[Resilienz #1] Akzeptanz – Vom Annehmen und Loslassen

von Lieblingsmensch_ME am 13. September 2017 / Lesezeit: 7 Minuten

Möchte ich etwas loslassen, ist es wichtig, es zuerst zu akzeptieren. Ein Satz, der Einem ganz schöne Knoten in den Gehirnwindungen verursachen kann. Ich will ja garnicht annehmen. Ich will ja loslassen. Und zu oft meinen wir mit loslassen eher loswerden.

Den Fakt, die Situation beschreiben. Das Gefühl dazu benennen. Zu sich selbst sagen: „So ist es“.

Diese kleine Übung heißt „Radikale Akzeptanz“ und stammt aus dem Fertigkeitentraining zur Emotionsregulation, welches von Marsha Linehan entwickelt wurde. Sie ist die Begründerin der Dialektisch Behavioralen Therapie der Borderline-Persönlichkeitsstörung (DBT) und selbst Erfahrungsexpertin, d.h. von der Erkrankung betroffen. „Radikal“ an dieser Übung ist, dass ich nicht versuche, mein Gefühl zu einer Situation loszuwerden. Ich leiste keinen Widerstand, übe keinen Druck aus, laufe nicht davor weg. Ich stelle mich innerlich vor mein Gefühl, betrachte es und lasse es da sein. Erst einmal nur das. Nichts weiter.

Das ist Akzeptanz.

Es ist die Form von Akzeptanz, um die es sich im Resilienz-Training dreht. Akzeptanz ist einer von 7 Resilienz-Faktoren, welche die Deutsche Gesellschaft für Prävention und Gesundheitsförderung (DGPG) definiert hat, – und in meinen Augen auch einer der wichtigsten.

In der Abbildung ist beispielhaft eine Verteilung der Ausprägung der Resilienz-Faktoren einer Gruppe von Menschen dargestellt. Es handelt sich um einen relativ typischen Kurvenverlauf – nicht nur für psychisch erkrankte Menschen, mit denen ich arbeite. Für die meisten Menschen in unserer Gesellschaft ist Akzeptanz häufig einer der schwächsten Faktoren.

Referenzgruppe bestätigt: Akzeptanz ist unter den Resilienzfaktoren häufig am schwächsten ausgeprägt

 

Ausprägung der Resilienz-Faktoren einer Trainingsgruppe, 10 Personen, nach Fragebogen zu den Resilienzfaktoren der DGPG (das Maximum beträgt 15-20 Punkte pro Faktor)

 

Auch für mich. Bis heute. Und auch das ist ok.

Denn es ist eine der schwierigsten Aufgaben für uns, das anzunehmen, was ist – ohne es zu bewerten oder es loswerden zu wollen.

Auffällig in der Darstellung ist ebenso, dass wir oft sehr ausgeprägt lösungsorientiert sind. Das heißt wir finden schnell und sicher Lösungen zu allen möglichen Formen von Problemen. Taucht eines auf, springt sofort unser Geist an und versucht es zu lösen. Doch zu oft – und dazu mehr im Beitrag über den Resilienz-Faktor Lösungorientierung (in dieser Reihe „Resilienz – Was ist das?) – organisieren wir eher unsere Gefühle zum Problem weg. Das Gefühl zu dem Problem bleibt nämlich häufig einfach da wo es ist, auch wenn wir das Problem scheinbar gelöst haben.

Ein Beispiel: Ich konnte bis vor einigen Jahren unheimlich schlecht allein sein. Ich habe es einfach nicht ertragen, mit mir selbst zusammen zu sein. Ich habe mich regelrecht unwohl gefühlt, wann immer ich ganz allein war (z.B. tagsüber allein zuhause, wenn ich mal nicht arbeitete oder am Wochenende). Wichtige Ressourcen, über die ich aber schon ganz lange verfügte waren ein großes persönliches Netzwerk und ein gutes Organisationstalent. So habe ich also meine gesamte Freizeit damit verbracht, sie so zu organisieren, dass ich möglichst nie allein war. Ich war beim Sport, ich war am See, ich war Feiern, ich war bei Freunden zu Gast, ich war im Urlaub, ich war überall – nur nie allein mit mir. Dazu später mehr.

Ein weit verbreitetes Missverständnis in Bezug auf das Annehmen ist auch, dass wir die Situation annehmen sollen, so wie sie ist.

Soll ich wirklich akzeptieren, dass jemand gemein zu mir ist, nur weil es da ist? Soll ich etwa akzeptieren, dass jemand Regeln missachtet oder mir oder anderen Unrecht tut?

Nein, das denke ich nicht. Wenn ich hier von Akzeptanz spreche, dann bedeutet es ganz im Sinne der Radikalen Akzeptanz, dass ich zunächst mein Gefühl zu einer Situation akzeptiere. Fakt. Gefühl. So ist es. Es bedeutet nicht zwangsläufig, die Situation an sich gutzuheißen!

Doch wie oft feuern wir schnell zurück, wenn wir uns eigentlich durch etwas Gesagtes verletzt fühlen? Wie oft hast du dich schon abgelenkt, wenn du eigentlich traurig warst? Wie oft hast du innerlich zu dir gesagt „Reiß dich zusammen.“ wenn du eigentlich vor Freude rumspringen oder laut loslachen wolltest?

Wie oft habe ich mich dagegen gewehrt, das Alleinsein zu fühlen? Und wie oft habe auch ich andere Menschen angegriffen, obwohl ich eigentlich verletzt und traurig war? Annehmen was ist, d.h. mich meinen eigenen Gefühlen in der aktuellen Situation zuzuwenden, ist eine wirklich schwere Aufgabe, keine Frage!

 

Wenn die Achtsamkeit etwas Schönes berührt, offenbart sie dessen Schönheit. Wenn sie etwas Schmerzvolles berührt, wandelt sie es um und heilt es.
Thich Nhat Hanh

 

Und sie birgt gleichzeitig ein unglaubliches Potenzial. Denn Gefühle, die igoriert oder wegorganisiert werden, sammeln sich an. Wie bei einem Wasserball, den wir unter Wasser drücken, verschwenden wir unglaublich viel Energie darauf, unsere Gefühle zu unterdrücken. Oft „ploppen“ sie dann unkontrolliert und aufgestaut auf und wir sind mit der Flut überfordert.

Wie wäre es stattdessen, die Gefühle da sein zu lassen. Du kannst mit ganz kleinen Dingen anfangen. Im Büro pampt dich ein Kollege an? Nimm kurz wahr wie du dich fühlst, statt direkt zurückzupampen. Du hast einen Erfolg zu feiern? Nimm kurz wahr wie du dich fühlst, bevor du es dann in deinem sozialen Netzwerk postest. Du willst sonntags morgens einen Kaffee trinken und es ist keine Milch da?

Nimm kurz wahr wie du dich fühlst, statt sofort über die „Lösung“ des Problems nachzudenken.

Durch solche kleine Übungen in Achtsamkeit und Akzeptanz im Alltag können wir mit der Zeit lernen, uns auch den größeren, schwierigeren Gefühlen in uns zuzuwenden. Mit der Zeit und dem Bewusstsein dafür, dass ich mich sehr vor dem Alleinsein fürchtete, konnte ich Stück für Stück beginnen, mich dem Gefühl zuzuwenden. Ich fing an mit 3 Minuten. Wann immer ich wieder mich wieder nach Flüchten fühlte – zum Sport, zu Freunden, auf Reisen – blieb ich für nur ein paar Minuten sitzen und wartete auf das Gefühl, bevor ich es dann doch „wegorganisierte“, also das Haus verließ.

Die Zeiträume, in denen ich mich dem Gefühl stellen konnte, wurden so mit der Zeit immer länger. Und dadurch, dass ich mich dem Gefühl Stück für Stück zugewendet habe, konnte es ganz langsam heilen und sich umwandeln. Wir sind Freunde geworden, die Angst vor dem Alleinsein und ich. Ich habe sie beachtet, ihr zugehört und etwas über ihre Gründe verstanden.

So konnte ich das Gefühl loslassen, indem ich begann es anzunehmen.

Im Sinne der Resilienz neigen Menschen, die in Akzeptanz geübt sind, eher dazu, Veränderungen annehmen und als Chancen betrachten zu können. Sie sehen Krisen eher als Chance und überwindbare Phasen an und reagieren anpassungsfähiger und flexibler auf Umweltbedingungen.

Welches Gefühl kannst du schwer loslassen oder was möchtest du loswerden? Und wie wäre es mit einem Versuch, es zunächst einmal zu akzeptieren, wie es ist?

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2 Kommentare zu “[Resilienz #1] Akzeptanz – Vom Annehmen und Loslassen”

  1. Noémie sagt:

    Der Beitrag hat mich sehr berührt und zum Nachdenken angeregt.

    Ja, ich lenke mich oft ab, wenn ich traurig bin. Ja, ich will meine Gedanken bündeln und alles „unter Kontrolle“ haben, statt einfach mal radikal anzunehmen.
    Ohne Erwartungen einfach mal Freudesprünge machen. Weinen. Mich mal nicht in einer gesellschaftlich anerkannten Wortwahl und sachlicher Stimmlage ausdrücken und Bäume anschreien.
    Oft habe ich versucht, um alles in der Welt ein Gefühl zu verhindern, was sich im Nachhinein als kraftraubender erwies. Diese Beitrag erinnert mich gerade wunderbar daran, dass ich es mir auch „leicht“ machen kann..

    Und was mich auch enorm berührt ist folgender Satz:
    „Wir sind Freunde geworden.“ – was für eine wundervolle Liebeserklärung an die eigenen Gefühle!

    Herzliche Grüsse
    Noémie

    1. Lieblingsmensch_ME sagt:

      Ich danke dir sehr für deinen Kommentar und freue mich, dass dich mein Beitrag berührt hat!

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