Arbeiten ist bei mir selbst sein

von Lieblingsmensch_ME am 12. Januar 2017 / Lesezeit: 9 Minuten

Kein Lotos ohne Schlamm. Diesen Satz habe ich wie ein Mantra im Hinterkopf behalten, als ich selbst vor der bisher größten Herausforderung meines Lebens stand: Mich meinen schlimmsten Ängsten zu stellen. Doch ich lernte, dass das Leben dich dann vor Herausforderungen stellt, wenn du bereit bist sie zu meistern. Keinen Tag früher – und auch nicht irgendwann später.

Es ist 8:32 Uhr an einem Donnerstagmorgen. Ich sitze auf meinem Sofa zuhause, vor mir auf dem Tisch steht mein Kaffee und ich schreibe an diesen Beitrag (oder meine Gedanken, eine Geschichte oder ich lese), etwa eine Stunde lang. Danach werde ich meine Emails lesen und beantworten und meine ToDo-Liste für diesen Tag festlegen. Später duschen, anziehen, frühstücken. Gegen 11.30 Uhr bin ich gewöhnlich in meiner Praxis. Dreimal in der Woche. Zwei Tage in der Woche habe ich frei. Zeit für mich. Was wie ein ungewöhnlicher Einstieg in den Arbeitstag aussieht, ist mein Leben genau so wie ich es liebe.

Vor 3 Jahren hatte ich auch ein Leben.

Eines, das andere toll fanden. Ich war beruflich erfolgreich als IT-Beraterin im Qualitätsmanagement mit sicherem, gut bezahlten Vollzeitjob in einem hippen amerikanischen Unternehmen mit schickem, nagelneuen, internationalen Büro in Mitte, führte eine langjährige Beziehung, hatte viele Freunde, war sportlich aktiv, reiste um die halbe Welt – und hatte vor allem immer unglaublich viel zu tun.

Vor 3 Jahren fragte ich meinen Arbeitgeber zu ersten Mal, ob ich weniger arbeiten oder mehr von zu Hause arbeiten könne. Was ich mir wünschte, war mehr Ruhe – den Morgen in Ruhe zu starten, um den Arbeitstag zu planen und danach ins Büro zu fahren und für meine zu dem Zeitpunkt inzwischen über 20 Team-Mitglieder Ansprechpartnerin zu sein und in Meetings zu sitzen.

Es strengte mich an, in unserem Großraum-Büro ständig verfügbar zu sein.

Ja, kostenloses Mittagessen, Yoga, Social Events und eine Tischtennisplatte im Büro – das alles sind tolle Angebote eines Arbeitgebers, keine Frage. Jedoch bedeuten sie im Umkehrschluss oft die unausgesprochene Verpflichtung zu unlimitierter Verfügbarkeit und Loyalität. Das war mein Eindruck. Ich arbeitete laut Vertrag 35 Stunden und war damit bereits ein Exot. Denn ich war kinderlos und damit „ungebunden“, es gab objektiv keinen Grund, warum ich weniger arbeiten sollte als alle anderen – abgesehen von meinen Kolleginnen, die Mütter waren.

Ich hatte jedes Mal ein schlechtes Gewissen, wenn ich zweimal in der Woche das Büro „schon“ um 15.30 Uhr verließ. Sämtliche Rückzugsmöglichkeiten im Büro beschränkten sich außerdem auf „Aquarien“, wie wir sie nannten: Kleine Räume mit 1-4 Sitzplätzen, vollständig aus Glas. Es gab faktisch keine Rückzugsmöglichkeit und wenn der Platz für Feldbetten da gewesen wäre – ich denke es hätte der Wunsch aufkommen können, die Mitarbeiter mögen doch bitte auch im Büro nächtigen.

Meine Bitte nach mehr Freiraum in Form von Home Office oder weniger Stunden wurde von meiner direkten Vorgesetzen gehört und verstanden und zweimal an das Management in den USA weitergegeben. Leider könne ihr nicht entsprochen werden, war die Antwort, da es eine Regelung zum Arbeiten von zuhause gäbe, die besagte, dass jeder Mitarbeiter nur zweimal pro Monat von zuhause arbeiten könne – und das auch nur unter Angabe eines wichtigen Grundes.

Individualität spielte hier keine Rolle.

Die Menschen, die meine Bitte ablehnten, kannten mich nicht. Sie fragten nicht nach dem Grund für meine Bitte und wussten nicht, wie sehr mich die Arbeit inzwischen wirklich anstrengte – und vielleicht wusste ich das selbst zu dem Zeitpunkt noch garnicht.

Im Juli 2014 nahm ich mir eine Auszeit, ließ mich krank schreiben. Zunächst für 2 Wochen. Danach hatte ich 2 Wochen Urlaub und vor, nach 4 Wochen wieder arbeiten zu gehen.

 

„Das meiste haben wir gewöhnlich in der Zeit getan, in der wir meinen, nichts getan zu haben.“

Marie von Ebner-Eschenbach

 

Aus den 4 Wochen wurden insgesamt 78 und ich bin nie wieder in dieses Großraumbüro und zu meinem Arbeitgeber zurückgekehrt. Die kleine Auszeit, die ich mir nehmen wollte, brachte eine innere Lawine ins Rollen, die mich bis heute beschäftigt. Bereits Anfang 2013 hatte ein schwieriges Lebensereignis meine eigene Kindheit in mir „angestupst“. Eine gut gehütete und in mir fest verschlossene Kindheit. Bis zum Frühjahr 2014 hatte ich mich mit viel Arbeit, Sport, Freizeit und Reisen davon ablenken können.

Doch im Sommer dann stürzte meine Lebensfassade vor meinen Augen zusammen.

Erstmals seit Jahren mit meinen Gedanken (und auch zwischenmenschlich, ich hatte mich von meinem Partner getrennt) auf mich selbst zurückgeworfen, musste ich erkennen, wie wenig mein Leben eigentlich mein Leben gewesen war. Wie sehr ich diese Fassade des scheinbar Perfekten gebraucht hatte, um nicht zu fühlen, was wirklich in mir los war.

Während ich mir therapeutische Hilfe suchte und mit der schweren Arbeit an mir selbst begann, hatte ich wochen- und monatelang ein schlechtes Gewissen, weil ich objektiv „nichts“ tat. Wie oft habe ich so etwas wie: ‚Schon 3 Monate! Ich muss doch langsam mal wieder zurück zur Arbeit.‘ gedacht. Es passte nicht in mein altes Lebensmodell, für so lange Zeit nicht zu arbeiten, nichts Sinnvolles zu tun, kein wertvolles Mitglied unserer sehr an Leistung orientierten Gesellschaft zu sein. Auch Bekannte bestätigten mein schlechtes Gewissen indem sie gelegentlich fragten: „Ach, bist du immernoch krank geschrieben?“. Gefolgt von betretenem Schweigen oder einem mitleidigen Blick.

Doch ich hatte auch aktive Hilfe beim „Nichtstun“, Menschen an meiner Seite die nicht bereit waren, mich aufzugeben und dafür bin ich sehr, sehr dankbar. Nach etwa 6 Monaten legte sich das schlechte Gewissen langsam. Das hing einerseits damit zusammen, dass ich inzwischen sehr schwer mit meiner eigenen Vergangenheit beschäftigt war, andererseits daran, dass ich in der Therapie lernte, mitfühlender mit mir selbst zu sein. Während dieser Zeit half mir auch therapeutisches Schreiben, worüber ich an anderer Stelle noch berichten möchte.

Ich lernte langsam, mich und meine Gefühle anzunehmen – ganz besonders auch die schwierigen.

Ich verbrachte 2015 zweimal mehrere Wochen in einer psychiatrischen Tagesklinik und war zusätzlich seit Herbst 2014 ambulant in psychotherapeutischer Behandlung. Seit eineinhalb Jahren habe ich außerdem eine Körpertherapeutin, die mich darin unterstützt, den Zugang zu meinen Emotionen über meinen Körper zu finden, meinen Körper zu spüren – mich zu spüren.

Bereits seit 2004 war ich wegen Angst- und Essstörungen in Behandlung. 2006 erhielt ich die Diagnose Borderline (emotional-instabile) Persönlichkeitsstörung. Psychiatrische Klassifikationssysteme definieren die Erkrankung anhand von neun Kriterien. Dazu gehören Störungen und Unsicherheit bezüglich des Selbstbildes, impulsives Verhalten, ein chronisches Gefühl von Leere, die starke Angst, vor dem Alleinsein und davor, verlassen zu werden und intensive, aber unbeständige Beziehungen.

Nach einer 2-jährigen DBT (Dialektisch-Behaviorale Therapie, eine Psychotherapieform zur Behandlung von Borderline-Patienten) hatte ich ab 2009 die Symptomatik im Außen relativ gut im Griff. Doch ich hatte mich noch nicht dem Kern meiner Problematik gewidmet, der Ursache der schwierigen Gefühle und Verhaltensweisen, die mit der Störung einhergehen.

Das Leben stellt dich dann vor Herausforderungen, wenn du bereit bist sie zu meistern.

Es dauerte nach der Diagnose noch einmal 8 Jahre bis ich (meine Seele) bereit war, mich den Gefühlen meiner Kindheit zuzuwenden, vor denen ich mein Leben lang davonlief. Und ich denke heute, ich hätte es früher vielleicht nicht geschafft. Es gab Momente in meiner Therapiearbeit, da wollte ich lieber sterben. Nicht, weil ich nicht mehr leben wollte – ich wollte nur verschwinden, nichts mehr fühlen. Ich dachte, ich könne diese Gefühle einfach nicht mehr aushalten.

Doch ein Teil von mir ist – und war immer – eine Kämpferin, ein Stehaufmännchen. Ich kämpfte mich erneut durch meine eigene Kindheit und nahm sie eins nach dem anderen alle an – die Gefühle, die mit ihr zu Tage traten. Es ging wie nach dem Zwiebelprinzip: Hinter der Wut steckte Traurigkeit steckte Scham steckte Angst…

Ich leistete Schwerstarbeit, während ich objektiv gesellschaftlich gescheitert war – und „nichts“ tat.

Und während mein Wunsch von zuhause zu arbeiten, vielleicht 2014 schon teilweise in die Richtung ging, das Bedürfnis nach mehr Zeit für mich auszudrücken – so ist es heute definitiv so. Ich arbeite wieder selbständig und in meinem Beruf, den ich schon lange im Kopf und mir früher nie zugetraut hatte. Ich hätte nicht geglaubt, dass meine „Störung“ einmal zu meinem größten Vorteil werden könnte. Ich gebe heute meine eigenen Erfahrungen an andere Betroffene und deren Angehörige weiter, kann ihnen damit authentisch und mitfühlend zur Seite stehen.

Heute bezeichne ich mich als „trockene“ Borderlinerin, ein Begriff, den eine Kollegin von mir geprägt hat, die sich selbst aus der Störung heraus gekämpft hat. Es bedeutet, dass wir heute die fünf von neun Kriterien zur Diagnose der Erkrankung nicht mehr erfüllen. Mein Weg zum achtsamen Selbstmitgefühl spielt dabei eine ganz entscheidende Rolle. Denn ich lernte, mich selbst anzunehmen, mit all meinem Gefühlen, Ängsten, den guten und auch den nicht so schönen Seiten. Ich brauche keine Fassade mehr und keine Ablenkung von mir selbst.

Ich bin heute gern mit mir selbst zusammen.

Und ich genieße die Zeit für mich. Mein persönlicher Morgen ist meine Zeit mit mir. Dann, wenn mein Partner schon im Büro ist und auch die Nachbarn zur Arbeit gefahren sind. Wenn es ruhig wird auf unserem Hof. Dann mache ich mir einen Kaffee, setze mich auf mein Sofa und schreibe an diesem Beitrag, bevor ich meine Emails lese, meinen weiteren Tag plane und gegen 11.30 Uhr in meine Praxis fahre. Dreimal in der Woche. Denn zwei Tage halte ich mir frei. Für mich.

 

Dieser Artikel ist ein Beitrag zur Blogparade „Aus FuckUps und Ängsten wachsen„.

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