[Resilienz #7] Netzwerkorientierung – Du bist nicht allein

von Lieblingsmensch_ME am 25. Oktober 2017 / Lesezeit: 6 Minuten

Eine ganz wichtige Erkenntnis im Laufe der Jahre während und nach meiner Krise ist für mich: Ich bin nicht allein. Ich muss nicht immer alles alleine schaffen. Ich darf um Hilfe bitten. Und es gibt Menschen die mir helfen können – und das auch wollen.


Viele Betroffene fühlen sich mitunter sehr allein – mit ihren Problemen, Sorgen, der Erkrankung. Auf der anderen Seite gibt es vielleicht alte Verhaltensmuster, die dann auch noch dazu betragen, dass wir nicht um Hilfe bitten, weil wir es für eine Schwäche halten.

Das Gefühl allein zu sein isoliert uns u.U. noch mehr von den Anderen.

Das alles isoliert uns dann von Anderen. Zu einer Netzwerkorientierung gehört ein gewisses Maß an Kontaktfähigkeit. Doch was bedeutet es, kontaktfähig zu sein?

Dazu gehört die Fähigkeit, überhaupt mit mir bekannten oder auch fremden Menschen in Kontakt zu treten und in Verbindung zu bleiben. Das bedeutet auch fähig zu sein, Beziehungen zu anderen aufzubauen und diese zu pflegen. Und damit dann soziale Netzwerke zu knüpfen – beruflich wie auch privat.

Unser ur-menschlicher Wunsch nach Zugehörigkeit und sozialer Anerkennung lässt uns das meistens schon ganz von allein tun. Und doch, manchmal fällt es uns schwer, Beziehungen aufzubauen und aufrecht zu erhalten.

 

„Menschen können sich wohl berühren und erreichen einander doch nicht.“
Anke Maggauer-Kirsche

 

Dazu beitragen könnte eventuell die digitale Entwicklung, in der immer mehr Kontakte ausschließlich online geknüpft werden und kaum noch echte Gespräche von Mensch zu Mensch stattfinden.

Ein gutes Netzwerk braucht wahre soziale Kontakte und echte Nähe.

Resilienz-Forscher haben herausgefunden, dass ein stabiles soziales Netzwerk von enormer Wichtigkeit für uns ist – sowohl im Hinblick auf unsere seelische als auch die körperliche Gesundheit:

 

  • Wir erleben weniger Stress und eine höhere Zufriedenheit. Das hat Auswirkungen auf unser Herz- und Kreislaufsystem.
  • Ein stabiles soziales Netzwerk stärkt das Immunsystems (auch das unserer Seele = Resilienz).
  • Ein sozial aktiver Mensch zeigt ein höheres Verantwortungsbewusstsein und mehr Selbstfürsorge.
  • Wir erleben mehr positive Gefühle durch Vertrauen, Bindung und das Gefühl von Sicherheit, das uns ein Netzwerk vermitteln kann.

 

Bei einem funktionierenden Netzwerk zählen die meisten Menschen solche Faktoren wie Vertrauen, Verlässlichkeit, Unterstützung und Mitgefühl zu den wichtigsten. Ohne diese kann keine Beziehung ent- bzw. bestehen. Und es bedeutet auch, dass wir selbst diese Faktoren haben oder ausbauen sollten, um kontaktfähiger zu werden. Wenn ich allen Menschen misstraue habe ich wenig Chancen, stabile Beziehungen überhaupt aufzubauen. Ich schränke mich dann selbst ein.

Es ist also zuerst an mir, (wieder) kontaktfähig zu werden.

Und manchmal bin ich schon viel mehr in Netzwerke eingebunden, als mir das eigentlich bewusst ist. Eine Teilnehmerin einer Selbsthilfegruppe klagt vielleicht darüber, dass sie niemanden hat, und übersieht dabei, dass sie regelmäßig in einer Gruppe sitzt, die sie unterstützt und verlässlich für sie da ist.

Oder ein anderer traut sich einfach nicht, den Bruder um Hilfe zu bitten, obwohl dieser längst mehrfach angeboten hat, ihn in schwierigen Zeiten zu unterstützen. Und wieder eine Andere geht vielleicht schon viele Jahre in die gleiche Kreativgruppe und weiß garnicht, wie viele dort gerne mehr mit ihr in Kontakt wären, weil sie so kreativ und lustig ist. Wir sehen also manchmal den Wald vor lauter Bäumen garnicht.

Dies gilt auch für eine andere Art von Beziehungen:

Auch das Beenden destruktiver Beziehungen gehört zur Netzwerkpflege.

Neben dem Erkennen, Pflegen und Aufrechterhalten von unterstützenden und wohlwollenden Beziehungen zu anderen Menschen, ist es manchmal auch an der Zeit, bestimmte Kontakte dahingehend zu überprüfen, ob sie mich vielleicht eher behindern, mich verunsichern oder mir gar schaden.

Das ist sicherlich einer der schwierigsten Teile am Wachsen: Sich aus (zumeist schon sehr alten) destruktiven Beziehungsmustern zu lösen. Das muss nach meiner Erfahrung nicht immer gleich ein Kontaktabbruch sein. Es kann auch sein, dass sich eine Beziehung neu gestalten lässt, solange sich mindestens einer über die alten Muster bewusst ist und diese aktiv verändert. Im besten Fall geht der andere diesen Weg mit. Leider klappt das nicht immer – und dann ist es besser, eine solche Beziehung konsequent zu beenden.

Wie kompetent, wohlwollend und berechenbar ist mein Gegenüber?

Eine interessante Frage, die meine Schwester neulich im Gespräch einwarf. Wir können uns bei Kontakten mal die Frage stellen: Wie kompetent, wohlwollend und berechenbar schätze ich mein Gegenüber ein? Nach Ansicht von Forschern sind vorwiegend diese 3 Punkte für uns enorm wichtig, um Vertrauen in eine Beziehung aufzubauen. Ist einer davon nicht erfüllt, wackelt das ganze Konstrukt.

Auch kann ich mal versuchen, meine Kontakte in 4 Kategorien einzuteilen:

 

(+ +) – wir geben und beide etwas
(+ -) bzw. (- +) – einer gibt mehr (oder ausschließlich)
(- -) – wir rauben uns eigentlich gegenseitig Energie

 

Das Ergebnis kann sehr interessant ausfallen. Und mindestens bei den (- -) – Beziehungen ist dringend darüber nachzudenken, ob sie in meinem Leben noch einen Platz brauchen. Eine Bekannte hat wohl sogar konsequent alle Menschen, die nicht unter (+ +) aufgetaucht waren, angerufen und die Beziehungen beendet. Mutig.

Heute habe ich die Wahl, wer zu meinem Netzwerk gehört.

Ob man nun so rigoros konsequent sein braucht, sei mal dahingestellt. Es zeigt für mich jedoch noch einmal ganz deutlich, dass wir heute da wir erwachsen sind allein entscheiden, mit wem wir welche Art von Beziehung eingehen. Damals als Kind war das vielleicht nicht so. Unter Umständen mussten wir nehmen, was wir kriegen konnten und im schlimmsten Fall war das auch noch destruktiv und sehr schädigend für uns. Heute haben wir die Wahl.

Also mach den Netzwerk-Check: Schau doch einmal, wo du vielleicht schon vielmehr in ein funktionierendes Netzwerk eingebunden bist, als dir manchmal selbst bewusst ist. Oder an welchen Stellen, bei welchen Beziehungen, vielleicht noch Luft nach oben ist, was die Ausgewogenheit und deine Zufriedenheit damit angeht.

 

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2 Kommentare zu “[Resilienz #7] Netzwerkorientierung – Du bist nicht allein”

  1. Die Putze sagt:

    Ehrlich gesagt brauche ich nur meine Tochter um glücklich zu sein, soziale Kontakte habe ich auch, sie sind mir aber nicht wichtig.

    Der Beitrag ist klasse geschrieben, ich komme sicherlich wieder bei dir vorbei.

    Lieben Gruß, Heike

    1. Lieblingsmensch_ME sagt:

      Vielen Dank für das Kompliment!
      In Kürze wird es auch wieder neue Artikel geben.
      Viele Grüße, Annegret

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"Auch die Lotusblume braucht Schlamm, um zu gedeihen. Sie wächst nicht auf Marmor. Wer vor dem Leid wegläuft, kann kein Glück finden." THÍCH NHẤT HẠNH

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