Ich und mein Holz – Therapie in der Werkstatt

von Lieblingsmensch_ME am 15. April 2017 / Lesezeit: 7 Minuten

Seit Dezember haben mein (inzwischen) Mann und ich unser Obergeschoss renoviert. Nicht nur das Oberstübchen, nein – die obere Etage unseres Hauses. Neben dem Ausmisten alter Dinge, das dabei stattfand, haben neue Dinge und Möbel einen Platz gefunden. Vieles davon aus Holz – und von uns selbst gebaut. Für mich ist die Sache mit dem Holz allerdings eine Geschichte voller Missverständnisse.

Schon seit vielen Jahren haben wir in der Garage eine anständige, ziemlich gut ausgestattete Werkstatt. Und ich mag Holz, so ganz im Allgemeinen. In Möbeln, als Deko, überall. Trotzdem hatte ich viele Jahre Schwierigkeiten, mal etwas selbst zu machen. Obwohl ich dazu Lust hatte. Ich wusste eigentlich nie so richtig, was das Problem war. Kennst du das, wenn du eigentlich was machen willst, aber du tust es einfach nicht? Und fühlst dich gleichzeitig unwohl, weil du es nicht tust? Dann ist meist ein innerer Widerstand im Spiel. Ich hatte über innere Widerstände schonmal in meinem Artikel Alles auf Anfang zum Neujahr geschrieben.

 

Um verstehen zu können, wie das verletzte Kind in unserem Inneren agiert, um die unbefriedigten Kindheitsbedürfnisse und das unaufgelöste Trauma auszuleben, müssen wir wissen, daß die primäre motivationale Kraft unseres Lebens unser Gefühl ist.
John Bradshaw

 

Während meiner Klinikaufenthalte 2015 hatte ich Kunst- und Ergotherapie. Und schon da habe ich immer wieder mit Holz als Medium geliebäugelt – und mich doch nie rangetraut. Ich habe in der Zeit viel getöpftert, was mir definitiv liegt und mir viel Spaß macht. Aber das Gefühl für Holz war immer da – und es war ein gemischtes Gefühl.

Wann immer mich mein Mann fragte ob ich ihm helfe wenn er etwas baute, wollte ich das gern doch schon nach wenigen Minuten in der Werkstatt verließ mich die Lust, ich wurde launisch bis weinerlich und wollte nur noch weg. Mich hat das alles genervt, es ging zu langsam, ich wollte schon fertig sein, da hatten wir gerade mal Maß genommen und angezeichnet.

Das Wiedererleben früherer Gefühlszustände bezeichnet man als Flashback.

Erst im Verlauf der letzten Monate – während wir renovierten und viele neue Möbel bauten – bin ich dahinter gekommen, was da los war. Es sieht so aus, als stünde die Werkstatt für mich in Verbindung mit früheren Erlebnissen oder Gefühlen. Ohne mich daran aktiv direkt zu erinnern, tun meine Seele und mein Körper das für mich und ich fühle mich gräßlich und möchte gehen.

Fragt sich, warum ich so unschöne Gefühle fühle, wenn ich etwas mit Holz arbeiten möchte. In den letzten drei Monaten habe ich viel Zeit in der Werkstatt verbracht. Und viel geweint, viel abgebrochen, pausiert, nochmal versucht. Es war nicht leicht, aber es sind gute Dinge dabei herausgekommen. Nicht nur neue Möbel für uns, auch Erkenntnisse für mich über meine Gefühle.

Es hat sich gelohnt, dran zu bleiben und diese Gefühle mal anzuschauen. Ich fing an, mich zu erinnern, dass in unserem Haus in dem ich aufgewachsen bin, viel aus Holz war. Und ich weiß, dass mein Vater eigentlich unser ganzes Haus selbst gebaut hat abgesehen von den Grundmauern, die schon standen als wir einzogen. Meine ganze Kindheit über muss mein Vater (ich kann mich an meine Kindheit so gut wie nicht erinnern) an unserem Haus gebaut haben. Und da ich weiß, dass wir bis ich ca. 13-14 war ein sehr enges Verhältnis hatten, nehme ich an, dass ich ihm oft geholfen habe.

Mit etwa 13 Jahren änderte sich mein Leben.

Mit etwa 13 Jahren habe ich meinen Vater „verloren“. Unsere Beziehung hat sich schlagartig geändert und obwohl er nicht „weg“ war, war er plötzlich für mich nicht mehr da, nicht mehr für mich erreichbar. Ich weiß heute, dass das eine sehr, sehr schwierige Zeit für mich war, denn auch meine Mutter war zu diesem Zeitpunkt schon lange für mich nicht mehr emotional ansprechbar. Ich war jetzt ganz allein.

Wenn ich heute eine Werkstatt betrete, überkommt mich praktisch das beklemmende Gefühl des Verlustes. Etwas aus Holz zu bauen: Das war etwas, das ich früher mit meinem Vater zusammen gemacht habe. Bevor ich ihn verloren habe. Der Geruch von Holzspänen, das Geräusch einer Säge oder nur der Anblick der Werkbank mit dem Schraubstock oder der Bohrmaschine – etwas daran lässt die alten Gefühle wieder auftauchen.

Flashbacks müssen nicht immer hochdramatisch sein. Sie können schon bei einem Duft aus der Kindheit, beim Hören alter Kinderlieder oder beim Sehen eines bestimmten Ortes von früher auftreten. Dabei fühlst du dich für kurze Zeit in die Situation zurückversetzt. Es ist also nur eine besondere Form von intensiver Erinnerung und ganz natürlich. Man kennt das Wort Flashbacks ja meist aus dem Zusammenhang mit traumatischen Erfahrungen, wenn bestimmte Geräusche, Menschen oder Bilder wie Schlüsselreize für eine akute Bedrohung wirken können.

Mach es trotzdem, nimm die Gefühle mit.

Ein Satz, den mein Therapeut mir oft gesagt hat in den letzten Jahren. Statt zu vermeiden, sollte ich losgehen, die Gefühle mitnehmen und trotzdem machen, was ich machen wollte. So arbeite ich mich langsam Stück für Stück zurück in meinen Sport – und jetzt in die Werkstatt. Ich ging mit rein, ich half mit, ich ging wieder raus, weinte mal 10 Minuten, dann ging’s wieder… Es war nicht immer schön. Aber es hat geholfen.

In zweifachem Sinn: Denn einerseits konnte ich mich mit den alten Gefühlen auseinandersetzen. Und andererseits habe ich nun neue Erinnerungen an positive Gefühle in unserer Werkstatt. Es ist nicht mehr die alte Werkstatt, es ist nicht mehr mein Vater. Es sind jetzt mein Mann und ich, wir lieben Holz und werden beide gerne kreativ! Wir ergänzen uns außerdem total gut, er ist eher der Mann für’s Grobe und ich mache dann die Feinarbeiten. Ich schleife, lasiere, streiche und lackiere total gerne.

Es lohnt sich, die Gefühle mitzunehmen. Wenn dir das nächste Mal etwas schwerfällt oder du dich vor irgendetwas drücken möchtest, was du aber eigentlich wirklich gern tun würdest – dann hör mal genauer hin, denn da wollen dir deine Gefühle vielleicht etwas sagen. Und vielleicht verpasst du eine tolle Chance, wenn du nicht darauf achtest.

Ein schönes Osterfest und viel Erfolg beim nächsten Projekt!

Die Fortsetzung vom Mai 2018 gibt es hier: Ich und mein Holz II – Alles ein Frage der Perspektive

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