Warmes Kakaogefühl oder: Die andere Seite vom Glück

von Mila am 5. Mai 2017 / Lesezeit: 6 Minuten

Eine Geschichte über Freundschaft und warum es manchmal garnicht so einfach ist… „einfach“ Freunde zu sein.

I. Tom ist ein Arsch.

Mein Freund Tom behandelte mich früher nicht besonders gut. Und ich mochte ihn dementsprechend nicht besonders. Da waren wir natürlich noch keine Freunde. Wann immer ich zu Besuch war bei meiner Freundin Luisa – und das war eine Zeit lang ziemlich oft, da wir uns kaum außerhalb sahen seit sie und Tom ein Baby bekommen hatten – moserte Tom herum, dass ich nur zu den Mahlzeiten kommen und ihnen immer den Kühlschrank leer essen würde. Dabei brachte ich sogar jedes Mal etwas mit: Frisches Brot oder Bärchenstreich zum Beispiel, weil ich den so liebte und Maja – Luisa und Tom`s Baby – auch. Doch was immer ich mitbrachte oder wie wenig ich auch aß, Tom hatte immer eine Spitze für mich übrig und stocherte immer an der gleichen Stelle. Er mochte mich nicht da haben und ich mochte das Gefühl nicht, das er bei mir hinterließ. Ich nahm es immer mit nach Hause. Aber es war wie es war. Ich vermied deshalb längere Zeit, zu Essenszeiten das Haus der Familie zu besuchen.

II. Ich bin nicht o.k.

Eines Tages bot mir Tom einen Kakao an. Ich schaute mir die Packung an und war wenig erfreut über den Zuckergehalt, aber da er mir schon einen von sich aus anbot wollte ich mal nicht so sein. Vielleicht hatte er einen guten Tag. Dann fiel mir aber auf, dass es dieser Kakao mit Guarana war, den alle gerade so hoch in den Himmel lobten. Zucker ab und zu, ok – aber ich war seit Monaten koffeinfrei und das fand ich gut so. Mein System war im Ruhemodus angekommen. Außerdem war es schon später Abend. Also lehnte ich dankend ab, versprach aber, wenigstens mal zu kosten. Da Tom sich vegan ernährt, gibt es im Haus immer Hafermilch – gut für eine Laktose-Intolerante wie mich. Diese Hafermilch wird in der Geschichte noch eine tragische – ich meine: tragende – Rolle spielen. An diesem Abend gab’s dann wie üblich noch ein-zwei Seitenhiebe in Sachen Mitesserei die ich schweigend aber nicht unverletzt über mich ergehen ließ. Irgendwie verließ ich dieses Haus jedes Mal wie ein geprügelter Hund.

III. Tom kauft Kakao.

Einige Tage später erzählte mir Luisa, sie hätte zwei neue Tüten Kakao im Schrank gefunden. Dieselbe Marke, andere Sorte. Ohne Guarana nämlich. Als sie Tom dazu befragte, sagte der:

„Die sind für… wenn mal Besuch kommt.“

„Was denn für Besuch?“

„Na, wenn Mila kommt.“

Wir mussten beide schmunzeln als sie das erzählte. Tom, ihr Tom, mein Tom, der Tom der mich nicht mochte, hatte mir Kakao gekauft.

IV. Tom ist ein Riesen-Arsch.

Irgendwann war ich mal wieder da und konnte nicht umhin, Tom zu fragen, ob ich was von dem anderen, dem neuen Kakao, haben könne. Ich wollte nett sein und ihm zeigen, dass ich zu schätzen wusste, dass er an mich gedacht hatte. Doch das war ein Fehler! Sich offenbar ertappt gefühlt bei der unüberlegten Zurschaustellung zarter Gefühle einem anderen Wesen gegenüber ging er sofort in den Angriffsmodus über und sagte: „Nee, Mila, sorry, aber die Hafermilch ist zu teuer. Und überhaupt – ist schon wieder Essenszeit?!“ und versteckte sich den Rest des Abends hinter seinem MacBook pro und der ganzen Arbeit, die darin auf ihn wartete. Treffer, versenkt. Du bist mir nicht die Hafermilch wert. Es war weniger, was er sagte, als wie er es tat. Tom hatte ohnehin das Talent, Menschen mit ein paar gezielten Worten und einem entsprechenden Tonfall innerlich zu Boden zu werfen. Er konnte mich mit einem linken Seitenhieb emotional völlig außer Gefecht setzen, meine frisch gekeimte Selbstachtung mit kalter Ignoranz so richtig niederstampfen. Ich ging an diesem Abend mehr als nur angeschlagen nach Hause und es gab eine ganze Weile keinen Kontakt zwischen uns. Luisa und ich trafen uns nun wieder öfter draußen.

V. Tom ist o.k.

Mein Tom und seine Luisa haben vorgestern geheiratet. Und als er wieder seine spitzen Witze über mein Essverhalten riss, da wussten wir beide nur für uns, dass es eigentlich bedeutet:

Ich find’s schön dass du heute hier bist. Das – Du! bedeutest mir was. Und ich hatte solche Angst, dass ich dir nichts bedeuten könnte.

Und dann schauen wir uns an und ich denke:

Ich weiß, Tom.

Wie verletzt müssen Kinder sein, die sich als Erwachsene so verhalten? Jeden und alles um sich herum fernhalten, zarte Bindungen schon im Ansatz zerstören, sich panzern und wild um sich schießen, oder zu Felsblöcken werden, – aus Angst und Erfahrung und um sich vor erneuten Schmerzen zu schützen. Ich weiß nun um Tom, ich kenne jetzt seine Geschichte. Ich sehe ihn heute mit anderen Augen – auch mit den Augen des Kindes, das ich selbst einmal war und das mich manchmal noch mit großen Augen ansieht und verwundert fragt:

„Und Tom hatte wirklich Angst, ich könnte ihn nicht mögen?! Ich dachte immer, ich wär‘ nicht gut genug für ihn!“

Wie viele tolle Freundschaften werden nie eine Chance bekommen in dieser Welt, weil tolle Kinder sich so fürchterlich minderwertig fühlen?

VI. Ich bin o.k.

Ich bin auch so ein Kind. Und ich wollte immer selbst so einen Freund haben: Einen der einfach nur an meiner Seite ist, mich in Schutz nimmt und sagt: „Ich weiß“.

Jetzt bin ich dieser Freund für jemand anderen. Und ein schönes… warmes Kakaogefühl breitet sich in mir aus.

 

Dieser Beitrag ist auch erschienen als Gastbeitrag bei Depression, Angst, Borderline – Nora Fieling

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