Scheue Pferde – Narzisstische Wut verstehen

von Lieblingsmensch_ME am 26. April 2017 / Lesezeit: 7 Minuten

Fury ist der Name eines Pferdes aus dem Roman Fury von Albert G. Miller, besser bekannt wahrscheinlich aus der gleichnamigen Fernsehserie aus alten Tagen. Ich komme drauf, weil das Pferd eben Fury heißt und das englisch für Wut oder Furie ist. Und ich weiß, dass Pferde manchmal austreten. Und dass Austreten keinen Angriff darstellt, sondern eine Abwehrreaktion.

Die Wege meiner Gehirnwindungen sind nicht immer so ganz nachvollziehbar, deshalb versuche ich jetzt mal für dich den Bogen zum Titel zu schlagen, ok? Narzissmus ist ein Begriff, der gesellschaftlich inzwischen recht inflationär gebraucht wird.

Unsere Gesellschaft werde immer narzisstischer, und damit ist gemeint: selbstbezogener, selbstverliebter, selbstbewundernder, egoistischer.

Dabei geht man heute allerdings im Gegensatz zum früheren psychoanalytischen Bild davon aus, dass wir einen gesunden Narzissmus sogar brauchen, um reife zwischenmenschliche Beziehungen führen zu können. Wir sind soziale Wesen und natürlich brauchen wir die Anerkennung und Zuwendung anderer Menschen, ja es kann uns sogar körperlich gesünder und leistungsfähiger halten, wenn wir gute soziale Verbindungen haben und pflegen (Buchtipp dazu: „Cure: A Journey into the Science of Mind Over Body“ von Jo Marchant).

Die Kehrseite der Medaille: Wir können uns nicht so recht der Abhängigkeit von anderen Menschen und dem Wunsch nach Anerkennung und Wertschätzung von ihnen entziehen.

Diese Erkenntnis, auf andere und ihr Wohlwollen in grundlegender Weise angewiesen zu sein, kann für uns Segen und Fluch zugleich sein.

„So wird der Narzissmus also heute nicht mehr als ‚einsame Beschäftigung mit sich selbst‘ betrachtet, sondern als Ausdruck und sogar Medium (Vermittlung) des Bedürfnisses, von anderen geliebt, anerkannt und angesehen zu werden. Einerseits sind wir bestrebt, uns als Individuum unserer Einzigartigkeit und Individualität zu vergewissern; andererseits sind wir dazu aber – paradoxerweise – auf die Spiegelung der Anerkennung (und Liebe) durch die anderen angewiesen“, erläutert Prof. Dr. Wirth vom Psychosozial-Verlag in Gießen im Buch: „Narzissmus“ von O. F. Kernberg und H.-P. Hartmann (Hrsg.).

 

Es nennt sich Missbrauch und nicht Liebe, wenn man einen Menschen dazu benutzt, die eigene innere Leere zu füllen. Das wird oft verwechselt.
Anonym

 

Und jetzt kommt Fury ins Spiel. Hinter der Fassade eines wütenden Menschen, eines Menschen, der zum Angriff übergeht, wenn er sich gekränkt, vielleicht alleingelassen, verlassen, verletzt, hilflos oder ohnmächtig fühlt, steckt oft ein zutiefst gekränktes Ego. Dann kann es passieren, dass er (oder sie) lieber angreift, als den Schmerz zu spüren.

Dieser Schmerz kann ganz schön unaushaltbar sein.

Er spiegelt die innere Zerrissenheit wieder zwischen dem Wunsch nach Liebe und gleichzeitig der Abwehr dagegen, so abhängig zu sein. Fury heißt also Wut oder Furie und wenn man versteht, dass das Austreten von Pferden kein Angriff, sondern eine Abwehr ist, dann versteht man auch, dass die Wut, die einem da entgegenschlägt, eigentlich eine ganz große Angst davor ist, vom anderen nicht angenommen und wertgeschätzt zu sein und gleichzeitig fürchterlich wütend darüber zu sein, diese Angst überhaupt zu haben.

Leider macht es das Verhalten der „Furie“ dem Gegenüber nicht leicht bis unmöglich, das zu erkennen: denn nach außen wird nur die blanke Wut gezeigt und das Gegenüber unter Umständen schwer beschimpft und offen beleidigt. Und selbst wenn du es erkennst, ist es nicht möglich, den anderen (mental) in den Arm zu nehmen und zu trösten, denn er schlägt und tritt so massiv um sich, dass es technisch einfach unmöglich erscheint (und alle verbalen Beruhigungsversuche scheitern). Und andererseits musst du ja dann erstmal mit deiner eigenen Kränkung umgehen, denn sich der Reihe nach alle möglichen Beleidigungen anzuhören, das tut echt weh. Autsch!

Und man möchte zuweilen sogar selbst genauso unfair zurückfeuern.

Was es aber eher noch verschlimmert. Was kannst du in dieser wirklich verzwickten Situation also tun?
Ich erzähle dir von meinen Erfahrungen, denn ich kenne die Situation gut – leider aus beiden Richtungen. Ja, ich war früher selbst oft die Furie. Und ich bin nun selbst die Beschimpfte. Die Borderline Persönlichkeitsstörung geht ja auch mit Persönlichkeitsanteilen einher, die das Gegenüber ziemlich niedermachen und kränken können, wenn sie sich eigentlich selbst klein, unwert, verletzt, allein, hilflos oder ohnmächtig fühlt.

Was hilft sind Grenzen.

Beide brauchen Grenzen. Der eine, um vielleicht zu merken, dass er sich hier grade wie ein wütendes Kind aufführt und Liebe und Zuwendung einklagen möchte, die der andere aber nur freiwillig geben kann, denn wir sind jetzt erwachsen. Es ist nicht unsere Aufgabe, anderen (Erwachsenen) ein Gefühl von Sicherheit, Angenommensein und Geliebtsein zu vermitteln. Ich hatte darüber schon im meinem Artikel Plötzlich egoistisch – Veränderung wirft auch Schatten nachgedacht.

Du erkennst diese Form der Wut daran, dass jemand eigentlich nie von sich und seinen Gefühlen spricht. Es geht immer nur darum, was du alles falsch machst, wie du bist, was du gemacht hast und wie (verletztend, egoistisch, krank, respektlos oder unprofessionell) das war. Alle anderen sind oft Schuld und man selbst das Opfer der Umstände oder anderer Menschen. Und es wird gern pauschalisiert á la „das macht man nicht“ oder „alle … immernie„.

Warum? Na klar. Sich dem eigenen Gefühl der absoluten Panik, Hilflosigkeit und Ohnmacht hinzugeben, das ist schwer und erfordert Mut, ein gutes Reflektionsvermögen und das Zulassen von Nähe (z.B. durch Zugeben von Angst und dem Wunsch nach Liebe und Zuwendung). Und eine solche Nähe kann wahnsinnige Angst machen (vor dem Verlust, der daraus im Umkehrschluss folgen könnte, oder vor erneutem Missbrauch zum Beispiel).

Also wird lieber ausgelagert, um all diese Gefühle irgendwie auszuhalten.

Nochmal: Ich klage hier nicht an, ich reflektiere mich selbst. Ich kann nicht leugnen, dass ich mich heute zuweilen auch schäme, wenn ich so vorgeführt bekomme, wie ich mich selbst früher verhalten habe.

Und auch der andere (Angefeindete) braucht eine Grenze, für sich. Dem Gegenüber klarzumachen, dass sein Verhalten bei einem selbst Wut, Angst oder Traurigkeit auslöst und auch klarzustellen, dass gewisse Verhaltensweisen nicht akzeptiert werden können, ist ein ganz wichtiges Signal für den eigenen Selbstwert. Auch das erfordert Mut. Denn Grenzen setzen ist oft auch mit viel Angst verbunden. Angst vor Ablehnung, der Wut anderer, oder verlassen zu werden. Zumindest war es bei mir so. Ich hatte gelernt, meine Wut herunterzuschlucken um keine Risiken einzugehen. Bis sie sich auf andere, zerstörerische Weise ihren Weg bahnte.

In den letzten Monaten habe ich mich neben der Arbeit mit dem Holz (Artikel: Ich und mein Holz – Therapie in der Werkstatt) noch durch ein weiteres Kapitel meiner Geschichte gekämpft:
Meine erlernte Unfähigkeit Grenzen zu setzen und meiner Wut angemessen Ausdruck zu verleihen. Ich bin – vielleicht zum ersten Mal im Leben – konsequent bei meinem Standpunkt geblieben.

Ich habe meine Grenzen verteidigt trotz des enormen Drucks, der emotional auf mich ausgeübt wurde.

Und darauf bin ich stolz, denn ich bin daran enorm gewachsen. Für mich sind alle schwierigen Situationen im Leben eher Aufgaben geworden, an denen ich lernen kann. Etwas über mich und andere. Was übrig bleibt ist ein Gefühl von innerer Ruhe und das ist ein schönes Gefühl.

Ein schwieriges und sehr komplexes Thema, das es aber wert ist, sich mal über die eigenen Baustellen und schwarzen Löcher Gedanken zu machen. Du musst es ja nicht öffentlich machen, so wie ich. Im Geiste reicht ja erstmal auch schon.

 

Auch interessant:

Erwachsene Kinder –  Narzisstische Bedürfnisse verstehen

Erwachsene Kinder II – Komplementärnarzissmus verstehen

Fremde Federn – Wenn das Selbstbild fehlt

Ähnliche Beiträge

Lösungsorientierung – Widerstände als Chance... Widerstände - innere oder äußere - lassen uns oft eher hilflos werden, sie sind unerwünscht und wir möchten sie am liebsten loswerden. Doch wenn du di...
Wie sich Borderline heilen lässt – Eine Repo... Borderline galt lange als grundlegende Störung der Persönlichkeit. Eine Therapie schien über das schlichte Krisenmanagement hinaus wenig ausrichten zu...
Optimismus – Ist dein Glas halb voll oder ha... Diese klassische Frage kann ich auch einmal anders stellen: Vervollständige folgenden Satz in deinem Kopf: "Die Welt ist voll von...?" Welches Wort k...

4 Kommentare zu “Scheue Pferde – Narzisstische Wut verstehen”

  1. Nicki sagt:

    Endlich mal ein hilfreicher Artikel, der Menschen nicht aufgrund ihrer narzisstischen Züge komplett entwertet, sondern die Nuancen aufzeigt, die ihr Verhalten bewirken.

    Auch ich bin der Meinung, dass es wichtig ist, solches Verhalten (und anderes überhaupt) zu verstehen. Das wird mir oft so ausgelegt, als wollte ich schlechtes Verhalten entschuldigen. Das ist es aber nicht. Es geht darum, überhaupt erstmal nachvollziehen zu können, warum jemand so agiert, wie er es tut.

    Und natürlich muss man sich immer auch an die eigene Nase packen.

    Kritisch wird es halt, wenn einen Gefühlszustände wie sehr alte (daher junge) verletzte Anteile in einem völlig übermannen. Geschieht das auf beiden Seiten, kann es zu einem wahren Hexentanz führen, der richtig gefährlich werden kann.

    Wie man dahin kommt, dass man seine Anteile hegen und trotzdem souverän in brenzligen Situationen bleiben kann … scheint mir ein schwerer Weg.

    1. Lieblingsmensch_ME sagt:

      Hallo Nicki,

      ja, es ist ein schwerer Weg!
      Mitunter auch gerade deshalb, weil ich erstmal meine eigenen Anteile an einer destruktiven Beziehung erkennen und annehmen muss. Wenn das geht, dann wird es meiner Erfahrung nach leichter, dem „Hexentanz“ zu entgehen bzw. es garnicht nicht mehr dazu kommen zu lassen. Ich kann dann auf einer anderen Ebene kommunizieren – eben nicht mehr aus den Gefühlszuständen der verletzten Anteile heraus, sondern aus meinem gesundenen Erwachsenen Ich heraus, immer mit Blick auf mein Inneres.

      Ein edles Ziel und ein steiniger Weg – aber wenn das zum ersten Mal erfolgreich gelingt, ist es ein wirklich großartiges Gefühl.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Kein Lotus ohne Schlamm

"Auch die Lotusblume braucht Schlamm, um zu gedeihen. Sie wächst nicht auf Marmor. Wer vor dem Leid wegläuft, kann kein Glück finden." THÍCH NHẤT HẠNH

Hier schreibe ich über meinen Weg aus der psychischen Erkrankung, das Leben und die neue Liebe zu mir selbst.

Über Annegret Corsing -
Erfahrungsexpertin

Kontakt

Unter den Top Blogs 2017 von MyTherapy

Zitate

Lass los, dann hast du beide Hände frei.Chinesisches Sprichwort
nächstes Zitat

Neueste Beiträge

Neu in Mila's Welt

Neueste Kommentare

Tags

Kategorien

Archiv

Feed