch auch gesellschaftlich spüre ich den Druck, der auf mir lastet, weil ich mich (wiederholt!) in die Selbständigkeit begeben habe.

Und? Läuft es gut, kannst du davon leben?

Das ist die häufigste Frage, die mir in den vergangenen 12 Monaten gestellt wurde, seit ich meine eigene Praxis plante und eröffnete. Sicherheit, vor allem finanzielle, ist eins der wichtigsten Themen bei einer Gründung und der häufigste Grund, warum viele es garnicht erst wagen. Oder vielmehr die Angst, es nicht zu schaffen – finanziell.

Natürlich ist das ein extrem wichtiges Thema, doch ich habe mich ja selbständig gemacht wegen ganz anderer Dinge, die mir auch wichtig sind: meine Freiheit, das zu tun was ich möchte; die Flexibilität, zu arbeiten wann und wo ich möchte; meine Erfahrungen zu teilen; das Leben zu leben, das ich mir ausgesucht habe – und dazu gehört für mich, mein eigenes „Ding“ zu machen.

Der häufigste Indikator für Erfolg ist das Geld – und dass bloß nichts schief geht.

Das ist nur mein Eindruck der letzten Monate, du magst das anders sehen. Ich werde fast ausschließlich gefragt, ob ich genug Klienten habe um davon leben zu können und finde mich ständig in einem Rechtfertigungsmodus wieder. Was ist mit Fragen wie: Hast du Spaß an dem was du tust? oder: Bist du glücklich in deinem neuen Beruf?

Umso besorgter die Reaktionen darauf, dass ich nun zugeben musste (und so fühlt es sich für mich an), dass meine Geschäftspartnerin und ich uns getrennt haben und unser gemeinsames Projekt nicht weitergeht. Erste Frage wieder: Kannst du dir das Büro alleine leisten? Was stimmt denn nicht in dieser Welt?! Ich bin erwachsen, ich kann mich um meine finanzielle Lage kümmern. Ich möchte mich dafür nicht ständig rechtfertigen.

Ich habe in den vergangenen 12 Monaten sehr viel gelernt.

Mal abgesehen davon, dass es mich traurig macht, dass es nicht funktioniert hat, habe ich doch aus den letzten 12 Monaten unheimlich viel gelernt. Ich – und ich denke wir beide – haben uns beruflich während dieser Zeit stark weiterentwickelt und entdeckt, wo und wie wir uns genau positionieren wollen. Und auch, ob die Selbständigkeit unser Ding ist oder nicht. Bei meiner Kollegin ist es nun doch eine 20-Stunden-Anstellung geworden, der finanziellen Sicherheit wegen – und das ist doch in Ordnung.

Dass dabei mit einer mehrköpfigen Familie garnicht mehr viel Zeit für eine Selbständigkeit bleiben wird, war aber nicht der Grund für die Trennung. Vielmehr habe ich für mich aus den letzten Wochen und Monaten eine weitere wichtige Erkenntnis gezogen:

Persönlich aber nicht privat.

So hat es gestern eine andere Kollegin von mir formuliert. Es bedeutet für mich, eine Grenze zu finden in einer Geschäftsbeziehung, die Persönliches zulässt, aber Privates außen vor. Ich glaube, es ist schwierig, gerade in unserem Bereich Coaching und Therapie, das Private nicht zu sehr in den Vordergrund rücken zu lassen, weil es ja nunmal ein Teil von uns und oft ein Grund ist, und warum wir diesen Beruf gewählt haben.

Doch wenn das Private Überhand nimmt und die Geschäftsbeziehung negativ dadurch beeinflusst wird, ist es an der Zeit, eine Grenze zu ziehen. Ich werde mir in Zukunft – und das ist das Gelernte daraus für mich – gut überlegen, wieviel ich von mir teile und wie angreifbar ich mich dadurch mache. Auch werde ich versuchen, für mich persönlich Regeln aufzustellen, was meine Zusammenarbeit mit Menschen aus meinem persönlichen Umfeld angeht. Denn es bleibt nunmal nicht aus, dass ich aufgrund meiner Vorgeschichte nun mit Menschen zusammenarbeite, die bspw. ganz andere Seiten an mir kennen oder die ich in einem privaten Zusammenhang überhaupt erst kennengelernt habe. Als bekennende „Expertin aus Erfahrung“ ist das Jonglieren zwischen persönlich und privat eine meiner Hauptaufgaben, wie ich feststelle.

Das übergeordnete Thema: Grenzen setzen und halten.

Für mich waren die letzten Monate eine Bewährungsprobe in Sachen Grenzen. Ich hatte die Chance, meine Grenzen zu spüren, zu setzen und sie zu verteidigen. Ich bin daran gewachsen, persönlich und privat trennen zu lernen. Und ich denke, es ist vielleicht besser früher als zu spät zu merken, dass meine Partnerin und ich so unterschiedliche Erwartungen und Wünsche an eine Geschäftsbeziehung hatten. Und dass eine Geschäftsbeziehung keine Freundschaft ist. Ich glaube, dass es möglich ist, mit Freunden zu gründen, doch ich denke es ist eine schwere Aufgabe und erfordert ein gutes Reflektionsvermögen, die Kenntnis der eigenen Grenzen und Bedürfnisse und die Fähigkeit, diese zu äußern, von beiden Parteien.

Könnt ihr zusammen arbeiten?

Ich glaube, auch das ist mit die zentralste Frage bei einer Gründung im Team neben der, inwieweit ihr vielleicht fachlich voneinander profitieren und euch ergänzen könnt. Weißt du wie der oder die andere arbeitet? Habt ihr schon zusammen einzelne Projekte gerockt und du weißt wie der andere tickt?

Es gibt Aufschieberitis-Kandidaten, die nur unter Druck Hochleistung bringen – und andere, die immer alles gerne sofort erledigen. Es gibt Perfektionisten und solche, die auch mit 80% zufrieden um 17 Uhr den Stift hinlegen und ihr Leben genießen. Wie geht er oder sie mit Stress, Druck oder Misserfolgen um? Weißt du, wie professionell er oder sie mit beruflichen Schwierigkeiten umgeht – besonders in Bezug auf dich und eure persönliche Beziehung zueinander? Seid ihr in der Lage, auch unter Anspannung eine gewisse Professionalität zwischen euch zu wahren?

 

„Es gibt kein Scheitern – es gibt nur Lernen und Feedback.“
Ralf Friedrich

 

Warum also fiel es mir so schwer, vor mir selbst und anderen zuzugeben, dass unser Projekt zu Ende ist – gescheitert ist. Ist es denn gescheitert oder war es einfach nur eine wichtige Erfahrung?

Scheitern ist Ansichtssache und ich glaube, am wichtigsten ist dabei deine eigene Ansicht.

Überall um uns herum wird Scheitern als Makel und Fehler deklariert, wir werden oft schon so erzogen und sozialisiert, von Kindheit an und dann später in Schule, Studium und Beruf.

Ich für meinen Teil bin heute dankbar für all die Erfahrungen und Lehren, die ich für mich und meine Zukunft aus dem letzten Jahr ziehen kann. Ich sehe es weder als Scheitern, noch als eine schlimme Erfahrung, die ich schnell vergessen möchte, sondern als wertvolle Lernerfahrung an der ich in vielerlei Hinsicht wachsen konnte. Und so geht es mir nicht nur mit den letzten 12 Monaten, sondern den gesamten Jahren seit Beginn meiner Krise ungefähr im Frühling 2013.

Ich werfe nichts weg, ich nehme alles mit und kann damit nur gewinnen.

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Kein Lotus ohne Schlamm

"Auch die Lotusblume braucht Schlamm, um zu gedeihen. Sie wächst nicht auf Marmor. Wer vor dem Leid wegläuft, kann kein Glück finden." THÍCH NHẤT HẠNH

Hier schreibe ich über meinen Weg aus der psychischen Erkrankung, das Leben und die neue Liebe zu mir selbst.

Über Annegret Corsing -
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In jedem Moment haben wir die Wahl: Einen Schritt nach vorne ins Wachstum zu tun, oder einen zurück in die Sicherheit.Abraham Maslow
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