Vollgas in die Freiheit – Das Leben zurückerobern

Zu meinem Geburtstag in diesem Jahr habe ich ein Auto bekommen. Es ist mein erstes Auto überhaupt. Ich hatte früher schon ein Motorrad und Mopeds, aber noch kein eigenes Auto. Erst am letzten Wochenende – fast 5 Monate später – bin ich zum ersten Mal alleine damit gefahren. Denn ich hatte viele Jahre Angst vor dem Fahren. Und das hat mich ziemlich eingeschränkt.

Eine Angststörung hat meinen Alltag eingeschränkt.

Dabei lässt sich Angst vor dem Fahren ja auch sehr leicht verschleiern und fällt garnicht auf. Fast niemand in meinem Umfeld wusste davon, weil es nie Thema war. Hier in Berlin fahre ich fast ausschließlich Fahrrad und, nur wenn es unbedingt sein muss, auch Öffis. Wir haben nur einen 30 Jahre alten Bulli und ich konnte mich auch da immer gut rausreden, ich wär ja so lange nicht gefahren, der wäre so groß und unübersichtlich in der Stadt usw.

Du merkst schon – ich habe viele Ausreden parat gehabt, um nicht fahren zu müssen. Der Grund dafür ist, dass ich Angst hatte, die Kontrolle zu verlieren. Ab einer bestimmten Geschwindigkeit fühlte ich mich extrem unwohl. Das war ab ca. 70 km/h der Fall. Ich bekam dann eine indifferente Angst, etwas Unvorhergesehenes nicht kontrollieren zu können, nicht bremsen zu können, jemandem zu schaden, etwas zu übersehen.

Doch wie kam es dazu?

Ich vermute, es hängt mit einem Unfall 2008 zusammen. Ich hatte damals einen Motorradunfall. Der ging glimpflich aus, ich hatte nur ein paar Kratzer, aber es hätte auch ganz anders enden können. Ich war auf nasser Fahrbahn beim Überholen eines LKWs weggerutscht und gestürzt. In einiger Entfernung kam auch noch ein anderer LKW entgegen.

Mein Motorrad ging nach links weg in den Graben und ich rutschte auf der Fahrbahn, neben dem LKW, geradeaus. Der entgegenkommende LKW konnte rechtzeitig stoppen. Das war ein riesengroßes Glück. Mein Tankrucksack (eine Tasche, die magnetisch auf dem Tank befestigt wird) wurde im rechten Straßengraben gefunden. Er muss unter dem LKW durchgerutscht sein – unbeschadet. Das hätte aber auch ich sein können – wahrscheinlich nicht so unbeschadet. Absolute Horrorvorstellung. Ich weiß noch – ich war bei über 70 km/h als ich weggerutscht bin.

Unverarbeitete Gefühle arbeiteten in mir weiter.

Das ist die eine Geschichte. Ich bin an dem Tag noch 600km gefahren. Wir waren auf dem Weg in den Urlaub nach Schweden. Auch dort bin ich gefahren und dann wieder nach Hause. Danach bin ich nur noch sehr selten und irgendwann garnicht mehr gefahren. Ab dieser Zeit fuhr ich auch kein Auto mehr, weil wir ja auch keines hatten – außer dem erwähnten Bulli.

Doch die Gefühle aus der Situation arbeiteten in all den Jahren in mir weiter. Noch heute mache ich die Augen zu, wenn ich als Beifahrerin im Auto sitze und der_die Fahrer_in zum Überholen ansetzt. Ich will es nicht sehen.

Mir wird dann auch ganz flauschig im Magen und ich denke an den Unfall.

Ebenso geht es mir, wenn jemand schnell von rechts an eine Kreuzung heranfährt. Ich habe dann Angst, er_sie fährt ungebremst in meine Seite. Auch das ist mir passiert, am Tag meines Abiballs: Ein Fahrer war über eine rote Ampel gerast und uns direkt in die rechte Seite gefahren, auf der ich als Beifahrerin saß.

Auch damals ist mir glücklicherweise absolut nichts passiert. Ich habe außerdem schon so einige (kleinere) Unfälle, mit dem Fahrrad, beim Klettern usw. erlebt. Ich habe mir noch nie einen Knochen gebrochen oder sonst irgendwas. Ich bin offenbar sehr robust, obwohl ich nicht so aussehe. Doch die Seele ist offenbar nicht ganz so glimpflich davongekommen. Noch 20 Jahre später denke ich an den Rot-Fahrer von damals, wenn jemand von rechts kommt.

An dem selben Abend war ich noch auf meinem Abiball, als wär nichts gewesen.

Auch nach dem Motorrad-Unfall hatte ich viel mehr die Fähre im Sinn, als mich, und bat meine Freunde, sich bitte etwas zu beeilen, weil wir sonst die Fähre verpassen würden. Sie zogen gerade zu viert mein Motorrad aus dem Graben. Absurd? Ja. ich stand offensichtlich unter Schock.

Das habe ich aber garnicht so wahrgenommen. Und erst viel später äußerte es sich bis heute in der Angst vor dem Autofahren.
Das war der Stand bis Januar dieses Jahres.

Mein Mann fragte mich bei jeder Fahrt, ob ich fahren wolle. Ich sagte immer nein.

Es war ja auch viele Jahre kein Problem. Mein regelmäßiger Radius in Berlin beläuft sich auf ca. 5 km. Absolut machbar mit dem Rad, zu Fuß oder in der Not eben mit den Öffis. Ich brauchte ja kein eigenes Auto und er konnte ja fahren wenn nötig.

Seit Ende 2017 haben wir nun aber unseren Garten. Und es fing an, mich zu nerven, davon abhängig zu sein, dass jemand mich fährt oder ich irgendwo mitfahren kann (wir haben Freunde, die dort wohnen und täglich pendeln). Der Weg von der Bahn zum Garten ist ca. 1 km zu Fuß. Absolut machbar, klar. Aber nicht so toll bei 30 Grad und wenn ich was transportieren möchte oder Gepäck habe.

Du änderst erst etwas, wenn es dich selbst massiv stört.

Und das ist ein ganz interessanter Punkt. Ich erinnere mich, wie ich viele Jahre meine Schwester über die Folgen ihres starken Rauchens aufklären und sie zum Aufhören bewegen wollte. Hat das geklappt, was denkst du? Natürlich nicht. Es war ja garnicht ihr Antrieb. Irgendwann, als ich längst davon Abstand genommen hatte, merkte sie es selbst: ihre körperliche Gesundheit ging nach 20 Jahren Dauer-Ruß den Bach runter. Da änderte sie was und raucht heute nicht mehr.

Auch ich fand all die Argumente meines Mannes jahrelang sehr schlüssig, warum es gut wäre, wieder zu fahren. Aber es schränkte mich persönlich nicht ein, es nicht zu tun, und so hatte ich garkeinen Anlass, etwas zu ändern.
Mit einem Kollegen habe ich mich erst kürzlich darüber unterhalten, dass es sich auch mit Betroffenen von (anderen) psychischen Erkrankungen im Allgemeinen so verhalten kann.

Solange ich mich selbst von meiner Symptomatik nicht beeinträchtigt fühle, habe ich garkeinen Grund, etwas zu ändern. Ich habe kein Problem.

Dann kann ich auch US-Präsident werden (Quelle: mein Kollege). Oder – wie in meinem Fall – das Thema einfach prima ausblenden. Viele Menschen ändern erst dann etwas, wenn ein Problem wirklich zum Problem wird, nicht mehr zu bändigen ist oder einen selbst eben massiv zu stören beginnt.

Und es begann mich zu stören, dass ich so abhängig war. Wenn du meine Artikel der letzten Jahre gelesen hast, weißt du, dass ich genau daran seit Jahren arbeite: mich unabhängig zu machen. Von meiner Vergangenheit, alten destruktiven Glaubenssätzen, von der Anerkennung anderer und meinen Traumata aus der Kindheit.

 

Die wichtigste Art von Freiheit ist zu sein wer du wirklich bist. Du tauschst deine Realität für eine Rolle ein. Du gibst deine Fähigkeit zu fühlen auf und setzt dir stattdessen eine Maske auf.

~ Jim Morrison

Ich hatte es so satt, abhängig zu sein.

Und so fing ich an, mein erstes Auto zu fahren (Ich war bis ca. 2003 regelmäßig unser Familienauto gefahren und war auch eine gute Fahrerin.) Zuerst „auf dem Land“, kleinere Strecken und immer mit meinem Mann als „Fahrlehrer“ und mentale Stütze. Dann auch längere Strecken, und ich fing an uns nachts von Verabredungen oder Feiern nach Hause zu fahren (da ist es schön leer) und so tastete ich mich langsam heran. Mir war schlecht, ich hatte Panik, ich bin zeitweise eben nur 30 gefahren, bis es besser wurde… aber ich blieb im Auto, fahrend. Ich hab mich durchgekämpft, um die alten Ängste zu besiegen.

Am letzten Wochenende bin ich zum ersten Mal alleine von Berlin in den Garten gefahren. Ohne Stütze oder Fahrlehrer. Und ich war irre stolz und auch wahnsinnig erleichtert, mir ein weiteres Stück Freiheit zurückerobert zu haben! Wenn ich das schreibe, möchte mein innerer Kritiker schon anheben zu etwas wie: Puppe, du bist 40 und freust dich, dass du Auto fährst?! Ernsthaft?! Ich bitte ihn, einfach jetzt leise zu sein. Wir haben inzwischen einen ganz guten Draht. Ich möchte mich grade mal einfach freuen, ok? – Hmpf. – Danke.

Ich drehe die Musik laut und fühle mich wieder wie 18.

Ich bin noch nicht wieder so fluffig unterwegs wie mit 18 oder 19, noch etwas unsicher, und einparken übe ich auch noch. Definitiv sind die Autos heute weniger übersichtlich als mein alter 2-er Golf von ’99. Aber ich bin sicher, das wird wieder. Jetzt piepst es ja an allen Enden, wenn man irgendwo näher als gefühlte 2m ranfährt. Gestern habe ich mit dem Fahrrad eine Auto-Alarmanlage ausgelöst! Ohne Berühren natürlich, ich bin einfach nur zu nah dran vorbeigefahren.

 

Wie dem auch sei: Erstmal genieße ich jetzt die Freiheit und Unabhängigkeit meines ersten Sommers mit eigenem Auto! Welche Freiheit willst du dir in diesem Sommer zurückerobern?