Wie erstarrt – Eingefroren in der Vergangenheit

von Lieblingsmensch_ME am 7. Februar 2018 / Lesezeit: 6 Minuten

Endlich schneit und friert es auch ein bisschen in Berlin. Ich mag den Winter, wenn er knackig kalt ist und alles einfriert. Doch es erinnert mich auch daran, dass ich selbst einmal eingefroren bin.

Ein Teil von mir ist in der Vergangenheit festgefroren.

Ich war wohl zwischen 6 und 8 Jahren alt, als es in meinem jungen Leben entscheidende Einschnitte gab. Für mich waren sie damals sehr schlimm, sie lösten eine existenzielle Bedrohung in mir aus. Das bedeutet, ich fürchtete um mein Leben. Auch wenn tatsächlich vielleicht keine Lebensgefahr bestand – wie wir wissen können unsere Gedanken unsere Gefühle sehr stark beeinflussen. Und als Kind empfand ich die Situation als extrem bedrohlich.

Wissenschaftlich belegt haben wir körperlich im Fall von erlebter Bedrohung drei Möglichkeiten: Kampf, Flucht, oder eben das Erstarren. Und wenn für mich als Kind die ersten beiden keine Option waren – weder Flucht noch Kampf waren mir möglich -, dann bin ich erstarrt.

Die Auswirkungen spüre ich bis heute.

Noch heute spüre ich es in bestimmten Situationen, in denen ich mich hilflos fühle oder bei Personen, die mich an die Personen meiner Vergangenheit erinnern. Kennst du das, wenn dir erst viel später und in einer ruhigen Minute einfällt, was du alles hättest zu jemandem sagen können, der dir vielleicht blöd kam? Oder was du auf einen Witz ganz schlagfertig hättest erwidern können?

Ich bin nicht oft schlagfertig gewesen im Leben. Ich war immer eher still und musste über Dinge in Ruhe nachdenken. Oft habe ich mich darüber geärgert, denn ich dachte ich müsste spontaner sein, schnell reagieren, sofort etwas zurückgeben.

Heute gehe ich dann freundlicher mit mir um.

Wenn ich aber darüber nachdenke, dass ich vielleicht nicht unspontan oder nicht schlagfertig bin, sondern mich bestimmte Situationen (warum auch immer) hilflos fühlen lassen und ich dann wieder einfriere, dann kann ich mehr Verständnis für mich selbst aufbringen und warum mir die guten Ideen erst viel später kommen, wenn mein Körper sozusagen „außer Gefahr“ ist.

Und auch als Kind hatte ich keine andere Möglichkeit. Theoretisch schon, praktisch war ich so überfordert, dass Erstarren die einzige Option für mich war. Und es ist ok, denn damals war es meine Überlebensstrategie. Ich wäre heute vielleicht nicht hier, wenn ich damals nicht… garnichts getan hätte.

Das Erstarren hat einmal mein Überleben gesichert.

Und mein Körper hat sich das gemerkt. Der Teil in mir, der damals erstarrte, lebt in mir weiter. Seit ich in der Körpertherapie daran arbeite, mich selbst besser wahrzunehmen, spüre ich es umso deutlicher. Mein ganzer Körper wird fest, ich kann nicht mehr sprechen, meine Gedanken überschlagen sich und ich kann keinen Einzelnen mehr fassen, alles hüllt sich in eine Art Nebel oder als würde ich in einer Glaskugel sitzen, dumpfer, wenn ich mich bedroht fühle. Meist von meinen eigenen Gefühlen – nämlich denen, wegen derer ich auch damals einfror.

Kürzlich bin ich wieder meinem besonderen Menschen begegnet. Ich frage mich unterwegs ab und zu, wie ich wohl reagieren werde, wenn wir uns einmal auf der Straße begegnen sollten. Ich male mir Szenarien aus, was ich sage, oder was die Person sagt. Vielleicht kennst du das auch. Ich mache das schon mein Leben lang, das wird mir jetzt erst richtig klar. Mein Inneres möchte wohl auf den Ernstfall vorbereitet sein.

Dann war es soweit – der Ernstfall trat ein – und ich tat: Absolut garnichts.

Ich war wie erstarrt. Ich fuhr einfach weiter auf meinem Fahrrad. Ich konnte garnichts anderes tun. Erst Minuten später konnte ich wieder frei atmen und mir Gedanken darüber machen, was ich hätte alles tun und sagen können – oder sollen. Es kam dann auch noch der kritische Anteil dazu.

So überlegte ich mir also vorher schon, was ich gern tun würde und war dann hinterher noch unfreundlich zu mir, wenn ich es nicht geschafft hatte. Wie gemein! Denn all das zeigt doch nur, wieviel Angst da ist. Angst, etwas falsch zu machen, abgelehnt zu werden, allein zu sein, einsam zu sein – ja, aus der Sicht eines Kindes in der Konsequenz: nicht zu überleben.

So banal eine simple Begegnung auf der Straße aussieht: Für mein Inneres stellt sie eine Bedrohung dar.

Sie triggert die alten Gefühle. Und wenn ich mir vorstelle, dass das Kind in mir die alte Situation wiedererkennt und dann Angst bekommt, wenn es einer bestimmten Person begegnet, dann habe ich Mitgefühl. Dann kann die Erwachsene in mir noch so oft sagen: „Aber es gibt doch heute, im Hier und Jetzt, keinen Grund, Angst zu haben vor dieser Person, die nichts mit damals zu tun hat.“ Das alles wird den Schmerz nicht lindern.

Was hilft ist ein Annehmen und ein Verständnis für das Gefühl. Es ist da, ganz egal warum, wo es herkommt und wie stark, objektiv gerechtfertigt oder unsinnig es scheint. Ein Kind erschreckt sich vielleicht vor den Schatten hinter der Gardine – als Erwachsener wissen wir, dass es dort nichts Furchteinflößendes gibt.

Doch wenn ich eines gelernt habe in den letzten Jahren, dann ist es:

Dass es objektiv keinen Grund gibt Angst zu haben, ist kein Grund für die Angst, nicht trotzdem da zu sein.

 

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