Schlaurigschön – Gefühle sind Herdentiere

von Lieblingsmensch_ME am 21. März 2017 / Lesezeit: 6 Minuten

Schlimm, traurig, schön – so würde ich meine letzte Begegnung mit einem für mich ganz besonderen Menschen beschreiben. Jetzt denkst du vielleicht: Moment, wie kann etwas Schlimmes denn gleichzeitig schön sein? Na deshalb, weil Gefühle Herdentiere sind.

In meinem Leben gibt es einen ganz besonderen Menschen. Es sind besondere Umstände, die uns zusammengebracht haben und die heute dazu führen, dass irgendwie keine Art von Beziehung zwischen uns möglich ist. Dazu ist zuviel passiert, dazu sind wir uns zu fremd, es geht einfach nicht. Und doch wünsche ich es mir. Zudem laufen wir uns noch immer hin und wieder über den Weg – und damit muss ich umgehen. Das kann ich inzwischen auch immer besser, seit ich verstanden habe, dass Gefühle nicht immer nur einzeln auftreten.

Manchmal können auch sehr widersprüchliche Gefühle zur selben Zeit da sein.

Wenn man, wie ich, in einer inneren Welt aufgewachsen ist, in der alles nur schwarz oder weiß ist, in der es keine Graustufen gibt, dann ist das zu Beginn ein sehr befremdliches Gefühl. Für mich gab es immer nur „ganz oder gar nicht“. Entweder sind wir die besten Freunde oder haben garkeinen Kontakt. Entweder liebst du mich oder du musst mich hassen. So ging es mir auch mit dem besonderen Menschen. Und da dieser von Anfang an eine eher mittige Position einnahm (weder noch), war das für mich bisher sehr schwer auszuhalten.

Mit der Zeit – d.h. während ich lernte, mich mit meinen Gefühlen aufmerksam zuzuwenden – stellte sich meine Sicht für Graustufen ein. Zu Beginn war das wirklich schwer. Es gibt einen Teil in mir (ich hatte schon einmal über innere Anteile, z.B. meinen selbstkritischen Anteil geschrieben), der das nicht kennt. Dieser kennt nur eine Tür und die ist entweder „auf“ oder „zu“. Ein bisschen auf oder angelehnt oder halboffen? – In meiner Vorstellung löste das große Panik aus. Das war nicht möglich, so wie man ja auch nicht ein „bisschen schwanger“ sein kann. Du bist es oder eben nicht.

Ein Teil von mir brauchte diese Eindeutigkeit wie die Luft zum Atmen.

Es führte in der Konsequenz aber immer wieder dazu, dass ich es nicht ertragen konnte wenn jemand z.B. zu mir sagte: Ich mag dich, aber ich liebe dich nicht. Oder: Ich bin sauer auf dich, aber trotzdem mag ich dich. Es ist schwierig zu erklären, wie schwer das für mein Inneres auszuhalten war. Ich nehme noch immer die innere Stimme wahr, die sagt: Unmöglich! Ganz oder garnicht!

Gerade Personen gegenüber, die mir besonders nah waren, entwickelte ich oft zwiespältige Gefühle. Die Sehnsucht nach Nähe zu einer Person gepaart mit der Angst, sie zu verlieren, ging mit starken Schuld- und Schamgefühlen einher. Ich war kaum in der Lage, Menschen in Abstufungen mit ihren Stärken und Schwächen, ihren guten und schlechten Seiten wahrzunehmen. Es gab nur das Eine oder das Andere in meiner Welt.

Grau ist eigentlich bunter, als ich immer dachte.

Ich habe mich lange mit dem inneren Teil beschäftigt, der nur Schwarz und Weiß sehen wollte, habe etwas über seine Ängste (Verlassenwerden, Missbrauch, Scham) und Motive (Sicherheit, Geborgenheit, Wertschätzung) erfahren und angefangen, Kompromisse zu schließen. Wie wäre es zum Beispiel, nach einem Streit mal nicht den Kontakt zu einer Person abzubrechen? Dazu musste ich lernen, gleichzeitig meine Zuneigung für die Person und meinen Ärger, meine Kränkung oder Schuldgefühle auszuhalten. Wobei aushalten immer so passiv klingt. Ich meine es in einem Sinn von annehmen, da sein lassen.

Schönes birgt für mich auch oft etwas Trauriges.

Es ist auch spannend für mich zu beobachten, wie schöne Dinge und Erlebnisse mich oft sehr traurig machen können. Ganz besonders nehme ich das heute wahr, wenn ich Dinge nachhole, die ich in meiner Kindheit und Jugend nicht gemacht habe. Beispielsweise unternehme ich gerade viele Dinge, die andere Mädchen vielleicht mit 13, 14 mit ihren Freundinnen oder Müttern, großen Schwestern oder Cousinen entdeckt haben. Mir hat ein weibliches Vorbild gefehlt als ich so alt war.

 

„Schmerz und Freude liegen in einer Schale; ihre Mischung ist der Menschen Los.“
J.G. Seume

 

Und während ich neulich mit einer Freundin bei MAC saß und mir beibringen ließ, wie ich mich schminken kann, ohne geschminkt auszusehen, musste ich mir ein breites Grinsen verkneifen. Ich fand es einfach so toll, dass es mir jemand zeigt (fast 25 Jahre später!) und dass wir das als Freunde machen, meine Freundin und ich. Meine innere 13-Jährige hat sich unglaublich gefreut. Doch bildlich gesprochen öffnet eine solche schöne Erfahrung eben auch die Tür zu dem Schmerz darüber, dass ich so etwas in meiner Jugend nicht hatte.

Wenn du eine Tür öffnest hinter der es schon sehr lange brennt, kommt Luft ans Feuer.

Und ein Feuer, das Sauerstoff bekommt..? Wird größer. Nur 2 Stunden später lief ich weinend die Brunnenstraße entlang mit der riesengroßen Traurigkeit in mir. Die Tränen liefen einfach so und ich ließ sie laufen. Denn ich fange an zu verstehen, dass Grau gar nicht so übel ist. Dass schön und traurig so nah beieinander liegen und – falls du den Film „Alles steht Kopf“ noch nicht gesehen hast, empfehle ich ihn dir hiermit dringend – irgendwie auch zueinander gehören.

Als erstes habe ich vor etwa 2 Jahren den Begriff „schlut“ für mich adoptiert. Als ich mich aus meiner Krise heraus arbeitete und einen Weg suchte, Anderen gegenüber mein Befinden auszudrücken. Es ging mir nicht mehr schlecht, aber auch noch nicht richtig gut. Schlut eben. Nun beginne ich, noch vielschichtiger zu werden mit den gleichzeitigen Gefühlen.

Schlaurigschön, das steht für: schlimm, traurig und schön.

Denn ich sehe meinen besonderen Menschen ab und zu und ich finde es noch immer unglaublich schön, ihn in meiner Nähe zu haben. Gleichzeitg bin ich mir darüber bewusst, dass bestimmte Gefühle, die er in mir auslöst, sich einfach schlimm anfühlen. Und ich weiß, dass diese schlimmen Gefühle nichts als Projektionen sind, für die er nichts kann und die nur ich selbst in mir auflösen kann, bevor ich ihn überhaupt „sehen“ kann als den Menschen, der er wirklich ist. Und zu wissen, dass das noch eine Weile dauern kann und wir bis dahin einfach nur weiter schweigen können, macht mich schrecklich traurig.

Alles auf einmal.

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