Bleib auf meinem Teppich – Die Kraft von Aufstellungen

Privat und beruflich nutze ich das Medium der freien Aufstellungen. Manchmal, wenn mir eine Situation im Kopf nicht klar wird oder ich eine Entscheidung nicht treffen kann, hilft mir diese Form des reinen Schauens auf mein Bauchgefühl. Oder auch das eines anderen Menschen – stellvertretend für mich. Oft mit erstaunlichem Ergebnis, wie ein kleines Experiment zeigt.

An einem Donnerstag Morgen bin ich mit einer Kollegin bei mir in der Praxis verabredet. Wir treffen uns als Gruppe häufiger, seit wir unsere Coaching-Ausbildung zusammen absolviert haben, um neue Methoden auszuprobieren und Fallbeispiele durchzuspielen. Heute sind wir nur zu zweit und ich frage sie, ob sie mir für ein Experiment zur Seite stehen würde.

 

Es muss von Herzen kommen, was auf Herzen wirken soll.
J.W. v. Goethe

 

„Das fühlt sich richtig gut an.“, so der Titel des Buches, welches ich zu diesem Zeitpunkt gerade lese. Olaf Jacobsen beschreibt darin seine Methode der freien systemischen Aufstellungen. Es gibt verschiedene Arten von Aufstellungen: beispielsweise Familienaufstellungen, Systemaufstellungen, Systemische Aufstellungen, Organisationsaufstellungen, Strukturaufstellungen, Dynamische Aufstellungen, Schamanische Aufstellungen, Spirituelle Aufstellungen, Aufstellungen therapeutischer und nicht-therapeutischer Art, uvm.

Aufstellungen arbeiten mit einem erstaunlichen Phänomen.

„Sie alle arbeiten mit dem gleichen Phänomen: Ein Mensch stellt sich für eine (Stellvertreter-)Rolle zur Verfügung, beginnt also, diese Rolle zu ’spielen‘ oder einen anderen Menschen zu vertreten (Stellvertretung) – und als Folge davon nimmt er in sich Körpergefühle oder Emotionen oder Handlungsimpulse wahr (mehr oder weniger intensiv), die auf seltsame Weise mit der (Stellvertreter-)Rolle zusammenhängen, die derjenige spielt.“ schreibt Jacobsen.

Für seine Form der freien Aufstellungen braucht es „keine Rituale und keinen speziellen ‚Rahmen‘, um dieses Phänomen praktisch für sich selbst einsetzen und nutzen zu können. Jeder empathische Mensch kann es – zu zweit, im Freundeskreis oder sogar allein. Auch ohne fachlichen, therapeutischen, schamanischen, spirituellen oder esoterischen Rahmen.“

Meine Aufstellung:

Ich bitte meine Kollegin, mir als Stellvertreterin in einer persönlichen Situation zu dienen und in 2 verschiedene Rollen zu schlüpfen.

Sie willigt ein und ich beschrifte 2 A4-Blätter mit den Buchstaben A und B und einem Pfeil. Die Blätter stehen für die beiden beteiligten Personen in der Situation, die ich mir anschauen möchte. Der Pfeil ist dazu da, die Blickrichtung der Person zu beschreiben (im Bild durch die abgerundeten Ecken angedeutet).

 

 

Ich gebe meiner Kollegin nacheinander die Zettel in die Hand und bitte sie, sie im Raum nach Gefühl auf den Boden zu legen. Ich sage ihr nichts über die Situation, die ich anschauen möchte und nichts darüber, wer A und B sind. Sie legt sie zunächst rechtwinklig zueinander und relativ nah beieinander in den Raum:

 

 

Dann bitte ich sie, sich auf A (also das Blatt mit dem Buchstaben A) zu stellen und zu schauen, wie sich das anfühlt. Sie sagt nach kurzer Zeit: „Ich habe das Gefühl B sieht mich garnicht. Ich möchte, dass B mich sieht.“

Ich schicke Sie zu B und dort sagt sie: „Ich nehme A wahr, aber es interessiert mich nicht besonders. Mir geht es gut hier. Für mich ist alles in Ordnung.“

Zurück auf A frage ich meine Kollegin, was A gern tun würde. Sie nimmt den Zettel und verschiebt ihn so, dass er B genau gegenüber liegt mit Blickrichtung zu B. „Das ist besser, nun kann B mich sehen.“ sagt sie.

 

 

Doch B (sie wechselt auf meine Bitte die Positionen, ich stehe außerhalb und leite die Aufstellung an) signalisiert klar, dass B diese Konstellation garnicht gefällt. B fühlt sich unwohl, wenn A so direkt im Blickfeld auftaucht.

Schon hier bin ich völlig bei ihr. Ich erkenne hier, ohne dass ich ihr überhaupt gesagt hätte, um wen es geht, eine schwierige Situation, die ich persönlich mit jemandem habe. Eine Sitaution, in der ich mich unwohl fühle und aus der ich nicht so recht einen Ausweg finde. Ich bin gespannt wie es weitergeht. Schon jetzt ist das ziemlich treffend dargestellt.

Ich bitte meine Kollegin, A mal noch näher an B heran zu schieben. A mag das, B möchte nach hinten ausweichen, kann es aber garnicht, weil dort eine Wand kommt. Geht A wieder ein Stück zurück, wird die Situation für B erheblich leichter.

 

 

Doch so richtig wohl fühlen sich A und B nicht (noch immer wechselt nur meine Kollegin immer die Plätze und gibt wieder, was sie auf den jeweiligen Plätzen als Stellvertreterin wahrnimmt).

Ich bin ja daran interessiert, herauszufinden, wie die Situation für beide lösbar werden kann. Dafür möchte ich mehr verstehen und bitte meine Kollegin für einen Versuch A einmal neben B zu stellen.

 

 

Nun stehen sie nah nebeneinander und A findet das sehr angenehm. B hingegen möchte schon wieder zur anderen Seite ausweichen. Jetzt stelle ich fest, dass sich beide auf einem Teppich im Raum befinden und dass B, egal wie weit B weg möchte, nie diesen Teppich verlässt. Als wäre dieser eine magische Grenze.

Als Experiment stelle ich A mal ganz an den Rand dieses Teppichs, in eine Ecke und so, dass A B nicht anschaut. B findet das super, doch für A ist das keine angenehme Situation.

 

 

Nun stelle ich A mal ganz runter vom Teppich, irgendwo anders in den Raum. Plötzlich regt sich etwas in B: Das gefällt B ganz und garnicht! „A soll auf meinem Teppich bleiben, aber mir nicht zu nah kommen.“

 

 

Das ist sehr interessant und es fällt mir jetzt wie Schuppen von den Augen, warum die Situation zwischen A und B so schwierig ist (im richtigen Leben). A wünscht sich Nähe und Kontakt und B kann oder möchte das nicht (so nah), kann sich aber auch nicht vorstellen, dass A ganz aus dem Leben von B (dem Teppich) verschwindet.

Das ist eine verzwickte Situation und das habe ich vorher schon gespürt, aber mir war nicht bewusst, warum genau es sich bisher so komisch anfühlte. Die Aufstellung zeigt mir persönlich, dass A sich wohl entscheiden muss, ob A die Art von Kontakt zu B möchte, die B anbieten kann, nämlich:

„Bitte bleib auf meinem Teppich, aber komm mir nicht zu nah.“

Oder ob A sich entscheidet, von dem Teppich runterzugehen, denn A fühlt klar und von Herzen: „Ich wünsche mir richtige Nähe und keine Teppichecke.“

Mir ist auch aufgefallen, wie gefangen B auf dem Teppich wirkte. Selbst als A für B’s Geschmack viel zu nah an B heranrückte, verließ B nicht den Teppich. So als gäbe es den restlichen Raum darum überhaupt nicht (keinen Ausweg). Das hat in mir auch Mitgefühl für B geweckt. Scheinbar ist B sehr gefangen auf diesem Teppich und hat garnicht viel inneren Handlungsspielraum.

Damit beenden wir das Experiment und sind für heute beide beeindruckt, wie intensiv sich jemand als Stellvertreter in eine Rolle (oder sogar mehrere) einfühlen kann, ohne ein einziges Detail über die Situation zu wissen. Für mich nehme ich an diesem Tag mit, dass es sehr aufschlussreich sein kann, sich eine Situation von außen anzuschauen und (wenn ich verdeckt aufstelle, wie wir es hier getan haben), das reine Bauchgefühl zum Tragen kommen kann und keine vorgefertigten Bewertungen des Kopfes, der dann nämlich garnicht „weiß“ um wen oder was es geht – und einfach mal den Rand halten kann.

Für mich ist diese Form der Aufstellung ein sehr hilfreiches und machtvolles Instrument und zu einem wichtigen Begleiter geworden.